Anthropic PBC, Entwickler der KI-Modellfamilie Claude, bereitet einen Börsengang vor. Das Unternehmen hat hierfür vertraulich ein S-1-Dokument bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Berichten zufolge könnte der Börsengang noch im November dieses Jahres stattfinden. Die angestrebten Bewertungen liegen deutlich über der Schwelle von einer Billion US-Dollar.

Schnelles Wachstum befeuert IPO-Ambitionen

Anthropic verzeichnet hohe Umsätze. Im ersten Quartal 2026 erreichte der Umsatz 4,7 Milliarden US-Dollar, im zweiten Quartal 11,5 Milliarden US-Dollar. Für das dritte Quartal wurden 16,8 Milliarden US-Dollar ausgewiesen. Das Wachstum von Quartal zwei zu Quartal drei wird mit rund 45 Prozent angegeben. Der Anstieg von Quartal eins zu Quartal zwei lag bei knapp 147 Prozent.

Zum Vergleich: Der Jahresumsatz 2025 betrug 4,6 Milliarden US-Dollar. Dies entsprach etwa dem Zwölffachen des Vorjahreswerts.

Die annualisierte Umsatzrate (Run-Rate) überschritt Ende Juli 2026 die Marke von 65 Milliarden US-Dollar. Zuvor wurde eine Run-Rate von 47 Milliarden US-Dollar berichtet. Analystenprognosen sehen den Jahresumsatz Ende 2026 in einer Bandbreite von 100 bis 120 Milliarden US-Dollar.

Als Wachstumstreiber gelten das Modell Claude Code sowie das Geschäft mit Enterprise-Kunden. Mehr als 1.000 Kunden geben auf Jahresbasis über 1 Million US-Dollar aus. Der Enterprise-Bereich macht rund 80 Prozent der Einnahmen aus. Die Nettoumsatzbindung (Net Revenue Retention) bezifferte das Unternehmen mit 900 Prozent.

Profitabilität trotz hoher Investitionen

Anthropic weist für das dritte Quartal 2026 auf bereinigter Basis Gewinn aus. Zudem meldet das Unternehmen einen positiven freien Cashflow. Damit wäre es das zweite Quartal in Folge mit positiver bereinigter Profitabilität. Die bereinigte Bruttomarge im dritten Quartal wird mit 85 Prozent angegeben. Die bereinigte operative Marge lag bei über 11 Prozent.

Für Investoren ist relevant, dass die Zahlen die Frage adressieren, ob Ausgaben für Rechenkapazitäten langfristig in Erträge überführt werden können. Gary Tan, Portfoliomanager bei Allspring Global Investments, merkt an, Investoren verlangten konkrete Belege dafür, dass sich die enormen Ausgaben für Rechenkapazitäten langfristig in nachhaltige Gewinne verwandeln lassen. Die Series-H-Finanzierungsrunde im Mai 2026 bewertete Anthropic mit 965 Milliarden US-Dollar.

Diese Bewertung lag zu diesem Zeitpunkt über der von OpenAI.

Milliardenverluste durch bilanzielle Effekte

Für 2025 weist Anthropic einen Nettoverlust von knapp 42 Milliarden US-Dollar aus. Ein Großteil dieses Verlusts, etwa 34 Milliarden US-Dollar, beruht auf einem buchhalterischen Aufwand. Dieser resultiert aus der Neubewertung von Finanzierungsinstrumenten, die in Aktien umgewandelt werden können. Dieser Effekt ist nicht gleichbedeutend mit einer operativen Geldverbrennung.

Der operative Verlust für 2025 wird mit gut 8 Milliarden US-Dollar angegeben. Im Vorjahr 2024 lag er bei 2,98 Milliarden US-Dollar. Ende 2025 berichtete das Unternehmen über Barmittel und kurzfristige Anlagen in Höhe von rund 20,28 Milliarden US-Dollar.

Die Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur lagen 2025 bei etwa 7,33 Milliarden US-Dollar. Diese Kosten machten mehr als die Hälfte der gesamten Betriebsausgaben aus. Laut Berichten waren sie etwa dreimal so hoch wie im Vorjahr.

Langfristige Verpflichtungen für Rechenleistung und Cloud-Infrastruktur summieren sich in den Unterlagen auf mindestens 518 Milliarden US-Dollar über rund ein Jahrzehnt. Rund 80 Prozent davon gelten als nicht kündbar. Zu den in den Berichten genannten Lieferanten und Partnern gehören Google, Amazon, Broadcom, xAI und Microsoft.

Risiken und das Umfeld des KI-Wettbewerbs

Anthropic agiert in einem stark umkämpften Markt. OpenAI reichte im Juni vertraulich Unterlagen für einen möglichen Börsengang ein. Meta wird in Berichten als Wettbewerber mit leistungsfähigen KI-Modellen genannt. Chinesische Anbieter wie DeepSeek, Alibaba und Moonshot AI bieten nach Berichten günstigere Alternativen.

Ein Risiko besteht in der Kundenkonzentration. Fast ein Viertel des Jahresumsatzes entfiel zuletzt auf zwei Kunden. Viele wichtige Kunden sind laut Berichten nicht durch langfristige Verträge abgesichert. Jung In Yun, Chef von Fibonacci Asset Management, warnt davor, dass selbst stark steigende Nutzung weder ein ähnlich kräftiges Umsatzwachstum noch nachhaltige Profitabilität garantiere.

Ausblick auf den Börsengang und offene Fragen

Analysten nennen erwartete IPO-Bewertungen in einer Bandbreite von etwa 1,8 bis über 2 Billionen US-Dollar. Andere Berichte sprechen von noch höheren Werten. Prognosemärkte räumen nur eine geringe Wahrscheinlichkeit ein, dass eine Marktkapitalisierung von über 1,25 Billionen US-Dollar erreicht wird.

Ein in Berichten zitierter Investor hält bei sehr hohen Wachstumsraten Bewertungen von bis zu 3 Billionen US-Dollar für denkbar. Berichtet wird, dass Morgan Stanley, Goldman Sachs und JPMorgan zu den beteiligten Banken gehören sollen.

Medien berichten, die offizielle Vermarktung des Börsengangs könnte in der Woche des 9. November beginnen. Ein möglicher Handelsstart wird noch vor Thanksgiving oder spätestens bis Jahresende 2026 erwartet. Eine endgültige Bestätigung von IPO-Termin und Zielbewertung steht noch aus.

Der genaue Inhalt des vertraulichen S-1-Dokuments, aus dem erste Informationen über Umsätze und Verluste verbreitet wurden, wird erwartet. Die Marktreaktion auf die vollständigen Unterlagen wird zeigen, ob die präsentierten Kennzahlen die Erwartungen der Investoren bestätigen.