Animoca Brands richtet sein Geschäftsmodell neu aus. Der in Hongkong ansässige Beteiligungskonzern, der vorrangig durch frühe Investitionen in das Web3-Gaming bekannt wurde, forciert nun die Tokenisierung von Real World Assets (RWAs), regulierten Stablecoins und die Integration Künstlicher Intelligenz. Über das mit Animoca verbundene Protokoll NUVA bindet das Unternehmen reale Vermögenswerte im Volumen von rund 19 Milliarden US-Dollar an das Ethereum-Netzwerk an.

Dieser Schritt markiert eine fundamentale Verschiebung in der Krypto- und Web3-Industrie: weg von volatilen Token-Spekulationen, hin zu belastbaren Infrastrukturen und realwirtschaftlichen Nutzungsfällen.

Die 19-Milliarden-Dollar-Brücke ins Ethereum-Ökosystem

Im Zentrum der Neuausrichtung steht die Plattform NUVA. Betrieben wird das System von Nuva Labs unter der Leitung des ehemaligen BNY-Mellon-Managers Anthony Moro. NUVA fungiert als Vertriebs- und Abwicklungsschicht, die institutionelle Vermögenswerte aus geschlossenen Systemen in öffentliche DeFi-Märkte einspeist.

Konkret verknüpft das Protokoll besicherte Vermögenswerte aus dem Ökosystem der Provenance-Blockchain, die unter anderem von Figure Technologies Solutions genutzt wird, direkt mit der Ethereum-Blockchain.

Das Produktangebot stützt sich auf zwei tragende Säulen. Das Tresor-Produkt nvPRIME koppelt Kapital an ein Portfolio aus Eigenheimkreditlinien (HELOCs) von Figure Technologies im Gesamtumfang von 18,4 Milliarden US-Dollar. Die Anbieter stellen dabei Renditen von über sieben Prozent in Aussicht.

Daneben positioniert Nuva das Produkt nvYLDS. Dieses ist an den durch die US-Börsenaufsicht SEC regulierten Stablecoin YLDS angebunden, der ein Umlaufvolumen von über 500 Millionen US-Dollar aufweist.

Über diese Konstruktionen erhalten sowohl institutionelle als auch private Investoren einen regulierten Zugang zu traditionellen Kreditforderungen innerhalb dezentraler Finanzstrukturen.

Konvergenz aus KI, Blockchain und digitaler Identität

Animoca beschreibt die technologische Architektur der neuen Strategie in vier aufeinander abgestimmten Schichten. Arman Mamyan, Integration Lead bei Animoca Brands, fasst das Modell zusammen: Künstliche Intelligenz liefert die Intelligenz, die Blockchain garantiert Eigentum und Abwicklung, Stablecoins stellen die Geldebene dar und digitale Identitäten bilden das notwendige Vertrauensfundament.

Zudem bereitet sich das Unternehmen auf eine rasante Zunahme autonomer Software-Agenten vor. Chairman Yat Siu prognostiziert das Entstehen von 50 bis 100 Milliarden autonomer Agenten, die wirtschaftliche Transaktionen künftig eigenständig über Krypto-Wallets abwickeln. Da Softwareprogramme keine traditionellen Bankkonten eröffnen können, bildet die Blockchain-Infrastruktur für diese Agenten die einzig zugängliche Zahlungsebene.

Als technische Basis dient Animocas Blockchain-Mainnet Moca Chain, das gleichermaßen für menschliche Nutzer wie für autonome Programme ausgelegt ist. Spezifische Features wie Kontoabstraktion, Passkeys, gebündelte Batch-Transaktionen und gesponserte Transaktionsgebühren (Gas-Sponsoring) sollen die technischen Hürden traditioneller Krypto-Wallets für Anwender im Hintergrund halten.

Institutionelle Allianzen und Umbau des Beteiligungsportfolios

Parallel zum Start von NUVA forciert Animoca die direkte Anbindung an traditionelle Finanznetzwerke. Eine Absichtserklärung mit Rayls, einem Anbieter für permissioned und EVM-kompatible Infrastruktur, zielt auf eine Pipeline für Identifikation, Tokenisierung und konforme Distribution von Real World Assets unter Einhaltung strenger institutioneller Datenschutzstandards ab.

