Das australische Fintech-Einhorn Airwallex bereitet sich aktiv auf einen möglichen Börsengang vor. Lucy Liu, Präsidentin des Unternehmens, skizziert in Interviews die Strategie zur Erreichung der Börsenreife. Dabei stehen die Optimierung interner Prozesse und Compliance-Strukturen im Vordergrund.

Airwallex positioniert sich zunehmend als KI-natives Finanzbetriebssystem und rückt autonome Finanzdienstleistungen sowie „agentic commerce“ in den Fokus.

Airwallex wurde 2015 in Melbourne gegründet und hat seine Hauptsitze nach Singapur und San Francisco verlegt. Das Unternehmen beschäftigt weltweit über 2.300 Mitarbeiter in 27 Büros. Bis Ende 2026 plant Airwallex, die Belegschaft in Singapur um über 70 Prozent auf fast 800 Mitarbeiter zu erhöhen; aktuell sind dort fast 700 Vollzeitbeschäftigte tätig.

Wachstum und strategische Neuausrichtung

Die aktuelle Unternehmensbewertung liegt bei 11 Milliarden US-Dollar. Im Dezember schloss Airwallex eine Finanzierungsrunde über 330 Millionen US-Dollar ab. Eine Serie-H-Runde folgte Ende Juni beziehungsweise Anfang Juli mit weiteren 320 Millionen US-Dollar.

Zu den Investoren der jüngeren Runde zählen Addition (Lead-Investor), Baillie Gifford, T. Rowe Price, Amex Ventures und die Washington University in St. Louis.

Zuvor investierten bereits Visa, Mastercard, Robinhood Ventures, Sequoia, Salesforce Ventures, DST Global und Lone Pine Capital.

Airwallex verzeichnet einen annualisierten Umsatz (Run Rate Revenue) von über 1 Milliarde US-Dollar. Laut Schätzungen von Sacra stieg der annualisierte Umsatz zwischen den jüngsten Finanzierungsrunden von rund 1,1 Milliarden US-Dollar auf etwa 1,5 Milliarden US-Dollar, was einem Wachstum von 36 Prozent entspricht. Im Geschäftsjahr 2025 verzeichnete das Unternehmen in Singapur eine Umsatzsteigerung von 107 Prozent.

Das Unternehmen ist EBITDA-positiv. Das positive EBITDA wurde im vierten Quartal 2025 erreicht. Der Bruttogewinn wuchs im ersten Halbjahr 2025 im Jahresvergleich um 78 Prozent.

Das ursprüngliche Geschäftsfeld grenzüberschreitender Zahlungen hat sich erweitert. Airwallex bietet eine einheitliche Zahlungs- und Finanzplattform für globale Unternehmen an, die Geschäftskonten, Zahlungen, Ausgabenverwaltung, Treasury und Embedded Finance umfasst. Mehr als die Hälfte des Bruttogewinns stammt mittlerweile aus nationalen Zahlungen und Kartenherausgabe, nicht mehr primär aus FX-Spreads.

Der Umsatzmix (Stand Mitte 2025) wird mit 60 Prozent Embedded Finance und 40 Prozent Geschäftskonten angegeben. Nach eigenen Angaben bedient das Unternehmen über 675.000 Unternehmen.

KI als zentraler Baustein der Produktstrategie

Die Neuausrichtung hin zu KI-nativen Finanzdienstleistungen zeigt sich in Produkten wie dem automatisierten Buchhaltungssystem T:0 und der „Agentic Consumer Wallet“ Airi. Lucy Liu beschreibt T:0 mit den Worten: „It's like assisted driving, like you have in a Tesla.“ und ergänzt: „You still have someone in the driver’s seat, but the car really drives itself.“

Das System soll die Kontrolle der Finanzabteilung erhalten, während Routineaufgaben automatisiert werden.

CEO Jack Zhang betont, die Finanzierung solle helfen, „move faster into Airwallex’s next chapter: autonomous finance, agentic commerce, and the infrastructure to power both.“

Liu räumt zugleich ein, dass der Zeitpunkt für einen Börsengang aktuell nicht optimal sei: „It’s just not the best time, given how complicated things are.“ Airwallex strebt an, bis Ende 2026 „IPO-ready“ zu sein.

Herausforderungen auf dem Weg an die Börse

Airwallex sieht sich auf dem Weg an die Börse mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Der Eintritt in den US-Markt verlief bisher nicht reibungslos. Regulatorische Bedenken belasten die Expansionspläne.

US-Senator Tom Cotton bezeichnete Airwallex als „Chinese backdoor into sensitive American data“ und forderte eine Untersuchung durch das Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS). CEO Jack Zhang wies die Vorwürfe zurück und erklärte, China-basierte Mitarbeiter hätten keinen Zugriff auf US-Daten. Zudem seien unabhängige Audits durchgeführt worden.

In Australien laufen indes Untersuchungen zur Einhaltung der Anti-Geldwäsche-Vorschriften.

Der Markt für Börsengänge ist 2026 stark besetzt. Unter den erwarteten Kandidaten sind SpaceX und potenziell Anthropic. Bereits zuvor führten Alibaba und ChangXin Memory Technologies große Listings durch.

Lucy Liu erkennt das Risiko, zu lange mit einem Börsengang zu warten, und verweist auf Beispiele wie Shein und Airtable. Sie weist auch darauf hin, dass größere Unternehmen Kapital aufnehmen können, ohne an die Börse zu gehen, weil viele Investoren noch zögern, öffentlich zu werden.

Ausblick auf die nächsten Schritte

Airwallex konzentriert sich darauf, interne Prozesse weiter zu stärken und Compliance-Strukturen angesichts laufender regulatorischer Prüfungen zu festigen. Die Investitionen in KI-Produkte wie T:0 und Airi sollen die Position des Unternehmens im Fintech-Markt unterstützen und Wachstum fördern. Während Airwallex anstrebt, bis Ende 2026 „IPO-ready“ zu sein, hängt ein tatsächlicher Börsengang von den Marktbedingungen und der regulatorischen Entwicklung ab.

Es bleibt abzuwarten, ob Airwallex die Bedenken bezüglich Datensicherheit und Compliance in ausreichendem Maße adressiert und seine globale Expansion fortsetzt, um für einen Börsengang attraktiv zu sein. Die Fähigkeit, in einem stark umkämpften Marktumfeld zu bestehen und regulatorische Hürden zu überwinden, wird entscheidend für die weitere Entwicklung sein.