Anthropic strebt IPO: Milliardenverluste bei Billionen-Bewertung

Das KI-Startup Anthropic plant einen Börsengang, der voraussichtlich nach den US-Zwischenwahlen im November stattfindet. Das Unternehmen peilt eine Bewertung von über 2 Billionen US-Dollar an. Gleichzeitig meldete es für 2025 einen Nettoverlust von 42 Milliarden US-Dollar und einen operativen Verlust von mehr als 8 Milliarden US-Dollar.

Anthropic wurde vor fünf Jahren gegründet und positioniert sich als wichtiger Konkurrent zu OpenAI. Im Juni 2026 reichte das Unternehmen vertrauliche Unterlagen (Form S-1) bei der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC ein. Andere Berichte nennen als möglichen IPO-Zeitpunkt bereits Oktober 2026 oder „Ende 2026 beziehungsweise Anfang 2027“.

Einige Investoren rechnen laut Medienberichten mit Bewertungen von bis zu 3 Billionen US-Dollar.

Eine derartige Bewertung würde die IPO-Bewertung von SpaceX mit 1,77 Billionen US-Dollar übertreffen. Sie unterstreicht die hohen Erwartungen, die der Markt in das Unternehmen setzt.

Rasantes Wachstum und hohe Kosten

Die vorgelegten Zahlen zeigen stark steigende Umsätze bei gleichzeitig deutlich höheren Ausgaben. Der Umsatz wuchs 2025 um das Zwölffache auf fast 4,6 Milliarden US-Dollar. Diese Entwicklung spiegelt das dynamische Marktwachstum wider, mit dem Anthropic agiert.

Die annualisierte Umsatzrate (ARR) entwickelte sich ebenfalls rasant: Ende 2025 lag sie bei etwa 9 Milliarden US-Dollar, im Februar 2026 bei 14 Milliarden US-Dollar. Im März 2026 überschritt die ARR 19 Milliarden US-Dollar und im April 2026 die Marke von 30 Milliarden US-Dollar. Im Mai 2026 wurde die ARR mit 47 Milliarden US-Dollar angegeben, im Juli 2026 mit mehr als 60 Milliarden US-Dollar.

Investoren schätzten die ARR für Ende 2026 auf 100 bis 120 Milliarden US-Dollar.

Trotz dieses Umsatzwachstums entstand 2025 ein Nettoverlust von 42 Milliarden US-Dollar. Rund 34 Milliarden US-Dollar davon resultierten Berichten zufolge aus einer buchhalterischen Belastung durch die Neubewertung von Finanzierungen und waren nicht zahlungswirksam. Der operative Verlust belief sich 2025 auf mehr als 8 Milliarden US-Dollar (8,06 Milliarden US-Dollar nach GAAP), nachdem er 2024 noch bei 2,98 Milliarden US-Dollar gelegen hatte.

Die Zahlen verdeutlichen den hohen Kapitalbedarf im KI-Sektor.

Die Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur verdreifachten sich 2025 auf 7,33 Milliarden US-Dollar. Insgesamt lagen die operativen Ausgaben 2025 bei 12,65 Milliarden US-Dollar. Für die kommenden Jahre plant Anthropic Berichten zufolge Ausgaben für Cloud- und Recheninfrastruktur in Höhe von 518 Milliarden US-Dollar.

Dies entspricht dem 112-fachen des aktuellen Jahresumsatzes. Allein für AWS sollen in den nächsten zehn Jahren mehr als 100 Milliarden US-Dollar veranschlagt sein; für Google Cloud und Chips werden etwa 200 Milliarden US-Dollar genannt. Diese Investitionen sind essenziell, um im Wettbewerb zu bestehen und die Technologie weiterzuentwickeln.

Finanzielle Basis und Marktposition

Per 31. Dezember 2025 beliefen sich Bargeld, Zahlungsmitteläquivalente und kurzfristige Anlagen auf 20,28 Milliarden US-Dollar. Bei der berichteten Verbrauchsgeschwindigkeit reiche dieser Bestand für etwa zweieinhalb Jahre, um die aktuellen Ausgaben zu decken.