Die Initiative trifft auf einen Markt im Umbruch, in dem auch etablierte Finanzschwergewichte Blockchain-Lösungen erproben. Das weltweite Zahlungsnetzwerk Swift implementiert ein Blockchain-Ledger für tokenisierte Bankeinlagen und schloss grenzüberschreitende Live-Transaktionen mit HSBC und Standard Chartered ab. Gleichzeitig vertiefen Vermögensverwalter wie BlackRock und VanEck ihre Engagements im Markt für Digital Assets.

Dieser institutionelle Wandel schlägt sich unmittelbar im Portfolio von Animoca nieder. Der Konzern hält 628 Beteiligungen, von denen rund 230 im Gaming-Bereich angesiedelt sind. Wachsende Kapitalanteile fließen nun in KI, DeFi, RWAs und Basisinfrastruktur.

Unter anderem beteiligte sich Animoca an der Seed-Finanzierungsrunde der französischen Krypto-Neobank Deblock über 12 Millionen Euro. Kundengelder bei Deblock unterliegen bis zu einer Summe von 100.000 Euro der staatlichen Einlagensicherung durch den französischen Fonds FGDR.

Gleichzeitig konsolidiert Animoca bestehende Gaming-Werte. Die AlphaTON Capital Corp. unterzeichnete eine Absichtserklärung zur Übernahme von 51 Prozent an der Animoca-Portfoliogesellschaft Gamee Limited. Die Vereinbarung sieht zudem geplante Sekundärmarktkäufe von bis zu drei Millionen US-Dollar in GMEE und einer Million US-Dollar in WAT vor.

Konsolidierung der Bilanz und offene Börsenpläne

Gleichwohl muss Animoca Brands den strategischen Umbau mit den eigenen bilanziellen Realitäten in Einklang bringen. Der Konzern passte seine Ambitionen bereits an: Das Zielvolumen des Web3-Fonds Animoca Capital wurde im Januar 2023 von ursprünglich avisierten ein bis zwei Milliarden US-Dollar auf eine Milliarde US-Dollar halbiert.

Zudem unterliegen die ausgewiesenen Vermögenswerte erheblichen Schwankungen. Zum 30. April 2023 bezifferte das Unternehmen die ungeprüften Gesamtanlagen auf 3,4 Milliarden US-Dollar.

Zum Stichtag 31. März 2024 lagen die Vermögenswerte bei mindestens 2,7 Milliarden US-Dollar. Davon entfielen 291 Millionen US-Dollar auf Barmittel und Stablecoins, 558 Millionen US-Dollar auf liquide Digital Assets sowie 1,8 Milliarden US-Dollar auf außerbilanzielle Tokenreserven der Web3-Tochtergesellschaften.

In der Vergangenheit führten wiederholte Verzögerungen bei der Vorlage vollständig auditierter Jahresabschlüsse zu Kritik im Markt.

Auch die Börsenpläne gerieten ins Stocken. Animoca zog Pläne für eine Fusion über einen Reverse Merger mit der KI-Fintech-Gruppe Currenc Group zur Notierung an der Nasdaq zurück und stellte das Vorhaben vorerst auf Eis. Das Management betont jedoch, grundsätzlich an einem späteren Börsengang festhalten zu wollen.

Chief Strategy Officer Keyvan Peymani kündigt unterdessen an, die Aktivitäten in den Segmenten RWA, KI und Stablecoins weiter zu forcieren. Ob Animoca Brands seine dominante Marktstellung aus der ersten Web3-Welle erfolgreich in die Ära tokenisierter Realwirtschaftswerte übertragen kann, entscheidet sich letztlich an der Akzeptanz im institutionellen Sektor: Etablierte Kapitalgeber müssen beweisen, wie schnell sie bereit sind, derartige On-Chain-Kreditstrukturen in großem Maßstab in ihre Portfolios zu integrieren.