Die Zahl der Großinsolvenzen in Deutschland steigt. Im ersten Halbjahr 2026 registrierte Allianz Trade 33 Firmenpleiten bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro. Dies entspricht einem Zuwachs von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Besonders betroffen ist die Automobilbranche mit sieben Großinsolvenzen.
Der kumulierte Jahresumsatz der insolventen Großunternehmen erhöhte sich im ersten Halbjahr 2026 um drei Prozent auf 4,5 Milliarden Euro. Weltweit gab es in diesem Zeitraum 247 Großinsolvenzen, ein Plus von 13 Prozent. Westeuropa machte dabei über 60 Prozent der global erfassten Fälle aus.
Automobilbranche unter Druck
Die Automobilbranche steht im Fokus der aktuellen Entwicklung. Sie verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 sieben Großinsolvenzen, die höchste Fallzahl unter allen Branchen. Milo Bogaerts, Deutschlandchef von Allianz Trade, Österreich und der Schweiz, stellt fest, dass es auch 2026 keine Entspannung bei den Großinsolvenzen gibt.
Branchen mit hohen Investitions- und Energiekosten sowie Unternehmen mit geringer Preissetzungsmacht bleiben laut Allianz Trade besonders anfällig. Parallel dazu sanken die Beschäftigungszahlen in der deutschen Automobilindustrie im ersten Halbjahr 2026 um 5,8 Prozent oder 42.300 Stellen auf 691.500 Beschäftigte. Dies ist der niedrigste Stand seit 2005.
Der Rückgang betrifft sowohl Fahrzeug- und Motorenhersteller, deren Mitarbeiterzahl um 6,1 Prozent auf 429.200 sank, als auch Teile- und Zubehörlieferanten mit einem Minus von 7,6 Prozent auf 219.500 Beschäftigte. Deutsche Zulieferer kämpfen zudem mit steigender Verschuldung und höheren Zinsaufwendungen. Eine Studie von Strategy& Germany zeigt, dass die Zinsaufwendungen 2025 auf 102 Prozent des operativen Gewinns stiegen.
Die Kostenlücke zu chinesischen Zulieferern hat sich zwischen 2019 und 2025 vergrößert.
Warnsignale für die deutsche Wirtschaft
Milo Bogaerts bezeichnet die anhaltend hohe Zahl der Großinsolvenzen als Warnsignal für die deutsche Wirtschaft. Er betont, dass jede dritte Insolvenz in Westeuropa der vergangenen zwölf Monate aus Deutschland stammt. Fällt ein Marktteilnehmer dieser Größenordnung aus, geraten häufig auch Zulieferer, Dienstleister und andere Geschäftspartner unter Druck.
Neben der Automobilbranche verzeichneten der Einzelhandel mit fünf Fällen, der Maschinenbau mit vier Fällen und der Dienstleistungssektor mit ebenfalls vier Fällen im ersten Halbjahr 2026 jeweils mehrere Großinsolvenzen. Die durchschnittliche Umsatzgröße der insolventen Großunternehmen verringerte sich. Im ersten Halbjahr 2026 lag der durchschnittliche Umsatz pro insolventes Großunternehmen bei etwa 137 Millionen Euro, rund sieben Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Dies deutet darauf hin, dass tendenziell kleinere Großunternehmen betroffen sind.
Gemischte Konjunktursignale
Die Entwicklung der Großinsolvenzen steht nicht zwingend im Einklang mit allen Konjunkturdaten. Im Juli 2026 stiegen die Auftragseingänge der deutschen Industrie saison- und kalenderbereinigt um 2,5 Prozent zum Vormonat. Diesen Anstieg trug nahezu ausschließlich der sonstige Fahrzeugbau mit einem Plus von 126 Prozent zum Vormonat, bedingt durch staatliche Verteidigungsaufträge.
Gleichzeitig sanken die Auftragseingänge in der Autoindustrie im Juli 2026 um 12,5 Prozent. Der Umsatz im verarbeitenden Gewerbe verringerte sich um 1,5 Prozent zum Vormonat.
Der Ifo-Geschäftsklimaindex für die gesamte deutsche Wirtschaft lag im August 2026 bei 88,8 Punkten, nach 86,7 im Juli. Für die Automobilindustrie blieb der Index bei minus 15,6 Punkten im Juli. Die Arbeitslosigkeit stieg im Juli 2026 um 71.000 auf 3,007 Millionen.
Die Arbeitslosenquote lag bei 6,4 Prozent. Bei den BIP-Prognosen für 2026 gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Die Bundesbank erwartet 0,5 Prozent Wachstum, die Europäische Kommission 0,6 Prozent und das Ifo-Institut 1,4 Prozent.
Ausblick und Herausforderungen
Allianz Trade erwartet auch im weiteren Jahresverlauf 2026 keine nachhaltige Entspannung bei den Großinsolvenzen. Im April 2026 prognostizierte der Kreditversicherer für die Gesamtzahl der Unternehmensinsolvenzen aller Größenklassen für 2026 24.650 Fälle, ein Plus von zwei Prozent gegenüber 2025. Für 2027 wird ein Rückgang auf 24.150 Fälle, ein Minus von zwei Prozent, erwartet.
Die Insolvenzstatistik reagiert oft zeitverzögert auf konjunkturelle Entwicklungen.
In der Automobilbranche zeigen sich zusätzlich unternehmensspezifische Krisen. Berichte über umfangreiche Restrukturierungsdiskussionen bei Volkswagen nennen in einer Quelle bis zu 140.000 potenziell betroffene Arbeitsplätze. Die Berichte variieren in den genannten Zahlen.
Oliver Blume, CEO von Volkswagen, bezeichnete Werksschließungen innerhalb des Jahrzehnts als unrealistisch. Betriebsratschefin Daniela Cavallo und Vertreter der IG Metall äußerten deutliche Kritik an Management und Kommunikation.
Diese Kombination aus hoher Fallzahl bei Großinsolvenzen, sektoralen Belastungen und uneinheitlichen Konjunktursignalen prägt die Aussichten für viele deutsche Unternehmen. Analysten und Marktteilnehmer werden die Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen und die Reaktionen großer Konzerne in den kommenden Monaten aufmerksam beobachten.







