Ein ambitionierter Börsengang steht bevor: Das KI-Unternehmen Anthropic bereitet seinen IPO vor und kalkuliert mit einer Zielbewertung von rund zwei Billionen US-Dollar. Investoren kommuniziert das Unternehmen einen potenziellen adressierbaren Gesamtmarkt (Total Addressable Market, TAM) von über 30 Billionen US-Dollar. Diese Zahlen rufen Kritiker auf den Plan, die Parallelen zur jüngsten Kursentwicklung bei SpaceX ziehen.

Sie warnen vor überzogenen Erwartungen im KI-Sektor.

Die kolportierte Bewertung von zwei Billionen US-Dollar für Anthropic und ein Emissionsvolumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar sind Teil der aktuellen IPO-Diskussionen. Anthropic plant, den gesamten Umfang an Bürotätigkeiten als Basis für seinen TAM zu betrachten, die sich theoretisch durch KI-Modelle ersetzen ließen. Dieser Ansatz liegt numerisch über den TAM-Schätzungen von SpaceX.

Das Raumfahrtunternehmen wies im Frühjahr 2026 in seinem Börsenprospekt einen TAM von 28,5 Billionen US-Dollar aus und bezeichnete diesen als „größten umsetzbaren Markt der Menschheitsgeschichte“.

Der Großteil dieses SpaceX-TAM – über 90 Prozent – stammte aus KI-bezogenen Chancen. Anthropic verfügt über keinen Raumfahrtbereich und weist daher einen höheren KI-Anteil in seinem TAM aus.

Zweifel an astronomischen TAM-Zahlen

Finanzprofessor Aswath Damodaran von der New York University urteilte über die SpaceX-Zahlen, das Unternehmen „lote die Grenzen des Plausiblen aus und gehe darüber hinaus“. Er warnte: Die Schätzungen von SpaceX für den potenziellen KI-Markt überschritten die Grenzen des Nachvollziehbaren.

Anthropics geplanter TAM von rund 30 Billionen US-Dollar ist Berichten zufolge ungefähr 460-mal höher als der tatsächliche Umsatz des Unternehmens. Zudem übersteigt dieser TAM den kombinierten Jahresumsatz von 191 Technologiefirmen im S&P 1500, die zuletzt zusammen 2,4 Billionen US-Dollar erwirtschafteten, um mehr als das Zwölffache. Dies verdeutlicht die Diskrepanz zwischen theoretischen Marktpotenzialen und gegenwärtiger operativer Größe.

Dr. Chan Ahn, Gründer und CEO von Tessera PE, warnte ebenfalls vor den Herausforderungen bei Anthropics Bewertung. Er bezeichnete die Investitionslogik als „primarily a bet on the broader AI category, rather than Claude’s technological advantage alone“.

Ahn betonte, Investoren kauften damit eine Sektorthese durch ein Einzeltitel-Instrument. Dies bringt Konzentrationsrisiken mit sich. „You can underwrite the growth or you can underwrite the margin.

Underwriting both at once is the leap being asked of public investors“, merkte Ahn an. Nach seinen Berechnungen müsste Anthropic bis 2036 etwa 725 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielen, um eine Zwei-Billionen-US-Dollar-Bewertung zu rechtfertigen. Hierfür legte er Annahmen zu Kapitalkosten, Margen und Multiples zugrunde.

Das warnende Beispiel SpaceX

SpaceX, kürzlich an der Börse notiert, verzeichnete nach seinem IPO mit einem Emissionsvolumen von rund 86 Milliarden US-Dollar eine volatile Kursentwicklung. Der Ausgabepreis lag bei 135 US-Dollar pro Aktie. Der Kurs stieg danach zeitweise auf rund 230 US-Dollar, fiel später unter 105 US-Dollar und notierte Ende Juli 2026 bei einem Rekordtief von 107,34 US-Dollar (Stand 29.

Juli 2026). Berichte deuten darauf hin, dass die Marktbewertung des Unternehmens in dieser Phase von etwa 2,4 Billionen auf rund 1,8 Billionen US-Dollar sank.

Der Hedgefonds Situational Awareness erlitt laut Berichten Verluste von etwa 35 Milliarden US-Dollar bei börsennotierten KI-Beteiligungen. Gründer Leopold Aschenbrenner, der 2024 OpenAI verließ, sicherte den Fonds durch eine Privatplatzierung in Höhe von 400 Millionen US-Dollar. Teile des Portfolios wurden Berichten zufolge an Citadel verkauft, um den Fonds zu stabilisieren.

