Das KI-Unternehmen Anthropic reicht am 26. Oktober 2026 seine Registrierungserklärung über das Formular S-1 bei der US-Börsenaufsicht SEC ein und leitet damit einen der bisher größten Technologie-Börsengänge ein. Das Papier soll am Nasdaq Global Select Market unter dem Tickersymbol „ANT“ gelistet werden.

Der Wertpapierprospekt legt detaillierte Kennzahlen zu Erlösen, gewaltigen Infrastrukturverpflichtungen sowie einer Governance-Struktur offen, die den Einfluss von Publikumsaktionären strikt begrenzt.

Steiles Umsatzwachstum und buchhalterische Sondereffekte

Die Einreichung belegt eine außergewöhnliche Dynamik im operativen Geschäft. Im ersten Halbjahr 2026 erwirtschaftet Anthropic einen Umsatz von 16,29 Milliarden US-Dollar, nachdem das Unternehmen im Vorjahreszeitraum knapp 1,2 Milliarden US-Dollar verbucht hatte. Das entspricht einer Steigerung um rund das Vierzehnfache.

Den Ausschlag gibt vorrangig das zweite Quartal: Nach 4,73 Milliarden US-Dollar im Auftaktquartal klettert der Erlös im Folgequartal auf mehr als 11,5 Milliarden US-Dollar. Entsprechend zieht die annualisierte Umsatzrate an. Sie steigt von rund 47 Milliarden US-Dollar im Mai 2026 auf über 65 Milliarden US-Dollar im Juli 2026.

Wesentliche Erlösquellen bilden nutzungsabhängige Abrechnungen mit 13,1 Milliarden US-Dollar sowie Abonnements mit 3,2 Milliarden US-Dollar im ersten Halbjahr 2026. Auch spezialisierte Angebote tragen maßgeblich zum Wachstum bei. Das Programmierwerkzeug Claude Code erreicht rund ein Jahr nach seiner Veröffentlichung im Februar 2025 bereits eine annualisierte Run-Rate von über 2,5 Milliarden US-Dollar.

Parallel dazu weist Anthropic für das erste Halbjahr 2026 einen rechnerischen Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar aus, nach 12,9 Milliarden US-Dollar im ersten Halbjahr 2025. Der tatsächliche operative Verlust sinkt im gleichen Zeitraum jedoch von rund 2,1 Milliarden US-Dollar auf 693 Millionen US-Dollar. Rund 72 bis 72,4 Milliarden US-Dollar des ausgewiesenen Nettoverlusts resultieren aus nicht zahlungswirksamen Anpassungen des beizulegenden Zeitwerts.

Diese Neubewertungen von Wandelanleihen, derivativen Verbindlichkeiten und SAFE-Vereinbarungen spiegeln unmittelbar den massiven Anstieg der Bewertung des Unternehmens wider.

Die finanzielle Ausstattung bleibt trotz des bilanziellen Fehlbetrags komfortabel. Zum 30. Juni 2026 verfügt Anthropic über liquide Mittel und kurzfristige Anlagen von insgesamt rund 131,7 Milliarden US-Dollar.

Davon entfallen 112,4 Milliarden US-Dollar auf liquide Barmittel und 19,3 Milliarden US-Dollar auf kurzfristige Wertpapiere. Den Großteil dieser Reserven steuert die Serie-H-Finanzierungsrunde von Ende Mai 2026 bei, die 65 Milliarden US-Dollar bei einer Post-Money-Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar einbrachte.

Enorme Verpflichtungen bei Rechenleistung und Klumpenrisiken

Auf der Kostenseite verdeutlicht der Prospekt den Kapitalbedarf des KI-Sektors. Anthropic listet vertragliche Zahlungsverpflichtungen für Rechenkapazitäten in einer Spanne von rund 500 Milliarden bis zu 567 Milliarden US-Dollar für die kommenden Jahre auf. Unter den Vereinbarungen sticht ein Vertrag mit SpaceX über bis zu 120,5 Milliarden US-Dollar bis 2029 hervor, flankiert von einem Kontrakt mit Microsoft Azure über mindestens 44,9 Milliarden US-Dollar für den Zeitraum zwischen November 2026 und Mai 2033.

