Investoren blicken wieder verstärkt auf Anleihen: Trotz anhaltender Marktschwankungen und hoher Staatsverschuldung positionieren sich Anleger erneut in festverzinslichen Wertpapieren. Steigende Geldmarktzinsen machen Anleihen für Investoren wieder attraktiv. Die Zinsen sind nach einer Phase schneller und starker Leitzinserhöhungen zur Bekämpfung der Inflation wieder gefallen; die Volatilität bleibt hoch, und das Risikoprofil verschiedener Anleihesegmente hat sich verändert.
Hakem Saidi, Senior Portfolio Manager Global Bonds bei BayernInvest, konstatiert: „Die Ära des billigen Geldes ist vorbei.“ Der Markt rechnet mit zwei bis drei Zinssenkungen der US-Notenbank Fed im kommenden Jahr – von einem Leitzins von 4,25 bis 4,50 Prozent auf 3,50 bis 3,75 Prozent. Umfragen erwarten auch bei der EZB zwei bis drei Schritte in Richtung eines Einlagensatzes um zwei Prozent.
Der jüngste Inflationsanstieg in den USA auf drei Prozent könnte diesen Lockerungskurs allerdings bremsen. Saidi sieht ein Zinsniveau von rund drei Prozent bei zehnjährigen Bundesanleihen eher als neue Normalität denn als Ausnahme.
Volatilität und Rendite im Wandel
Die Zinsentwicklung der vergangenen zwei Jahre war von erheblicher Unsicherheit geprägt, da die Notenbanken entschieden gegen die Inflation vorgingen. Obwohl Investoren heute weniger mit weiteren Zinserhöhungen rechnen, bleibt die Volatilität hoch. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen, die zu Jahresbeginn bei 2,1 Prozent notierten, stiegen im März stark an, fielen Anfang April und liegen laut Quellen derzeit bei 2,52 Prozent.
Die Volatilität deutscher Staatsanleihen mit 15 Jahren Restlaufzeit liegt nur unwesentlich unter der des DAX 40. Die Volatilität von Investment-Grade-Anleihen ist leicht gestiegen, die von High-Yield-Anleihen deutlich gefallen. Für 2025 wird eine Seitwärtsbewegung der Staatsanleihenrenditen erwartet, allerdings bei einer Volatilität deutlich über dem Langfristdurchschnitt.
Die Spreads bei Unternehmensanleihen sollen eng und im langfristigen Vergleich recht stabil bleiben.
Kurzfristige Renditen reagieren vorrangig auf Leitzinserwartungen; mittel- und längerfristige Renditen werden stärker von Wachstumserwartungen und der langfristigen Staatsverschuldung beeinflusst.
Staats- versus Unternehmensanleihen: Die neue Risikoverteilung
Die Schuldenlast vieler öffentlicher Emittenten ist durch Krisen wie Corona und die internationale Finanzkrise deutlich gestiegen. Die US-Staatsschuldenquote wird für 1999 mit 60 Prozent und für 2024 mit 120 Prozent des BIP prognostiziert, während die Verschuldung amerikanischer Unternehmen laut Quellen relativ stabil blieb.
Bundesanleihen gelten weiterhin als vergleichsweise risikoarme Anlage. Thomas Romig, CIO Multi Asset bei Assenagon, sagt jedoch, der Diversifikationseffekt zu Aktien sei seit März 2021 nicht mehr gegeben; er steht langfristigen deutschen Staatsanleihen kritisch gegenüber und bevorzugt Unternehmensanleihen mit kürzerer Laufzeit wegen eines besseren Chance-Risiko-Verhältnisses. Vincenzo Vedda, CIO bei DWS, beurteilt Bundesanleihen hingegen als attraktiv wegen ihres Risiko-Ertrags-Profils.
Der Markt für Bundesanleihen ist im Vergleich zu US-Treasuries deutlich kleiner und weniger liquide. Das tägliche Handelsvolumen bei US-Treasuries wird mit 600 bis 1.000 Milliarden US-Dollar angegeben und damit als mindestens zehn- bis zwanzigfach des Volumens bei Bundesanleihen beschrieben.