Diese Fälle dienen als Beispiele für die Volatilität und die Risiken im Umfeld hoch bewerteter, wachstumsorientierter KI-Investments.

Anthropics Wachstum und Kennzahlen

Anthropics annualisierter Umsatz (ARR) stieg Berichten zufolge von 47 Milliarden US-Dollar im Mai 2026 auf 65 Milliarden US-Dollar Ende Juli 2026. Trending Topics schrieb, dieser Wert übertreffe damit OpenAI. Quellen nennen zudem, das ARR sei siebenmal höher als ein Jahr zuvor. Gleichwohl verlangsamte sich die Wachstumsrate von 47 Prozent im Mai auf 38 Prozent im Juli.

Im zweiten Quartal 2026 meldete Anthropic einen Quartalsumsatz von 11,5 Milliarden US-Dollar. Dies entspricht Berichten zufolge einem Anstieg von 140 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Im Vorjahreszeitraum (zweites Quartal 2025) lag der Umsatz bei 787 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen hat intern eine Umsatzprognose von 190 bis 200 Milliarden US-Dollar bis 2028 genannt.

Weitere Kennzahlen umfassen einen Nettoverlust von rund 42 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 sowie ein erstmals positives bereinigtes operatives Ergebnis im zweiten Quartal 2026. Anthropic gibt Inferenz-Margen zwischen 70 und 85 Prozent an. Etwa 80 bis 85 Prozent des Umsatzes sollen aus dem Enterprise-API-Geschäft stammen.

Claude Code erreichte laut Berichten einen annualisierten Umsatz von 15,12 Milliarden US-Dollar (Stand 10. August 2026).

Im B2B-Sektor werden Anthropic Marktanteile von 34,4 Prozent zugeschrieben, knapp vor OpenAI mit 32,3 Prozent. Bei der Kundenakzeptanz auf der Ramp-Plattform zahlen laut Bericht 43,5 Prozent der über 70.000 US-Unternehmen für Anthropic-Dienste, gegenüber 39,7 Prozent für OpenAI. Amazon hat demnach rund 13 Milliarden US-Dollar in Anthropic investiert.

Alphabet kontrolliert etwa 14 Prozent der Anteile, jedoch ohne Stimmrecht.

Regulatorische Hürden und Wettbewerbsdruck

Ende Juli 2026 berichteten Medien über eine Anweisung der US-Regierung. Diese fordert staatliche Auftragnehmer auf, die Nutzung von Anthropic-Produkten bis zum 31. August 2026 einzustellen.

Die genaue Tragweite und Begründung dieser Anweisung sind in den Berichten noch unklar. Beobachter interpretieren sie als möglichen Hinweis auf politische oder regulatorische Gegenreaktionen gegenüber schnell wachsenden KI-Anbietern.

Branchenvertreter äußerten sich kritisch zu Anthropic: Dylan Field, CEO von Figma, kritisierte die Kommunikationsstrategie des Unternehmens. Sarah Sachs von Notion äußerte Zweifel an der bisherigen Partnerschaftsstrategie. Quinn Slack von Amp warnte vor Marktkonzentration auf dem Modellmarkt, und Brian Tse von Concordia AI wies auf Lieferkettenrisiken hin.

Diese entstehen aus einer Abhängigkeit von geschlossenen US-APIs. Diese Stimmen skizzieren ein komplexes Umfeld, in dem technologische Führerschaft allein nicht automatisch Marktpositionen sichert.

Ausblick: Ein Reality Check für den KI-Markt

Der erwartete Börsengang von Anthropic im September oder Anfang Oktober 2026 wird in den Quellen als relevanter Testfall für Bewertungen und Markterwartungen im KI-Sektor bezeichnet. Anthropic wird in den Berichten zwar mit hohen Wachstumsraten und verbesserten Kennzahlen dargestellt, die kommunizierten TAM-Größen und Bewertungsannahmen bleiben jedoch umstritten.

Die SpaceX-Erfahrung wird in der Debatte als Beispiel dafür genannt, dass ein großer IPO und hohe Erwartungen einem schnellen Realitätscheck unterliegen können. Zudem steht die Aufhebung von Verkaufssperren für SpaceX-Altaktionäre am 6. August 2026 in den Quellen als potenzieller zusätzlicher Druckfaktor im Raum. Rund 911,5 Millionen Aktien könnten dann handelbar werden.

Der Markt für künstliche Intelligenz befindet sich damit laut den zitierten Berichten in einer Phase, in der sich erwartetes Potenzial und aktuelle wirtschaftliche Leistung gegenseitig prüfen werden.