Der geplante Börsengang von Anthropic gerät unmittelbar vor dem Start der Zeichnungsphase ins Wanken. Mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen berichten, dass die für die Woche ab dem 9. November angesetzte Investoren-Roadshow vor dem Scheitern steht.

Hintergrund ist der geschlossene Widerstand potenzieller Kapitalgeber gegen die zuletzt aufgerufene Bewertung von 1,5 Billionen US-Dollar. Für das gesamte Segment der generativen künstlichen Intelligenz gilt das Debüt als entscheidender Gradmesser dafür, ob die Technologie an den öffentlichen Kapitalmärkten tatsächlich tragfähig monetarisiert werden kann.

Investoren verweigern die Rekordbewertung

Mit einem angestrebten Emissionsvolumen von rund 100 Milliarden US-Dollar peilt der Entwickler des Sprachmodells Claude den größten Börsengang der Geschichte an. Das Vorhaben würde das bisherige Rekorddebüt von SpaceX übertreffen, das im Juni 2026 bei einer Bewertung von 1,77 Billionen US-Dollar rund 75 Milliarden US-Dollar erlöste. Konsortialbanken stoßen bei institutionellen Anlegern nun jedoch auf harten Widerstand.

Frühere Zielmarken von 1,8 bis 2,0 Billionen US-Dollar gelten am Markt als nicht mehr durchsetzbar. Auch die zuletzt diskutierte Marke von 1,5 Billionen US-Dollar lehnen führende Fondsmanager ab und fordern stattdessen einen deutlichen Abschlag. Zum Vergleich: Im Mai 2026 bezifferte eine private Finanzierungsrunde den Unternehmenswert noch auf 965 Milliarden US-Dollar.

Das Management um Mitgründer und CEO Dario Amodei lehnt eine offizielle Stellungnahme ab. Marktteilnehmer verweisen überdies auf signifikante Informationslücken in dem am 26. Oktober bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Wertpapierprospekt.

Unter anderem fehlen in dem Dokument die Umsatzzahlen für den Monat Oktober 2026. Mehrere Investoren machen ihre Orderzusagen ausdrücklich von der Vorlage dieser Kennzahlen abhängig, da sie ohne verlässliche Zahlen zur aktuellen Dynamik nicht bereit sind, die geforderten Multiplikatoren zu zahlen.

Erhebliche Verluste und 518 Milliarden US-Dollar Verpflichtungen

Zentraler Streitpunkt bleibt die fundamentale Verfassung des Unternehmens. Zwar wächst das operative Geschäft mit hohem Tempo: Der Umsatz kletterte von 386 Millionen US-Dollar im Jahr 2024 auf knapp 4,6 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2025. Für das zweite Quartal 2026 meldet Anthropic vorläufige Erlöse von über 11,5 Milliarden US-Dollar, was einer annualisierten Run-Rate von rund 47 Milliarden US-Dollar entspricht.

Damit übertrifft Anthropic die Schätzungen für den Konkurrenten OpenAI, dessen Run-Rate Marktbeobachter zuletzt bei etwa 40 Milliarden US-Dollar einordnen.

Dem steilen Erlöswachstum stehen indes massive Verluste gegenüber. Das Geschäftsjahr 2025 schloss Anthropic mit einem Nettoverlust von knapp 42 Milliarden US-Dollar ab, nachdem das Minus im Vorjahr 8,3 Milliarden US-Dollar betragen hatte. Über 34 Milliarden US-Dollar dieses Fehlbetrags resultieren aus nicht zahlungswirksamen Bewertungsanpassungen auf Verbindlichkeiten aus früheren Finanzierungsrunden.

Gleichwohl stieg auch der operative Verlust deutlich auf rund 8,06 Milliarden US-Dollar, verglichen mit 2,98 Milliarden US-Dollar im Vorjahr.

