Der Vermögensverwalter Amundi setzt mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP)-gewichteten Welt-ETF einen neuen Akzent in der passiven Geldanlage. Seit Mitte Mai ist der „Amundi FTSE All World GDP-Weighted UCITS ETF“ für Anleger zugänglich. Der Ansatz zielt darauf ab, durch eine Abkehr von der reinen Marktkapitalisierungsgewichtung das Konzentrationsrisiko in Portfolios zu mindern.
Finanzexperten debattieren derweil über die Implikationen dieser Gewichtungsmethodik für globale Anlagestrategien.
Der Amundi-ETF mit der ISIN IE000KCKFHE8 bildet den FTSE All-World GDP-Adjusted Index ab. Bei diesem Index werden Ländergewichte nach ihrer wirtschaftlichen Leistung gewichtet. Dies unterscheidet sich von der klassischen Marktkapitalisierungsgewichtung, welche primär den Börsenwert der Unternehmen berücksichtigt.
Benoit Sorel, Leiter des Geschäftsfelds ETF & Indexing bei Amundi, betont die Notwendigkeit einer widerstandsfähigeren und diversifizierteren Portfolioausrichtung in einem unsicheren Marktumfeld.
Amundi bietet überdies einen BIP-gewichteten Anleihen-ETF an. Auch andere Fonds beziehungsweise Konzepte, wie das „L&G Gerd Kommer Multifactor Equity“ oder der „Arero“-Fonds, berücksichtigen die staatliche Wirtschaftskraft teilweise in ihrer Allokation.
Neuausrichtung der globalen Gewichte
Die Einführung des BIP-gewichteten ETFs führt zu einer Verschiebung der regionalen Gewichtung innerhalb eines Weltportfolios. Während die USA im klassischen MSCI World Index aktuell noch über 70 Prozent und im FTSE All-World Index mehr als 60 Prozent ausmachen, sinkt ihr Anteil im Amundi BIP-ETF auf rund 30 Prozent. Im Gegenzug steigt die Gewichtung von Ländern wie China auf über 15 Prozent und Indien auf mehr als zehn Prozent.
Auch Deutschland legt von knapp über zwei Prozent auf fast fünf Prozent zu. Dies entspricht dem Ziel, die globale Wirtschaftsleistung direkter abzubilden und die Dominanz einzelner Märkte zu verringern.
Die Umstellung betrifft auch die Sektorenallokation. Im BIP-gewichteten Amundi-ETF macht die Technologiebranche nach Anbieterangaben weniger als ein Viertel des Portfolios aus. Dies ist ein deutlicher Unterschied zu über 30 Prozent in herkömmlichen Welt-ETFs.
Nvidia ist im Amundi-ETF mit etwas mehr als zwei Prozent gewichtet, gefolgt von Apple und Tencent. Die Finanzbranche liegt bei knapp 22 Prozent, gefolgt von Informationstechnologie mit knapp 20 Prozent.
Die Kontroverse um den BIP-Ansatz
Befürworter sehen im BIP-Ansatz vorrangig eine Reduzierung des Konzentrationsrisikos. Jannes Lorenzen, Geschäftsführer des Portals JustETF, hebt hervor, dass ein Einbruch von US-Aktien einen BIP-gewichteten ETF deutlich weniger stark treffen würde als Standard-ETFs. Zudem erhöht der Ansatz das Engagement in Schwellenländern und in Europa, welche in traditionellen Indizes oft unterrepräsentiert sind.
Für den Privatanleger kann ein Vorteil in der vereinfachten Handhabung liegen. Ein regelmäßiges Rebalancing eines selbst zusammengestellten BIP-Portfolios entfällt nach Auffassung von Amundi-Vertretern.
Diesen Vorteilen stehen strukturelle Risiken gegenüber. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftskraft eines Landes und der Verfügbarkeit börsennotierter Unternehmen. In wirtschaftsstarken Ländern mit einem geringen Börsenanteil kann das zu einer Konzentration auf wenige Aktien führen.
Ali Masarwah, Chef des Fondsberaters Envestor, warnt zudem vor politischen Risiken, die mit einem höheren China-Anteil einhergehen, und bezeichnet den BIP-Ansatz als „One-Stop-Shop“. Er schlägt vor, dass Anleger mit mehreren ETFs gezielter investieren können.
Kosten und Rendite: Eine gemischte Bilanz
Historische Renditevergleiche zeigen ein geteiltes Bild. Über fünf Jahre erzielte der entsprechende FTSE-BIP-Index eine Dollar-Rendite von durchschnittlich 9,3 Prozent, während der marktkapitalisierungsgewichtete FTSE All-World Index 11,4 Prozent erreichte. Es gab jedoch Phasen, insbesondere vor der Finanzkrise 2008, in denen der BIP-Index besser abschnitt.
Langfristige Analysen über Jahrzehnte zeigen, dass die BIP-Gewichtung über 50 Jahre von 1970 bis 2019 mit 9,70 Prozent Rendite leicht vor der Marktkapitalisierung (8,71 Prozent) lag. Seit etwa 2010 kehrte sich dieser Trend um, unter anderem infolge der starken Performance von US-Tech-Aktien.
Auch bei den Kosten gibt es Unterschiede. Der Amundi-ETF weist jährliche Verwaltungsgebühren (TER) von 0,3 Prozent auf, während der größte marktkapitalisierungsgewichtete FTSE-All-World-ETF auf etwa 0,14 Prozent kommt. Amundi schätzt zusätzliche Transaktionskosten von rund 0,1 Prozent für den Aktien-ETF.
Jannes Lorenzen weist darauf hin, dass dieser Kostenunterschied über lange Anlagezeiträume Rendite kosten kann. Zudem liegt der jährliche Portfolioumschlag des MSCI ACWI GDP-Weighted Index in den zwölf Monaten bis April 2025 bei 8,3 Prozent, der des marktkapitalisierungsgewichteten MSCI ACWI bei 2,6 Prozent. Das führt zu höheren Transaktionskosten.
Ausblick und offene Fragen
Die Einführung des BIP-gewichteten ETFs durch Amundi eröffnet Investoren eine weitere Möglichkeit zur geografischen Diversifikation und zur Reduzierung der US-Lastigkeit im Portfolio. Wenn du bewusst den US-Anteil senken möchtest, kann der Amundi-ETF eine Option sein. Gleichzeitig solltest du die höheren laufenden Kosten und die politischen Risiken, insbesondere in China, berücksichtigen.
Marktkapitalisierungsgewichtete ETFs bleiben für viele Experten der Standardansatz des passiven Investierens, weil sie die Erwartungen der Marktteilnehmer in Echtzeit widerspiegeln und tendenziell geringeren Aktienumschlag verursachen.
Ob der BIP-Ansatz langfristig eine Outperformance gegenüber der Marktkapitalisierungsgewichtung erzielen kann, wird die Zeit zeigen. Analysten werden die Performance und die Kostenentwicklung des Amundi-ETFs beobachten. Die jährlichen IWF-Fünfjahresprognosen im September bilden eine Grundlage für die Indexanpassungen der BIP-Gewichtung und liefern Daten, die kurzfristig Wirkungen auf die regionalen Gewichtungen haben können.