Investment-Grade-Unternehmensanleihen bieten tendenziell höhere Erträge als Staatsanleihen, allerdings lassen niedrige Spreads wenig Raum für Kurssteigerungen. High-Yield-Anleihen zahlen höhere Coupons, bieten aber bei einer möglichen Konjunkturabkühlung geringere Risikopuffer. Eine Studie zeigt für März 1999 bis August 2020 eine durchschnittliche Jahresrendite von 7,15 Prozent bei High-Yield-Bonds (Volatilität 9,06 Prozent) gegenüber 5,13 Prozent beim MSCI World (Volatilität 16,57 Prozent).
Daraus wird abgeleitet, dass Hochzinsanleihen die Gesamtvolatilität eines Portfolios reduzieren können.
Strategien für das neue Anleihezeitalter
Angesichts dieser Entwicklungen empfiehlt Neuberger Berman, nicht ausschließlich auf Staatsanleihen zu setzen, sondern auch in andere Kreditsegmente wie High-Yield-Anleihen, Loans oder Kreditverbriefungen zu investieren und aktives Zins- und Kreditrisikomanagement zu nutzen. Weltweit anlegende Strategien können regionale Unterschiede und unterschiedliche Konjunkturphasen ausnutzen. Illiquides Private Credit wird als zusätzliches Ertragspotenzial mit Diversifikationseffekt genannt.
Kurzlaufende Anleihen werden von mehreren Anbietern als Alternative zu Cash und als Baustein in Portfolios empfohlen. Mark Munro von Aberdeen Investments betont, dass kurzlaufende Kreditanlagen Erträge mit relativer Stabilität verbinden können. In der Eurozone wiesen Unternehmens- und Staatsanleihen mit ein bis drei Jahren Laufzeit in den vergangenen fünf Jahren eine annualisierte Volatilität von rund 1,5 bis 1,6 Prozent auf; länger laufende Titel zeigten 4,2 bis 4,5 Prozent Volatilität.
Der ICE BofA 1-3 Year Global Corporate Index verzeichnete in den vergangenen 28 Jahren nur ein einziges Jahr mit negativer Gesamtrendite.
Einige Analysten sehen Chancen in Nischen. Lazard Asset Management empfahl 2021, außerhalb der Eurozone in globale Rentenkonzepte, Wandelanleihen, Emerging Markets Debt, Hybridanleihen oder dänische Pfandbriefe zu investieren. Skandinavische Anleihen werden als interessant beschrieben; für die Region werden rund zwei Prozent Wachstum für 2025 und moderate Inflation genannt.
Berenberg fokussiert auf Nachranganleihen von Banken und Versicherern und sieht dort strukturelle Attraktivität und Opportunitäten, etwa bei kleineren Banken und Bankanleihen der europäischen Peripherie.
Ausblick auf ein komplexes Zinsumfeld
Die Anleihenmärkte stehen vor einer Phase erhöhter Komplexität. Die Term-Prämien für Staatsanleihen liegen weiterhin niedrig (USA etwa 0,6 Prozent, Deutschland etwa 0,3 Prozent), und Risikoaufschläge bei Investment-Grade-, High-Yield- und Emerging-Markets-Anleihen sind eng. Analysten erwarten, dass das Zinsniveau der zehnjährigen Bundesanleihen von derzeit etwa 2,5 Prozent in den kommenden Monaten in einem vergleichbaren Korridor verbleiben wird.
Die Entwicklung der Kerninflation in den USA und der Eurozone bleibt ein entscheidender Faktor für das Tempo von Zinssenkungen.
Das gestiegene Renditeniveau bietet wieder die Möglichkeit, planbare Erträge zu erzielen; die erhöhte Volatilität macht jedoch eine genaue Analyse der Emittenten und eine flexible Portfolioallokation erforderlich. Eine Rückkehr zu der früheren, klar defensiven Funktion von Anleihen als zuverlässige „Versicherung“ gegen Aktienvolatilität ist nach den genannten Einschätzungen kurzfristig unwahrscheinlich. Die Anlegerlandschaft passt sich weiterhin an dieses neue Umfeld an.