Einen wesentlichen Treiber dieser Entwicklung bilden die Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur, die allein im Jahr 2025 bei 7,33 Milliarden US-Dollar lagen. Der Prospekt weist für die kommenden Jahre vertragliche Verpflichtungen für Cloud-, Rechen- und Infrastrukturaufwendungen in Höhe von insgesamt 518 Milliarden US-Dollar aus. Zudem besteht ein erhebliches Klumpenrisiko: Fast 25 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf lediglich zwei Großkunden, die nicht über langfristige Abnahmeverträge gebunden sind.

Zum Bilanzstichtag 2025 verfügte das KI-Unternehmen über liquide Mittel in Höhe von 20,28 Milliarden US-Dollar. Parallel dazu verhandelt das Management über eine zusätzliche Kreditfazilität von 15 Milliarden US-Dollar, was etwa 12,91 Milliarden Euro entspricht.

Marktkorrektur und regulatorische Bremsen

Das Zeitfenster für die geplante Erstnotiz an der Nasdaq unter dem Ticker-Symbol ANT schließt sich zusehends. Ein breit angelegter Ausverkauf im Technologiesektor dämpft derzeit die Risikobereitschaft institutioneller Investoren spürbar. Es handelt sich um den stärksten Tech-Sell-off seit rund einem Jahr. Hinzu kommen spürbare Unsicherheiten im Nachgang der US-Kongresswahlen.

Gleichzeitig wächst der regulatorische Gegenwind an der Basis. In mehreren US-Bundesstaaten passierten bei jüngsten Volksabstimmungen Initiativen zur Beschränkung des Neubaus von Rechenzentren. Derartige Beschlüsse drohen die physische Expansion moderner Recheninfrastruktur weiter zu verteuern oder zeitlich zu verzögern.

In welchem Umfang diese Restriktionen die vertraglich fixierten Verpflichtungen belasten, bleibt vorerst offen.

Bemerkenswert ist zudem die Offenheit des Unternehmens hinsichtlich technologischer Risiken. Das 261 Seiten umfassende S-1-Filing widmet rund 80 Seiten potenziellen Gefahren. Anthropic warnt darin explizit davor, dass hochentwickelte autonome Systeme katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit bergen könnten.

Der Prospekt dokumentiert interne Testläufe, in denen Modelle das Sabotieren von Programmcode, die Unterstützung von Betrugsfällen sowie das gezielte Manipulieren von Informationen zeigten. Dario Amodei, der Anthropic im Januar 2021 gemeinsam mit seiner Schwester Daniela Amodei nach Differenzen bei OpenAI gegründet hatte, plädiert in der Öffentlichkeit seit Längerem dafür, das Tempo bei Modellveröffentlichungen zu drosseln.

Signalwirkung für den Technologiesektor

Ein Aufschub der Erstnotiz trifft das gesamte Ökosystem der Branche. Strategische Ankerinvestoren wie Amazon und Alphabet engagieren sich mit mehrjährigen Multimilliarden-Summen bei Anthropic. Chiphersteller Nvidia plant laut Marktberichten den Erwerb eines Aktienpakets von bis zu 10 Milliarden US-Dollar im Rahmen des Börsengangs.

Andere Branchenakteure agieren bereits vorsichtiger. OpenAI-Chef Sam Altman schloss ein Listing seines mit 852 Milliarden US-Dollar bewerteten Unternehmens für 2026 aus und vertagte entsprechende Überlegungen auf frühestens 2027. Auch spezialisierte Infrastrukturanbieter wie CoreWeave und Switch verschoben ihre Pläne für das Parkett zuletzt nach hinten.

Durch das Aussetzen der Roadshow gilt ein Börsendebüt vor dem US-Feiertag Thanksgiving am 26. November als weitgehend ausgeschlossen. Das Bankenkonsortium steht vor der Wahl, die Bewertung substanziell nach unten anzupassen oder den Börsengang vollständig in das Jahr 2027 zu verschieben.

Für institutionelle Investoren markiert der Fall eine Zäsur: Der Markt fordert nun klare Beweise dafür, dass monumentale Infrastrukturausgaben und exponentielles Umsatzwachstum zeitnah zu profitablen Geschäftsmodellen führen.