Im ersten Halbjahr 2026 fließen knapp 9 Milliarden US-Dollar in Serverinfrastruktur und Rechenressourcen. Für die reine Modellforschung und -entwicklung wendet das Unternehmen parallel rund 9,7 Milliarden US-Dollar auf. Der Marketingaufwand beziffert sich im selben Zeitraum auf über 3 Milliarden US-Dollar.

Gleichzeitig baut Anthropic die Basis an lukrativen Unternehmenskunden zügig aus. Zum Stichtag 30. September 2026 verzeichnet das Unternehmen mehr als 11.900 Geschäftskunden, die in den vergangenen zwölf Monaten jeweils mindestens 100.000 US-Dollar Erlös generieren.

Ein Jahr zuvor lag dieser Wert bei lediglich rund 950 Kunden. Mehr als 1.900 Kunden steuern mittlerweile mindestens 1 Million US-Dollar bei, während rund 250 Kunden ein jährliches Volumen von über 10 Millionen US-Dollar erreichen. Die Net Revenue Retention liegt bereinigt um Privatabonnements bei rund 900 Prozent.

Trotz dieser Expansion offenbart das Zahlenwerk eine erhebliche Abhängigkeit. Etwa 20 bis 25 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf lediglich zwei Großkunden. Mit diesen bestehen laut Prospekt keine langfristigen Abnahmeverträge, weshalb ein Rückgang der Nachfrage das Geschäft empfindlich treffen würde.

Zudem räumt Anthropic ein, bislang nur über begrenzte Erfahrung im Aufbau und Betrieb einer schlagkräftigen globalen Direktvertriebsorganisation zu verfügen.

Gründerkontrolle über Stimmrechtsarchitektur abgesichert

Gesellschaftsrechtlich firmiert Anthropic als Delaware Public Benefit Corporation. Eine mehrstufige Aktienstruktur sichert den Gründern die strategische Hoheit. Während Klasse-A-Aktien eine Stimme pro Anteil tragen, bündelt eine einzelne Stammaktie der Klasse F bei der Gründergesellschaft Founder LLC exakt 50,1 Prozent sämtlicher Stimmrechte bei Aktionärsabstimmungen.

Diese Mehrheit erlischt erst, sobald zwei oder weniger der ursprünglich sieben Mitgründer im Unternehmen verbleiben.

Zusätzlich greift ein institutionelles Kontrollorgan ein. Der gemeinnützige Long-Term Benefit Trust hält Aktien der Klasse T und besetzt vier der sieben Sitze im Board of Directors. Dem Treuhändergremium gehören prominente Persönlichkeiten an, darunter der frühere Chef der US-Notenbank Ben Bernanke sowie der Sicherheitsexperte Richard Fontaine.

Zudem haben sich die Mitgründer verpflichtet, jeweils 80 Prozent ihrer persönlichen Anteile für wohltätige Zwecke abzutreten.

In der Risikobeschreibung bezeichnet Anthropic künstliche Intelligenz als eine der folgenreichsten Technologien der Menschheitsgeschichte. Das Management warnt vor existenziellen Risiken und verweist auf die Pflicht, Sicherheitsbedenken im Zweifel über kurzfristige finanzielle Erwägungen zu stellen.

Konsortium und Fahrplan für das Börsendebüt

Das begleitende Bankenkonsortium führen Goldman Sachs und Morgan Stanley an. Weitere beteiligte Institute sind unter anderem J.P. Morgan, Citigroup sowie die Deutsche Bank. Aus Finanzkreisen verlautet, dass ein Emissionsvolumen in einer Bandbreite zwischen rund 60 Milliarden und über 75 Milliarden US-Dollar angestrebt wird.

Hinsichtlich der Börsenbewertung reichen die Schätzungen am Markt von der zuletzt erzielten privaten Benchmark von 965 Milliarden US-Dollar bis zu Marken von bis zu zwei Billionen US-Dollar. Die Roadshow für institutionelle Investoren startet in der Woche ab dem 9. November 2026.

Das offizielle Debüt an der Nasdaq wird für den Verlauf des Novembers 2026 erwartet. Für den Kapitalmarkt markiert die Notierung den ersten umfassenden Stresstest für die Bewertungsgrundlagen hochkapitalisierter KI-Pioniere.