Die Steuerfahndung in Nordrhein-Westfalen hat nach dem Ankauf eines Datenträgers Ende 2025 insgesamt 398 Verdachtsfälle wegen möglicher Steuerhinterziehung identifiziert. Davon entfallen 64 Fälle auf Nordrhein-Westfalen. Die Daten stammen von Offshore-Dienstleistern und legen den Verdacht nahe, dass Vermögensverhältnisse über Gesellschaften in Steueroasen verschleiert wurden.
Aufdeckung durch neuen Datenträger
Das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW) erwarb Ende 2025 einen Datenträger von einem Informanten. Dieser Datensatz umfasst 3.320.148 Dateien und Ordner mit einem Volumen von 1,45 Terabyte. Die Informationen beziehen sich auf Offshore-Dienstleister mit Geschäftssitzen unter anderem auf den Cayman Islands, in Dubai, Hongkong, Mauritius, Panama, Singapur und Zypern.
Die Auswertung dieser Daten führte zur Identifizierung von 398 Verdachtsfällen bundesweit. Die übrigen Fälle leitet das LBF NRW an die betroffenen Bundesländer zur weiteren Prüfung weiter.
NRW als Vorreiter in der Finanzkriminalitätsbekämpfung
Seit dem 1. Januar 2025 bündelt das LBF NRW als erste Landesbehörde dieser Art in Deutschland die gesamte Steuerfahndung des Landes. Rund 1.200 Expertinnen und Experten sind dort tätig.
Stephanie Thien, Leiterin des LBF NRW, betont: „Die Auswertung der umfangreichen Datenpakete ist für die Steuerfahndung ein Kraftakt, welcher kriminalistisches Gespür, Akribie und Geduld erfordert.“ Sie unterstreicht, dass die Steuerfahndung mit Hochdruck an der Arbeit ist und sich von einzelnen Datenschnipseln zu konkreten Verdachtsfällen vorarbeitet. Thien charakterisiert die mutmaßlichen Fälle zudem als „hochprofessionell und extrem trickreich aufgezogen“.
NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) erklärt: „Wer sein Geld über Briefkastenfirmen in Steueroasen versteckt, muss wissen: Die Steuerfahndung in Nordrhein-Westfalen bleibt dran.“ Er rät Betroffenen, die Einkünfte bisher verschwiegen haben, eine Selbstanzeige ernsthaft zu prüfen.
Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftskriminalität in Bochum ist federführend bei den Ermittlungen zu den gesammelten Steuerdaten in NRW. Die Behörde war in früheren Steuer-CD-Verfahren an Ermittlungen beteiligt, bei denen nach Quellenangaben über 350 Millionen Euro abgeschöpft wurden. Die steuerstrafrechtliche Aufarbeitung in Nordrhein-Westfalen läuft an.
Erste Durchsuchungen haben bereits stattgefunden, weitere strafprozessuale Maßnahmen stehen bevor.
Umfassende Datenbasis und die Masche der Verschleierung
Die Datenbasis erhärtet den Verdacht, dass Offshore-Firmen in Steueroasen zur Verschleierung von Vermögensverhältnissen und zum Verbergen von Einkünften vor den Finanzbehörden genutzt wurden. Finanzminister Marcus Optendrenk äußerte zum Datensatz, er könnte Aufschluss über die trickreiche Masche der Vermögensverschiebung in Übersee-Steueroasen geben.
Die Zahlen zu bisherigen Ermittlungen der Steuerfahndung zeigen die finanziellen Auswirkungen: Im Jahr 2024 beliefen sich die Steuermehreinnahmen durch die Steuerfahndung bundesweit auf rund 2,63 Milliarden Euro aus 34.247 abgeschlossenen Fällen. Betriebsprüfungen ergaben im selben Jahr nach vorliegenden Daten 10,9 Milliarden Euro.
Blick auf die weitere Entwicklung
Die Ermittlungen des LBF NRW stehen noch am Anfang. Eine konkrete Höhe der hinterzogenen Steuern aus den nun identifizierten Fällen ist bislang nicht bekannt und wird Gegenstand der fortlaufenden Prüfungen sein. Zu den nächsten Schritten gehören intensive Datenanalysen, die Durchführung von Vernehmungen und mögliche weitere Durchsuchungen.
Parallel dazu sind Entwicklungen bei der Gewerbesteuer zu beobachten: Ab 2027 ist eine Anhebung des bundesweiten Mindeststeuersatzes für die Gewerbesteuer auf 280 Prozent geplant. Dies soll den Kommunen zusammen jährlich rund 200 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen bringen. Kommunen wie Monheim am Rhein und Leverkusen arbeiten nach vorliegenden Angaben mit Hebesätzen von rund 250 Prozent und liegen damit unter dem bundesweiten Durchschnitt von 405 Prozent.
Im April 2026 leitete die Staatsanwaltschaft Düsseldorf Razzien gegen einen Dienstleister ein, dem vorgeworfen wird, Unternehmen Scheinsitze in solchen Kommunen ermöglicht zu haben. Bei den Durchsuchungen waren nach Quellenangaben über 100 Beamte des LBF NRW im Einsatz, die Maßnahmen betrafen Orte in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Ob und in welchem Umfang die Offshore-Daten in diese oder andere Ermittlungen einfließen, wird Gegenstand weiterer Prüfungen sein.







