Amazon digitalisiert Bücher massenhaft für KI-Training: Ein Wettlauf um Daten
Der Tech-Konzern Amazon kauft physische Bücher massenhaft, digitalisiert sie für das Training Künstlicher Intelligenz und vernichtet sie anschließend. Dies berichten Recherchen von 404 Media, die ein Amazon-Lager in Las Vegas (VGT3) identifizierten. Die Hinwendung zu physischen Beständen deuten Marktbeobachter als Reaktion auf die Verknappung frei zugänglicher digitaler Textquellen.
Kampf um Trainingsdaten eskaliert
Die Nachfrage nach unveröffentlichten Textdaten steigt stetig. Viele frei zugängliche digitale Inhalte sind bereits in Trainingskorpora von KI-Modellen genutzt worden. KI-Firmen suchen deshalb verstärkt nach physischen Beständen, um Modelle mit menschlich verfassten, redigierten Texten zu trainieren.
Öffentlich wurde das Thema erstmals durch Gerichtsakten im Verfahren gegen das KI-Unternehmen Anthropic.
Interne Anthropic-Dokumente nennen ein „Project Panama“ mit dem Ziel, „alle Bücher der Welt destruktiv zu scannen“. Berichten zufolge sahen Vertrags- oder Vergütungspläne Zahlungen von rund 3.000 US-Dollar pro Buch vor.
Amazon betreibt Scan-Lager in Las Vegas
404 Media belegte, dass ein per AirTag verfolgtes Buch in das Amazon-Lager VGT3 in Las Vegas gelangte. Dort würden Bücher gescannt und anschließend vernichtet, heißt es in der Recherche. Amazon bestätigte gegenüber 404 Media, das Unternehmen kaufe Bücher über kommerzielle Kanäle, „um die eigenen Produkte und Dienste zu verbessern“.
Teil dieser Strategie ist ein rechtliches Kalkül: Physische Exemplare werden rechtmäßig erworben und anschließend für das Training von KI-Modellen transformativ genutzt. Richter William Alsup merkte im Prozess gegen Anthropic an, die Nutzung von Texten aus rechtmäßig erworbenen und digitalisierten Quellen für das Training von KI-Modellen könne als „hochgradig transformative Nutzung“ gelten. Diese könnte damit unter die „Fair Use“-Doktrin fallen.
Buchhändler als Zulieferer für Tech-Firmen
Die Nachfrage nach physischen Büchern wirkt sich auf den Buchhandel aus. Händlern zufolge reichen Bestellungen von einigen Hundert bis zu einer Million Exemplaren. Häufig geht es um Ladenhüter, veraltete Fachbücher, Kochbücher, Reiseführer und Regionalliteratur.
Dies sind Titel, die bislang kaum oder gar nicht digital vorlagen und damit für Modelle als „neu“ gelten. Gesucht werden dem Bericht zufolge besonders Bücher mit ISBN-Nummern ab den 1970er Jahren.
Der Bielefelder Buchverkäufer Michael Ströter erhielt im April 2026 Großbestellungen von Zoom Books, einer kanadischen Plattform, die sich selbst als Nordamerikas führende Firma für Buchrecycling bezeichnet. Ströter stornierte die Aufträge. Zoom Books bestreitet, Bände für KI-Training zu digitalisieren und zu zerstören und gab laut Berichten keine Auskunft über Abnehmer. 404 Media identifizierte Zoom Books dennoch als Käufer für KI-Unternehmen.
Ähnliche Großbestellungen wurden dem Bericht zufolge auch aus Deutschland, Bulgarien, Großbritannien, Neuseeland und Luxemburg gemeldet.
Während manche Buchhändler den Abverkauf bisher unverkäuflicher Bestände begrüßen, äußern andere Bedenken. Der Tübinger Antiquar Roger Sonnewald sagte: „Diebstahl ist das nicht, die Werke werden bezahlt. Verloren geht trotzdem Kulturgut, weil es um große Mengen geht.“
Wertewandel und rechtliche Grauzone
Die Praxis wirft ethische und wirtschaftliche Fragen auf. Für KI-Modelle liegt der Wert eines Buches weniger in seiner Seltenheit als in seiner „Neuheit“ als digitaler Text. Dadurch erhalten zuvor unverkäufliche Bücher eine neue wirtschaftliche Relevanz.
Gleichzeitig sind die Angaben widersprüchlich, ob gezielt seltene oder kulturell bedeutsame Bücher gekauft werden. Einige Berichte betonen, es gehe vorrangig um nicht digitalisierte Mengenware. Andere sprechen von der Vernichtung „historischer Werke aus dem 18. und 19. Jahrhundert“.
Ökonomisch könnte die Nachfrage ein neues Geschäftsmodell für Antiquariate schaffen. Zugleich besteht das Risiko eines Wettlaufs um verbleibende Bestände. Die Praxis wird als Reaktion auf frühere Urheberrechtsstreitigkeiten über Online-Schattenbibliotheken beschrieben.
Sie stützt sich auf eine Auslegung der Fair-Use-Doktrin, deren endgültige juristische Klärung offen ist und die wirtschaftliche Tragweite beeinflussen dürfte.
Ausblick: Regulierung und Marktreaktion
Die Beteiligung großer Anbieter wie Amazon zeigt, wie Tech-Firmen ihre Ressourcen nutzen, um Wettbewerbsvorteile im KI-Bereich zu sichern. Interne E-Mails von Meta aus dem Jahr 2024 bezeichneten Bücher als „vital im Wettbewerb mit anderen KI-Firmen“. Dies könnte kleinere Marktteilnehmer benachteiligen.
Die Debatte über die Materialien, mit denen KI trainiert wird, gewinnt an Bedeutung. Michael Ströter forderte „eine Debatte darüber, mit welchem Material Künstliche Intelligenz eigentlich trainiert wird“. Während Buchhändler in den neuen Bestellungen einen Absatzkanal sehen, warnen Bibliotheks-, Historiker- und Antiquariateverbände vor dem Verlust von Kulturgut.
Ob sich die destruktive Digitalisierung als Standard durchsetzt oder regulatorisch eingehegt wird, hängt unter anderem von künftigen gerichtlichen Entscheidungen zur Auslegung von „Fair Use“ in den USA ab. Eine solche Klärung dürfte die Dynamik dieses neuen Marktes maßgeblich bestimmen.