Ein erheblicher Teil des Umsatzes stammt aus einer konzentrierten Kundenbasis: Fast ein Viertel des Umsatzes generieren nur zwei Kunden. Etwa 45 Prozent der Einnahmen stammen laut Berichten von Amazon, das zugleich Investor und wichtiger Lieferant von Rechenleistung für Anthropic ist. Diese Abhängigkeit könnte Risiken bergen.

Im April 2026 nutzten 34,4 Prozent der US-Unternehmen kostenpflichtige Anthropic-Dienste. Damit lag Anthropic in dieser Kennzahl vor OpenAI, das 32,3 Prozent erreichte. Der Marktanteil auf dem Unternehmens-LLM-Markt wird mit 32 Prozent angegeben. Dies unterstreicht die starke Position des Unternehmens im Geschäftskundenbereich.

Die Bewertung des Unternehmens stieg innerhalb kurzer Zeit signifikant an: Nach einer Finanzierungsrunde im September 2025 auf 183 Milliarden US-Dollar, im Dezember 2025 auf über 300 Milliarden US-Dollar. Anfang 2026 erreichte sie etwa 350 Milliarden US-Dollar und im Mai 2026 nach Abschluss einer H-Runde mit 65 Milliarden US-Dollar eine Post-Money-Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar.

Für die kommenden Quartale prognostiziert Anthropic positive Zahlen: Für das zweite Quartal 2026 wird ein operativer Gewinn von 559 Millionen US-Dollar erwartet. Für das dritte Quartal 2026 rechnet das Unternehmen mit einem EBIT von über 1 Milliarde US-Dollar.

Wettbewerb und Zukunftsstrategie

Anthropic wurde 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet. Zu den Mitgründern zählen Dario und Daniela Amodei. Das Unternehmen entwickelt Modelle wie Claude, Opus 5.5 und Mythos und wird in Berichten konsequent als direkter Konkurrent zu OpenAI genannt.

Quellen berichten, Opus 5.5 sei kürzlich vorgestellt worden. Andere Berichte nennen die Vorstellung von Claude Opus 4.8. Die Quellen liefern hierzu unterschiedliche Zeitangaben, was die rasante Entwicklung in diesem Sektor aufzeigt.

Dario Amodei sagt laut Berichten, er verwende „ein Drittel, vielleicht 40 Prozent seiner Zeit“ darauf, die Unternehmenskultur zu schützen. Er beschreibt seine Vision für KI als ein „Land der Genies in den Rechenzentren“ und hat die KI-Gemeinschaft aufgefordert, das Tempo bei der Veröffentlichung neuer Fähigkeiten zu drosseln. Zu den Investoren zählen laut Berichten Amazon, Google/Alphabet, SK Telecom, Zoom Video und Salesforce.

Das breite Investorenportfolio spiegelt das Vertrauen großer Tech-Player wider.

Analyst Gil Luria wird mit der Aussage zitiert: „Die Firmen müssen an die Börse, bevor ihnen das Kapital ausgeht oder der KI-Hype abkühlt.“ Dies unterstreicht den Druck, den viele KI-Startups empfinden, ihre Bewertungen in Kapital umzuwandeln.

Ausblick: Ein Lackmustest für die KI-Branche

Der geplante Börsengang gilt in mehreren Berichten als ein Maßstab dafür, wie der Markt die Bewertungen und Wachstumsaussichten reiner KI-Firmen einordnet. Die angestrebte Bewertung stützt sich maßgeblich auf erwartetes Wachstum. Diesem stehen hohe Investitionskosten, operative Verluste und eine Konzentration großer Kunden gegenüber.

Die Bewertung könnte daher als Indikator für die zukünftige Marktentwicklung dienen.

Beobachter werden auch die Reaktion der SEC auf die eingereichten Unterlagen verfolgen. Die Marktreaktion auf den IPO dürfte nicht nur für Anthropic bedeutsam sein, sondern auch für Wettbewerber wie OpenAI, die in den kommenden Jahren einen Börsengang anstreben könnten. Die Berichte heben gleichzeitig die hohe Dynamik des KI-Marktes und die damit verbundenen Kapitalflüsse hervor.

Der Erfolg oder Misserfolg dieses IPOs könnte weitreichende Auswirkungen auf die gesamte KI-Branche haben und aufzeigen, welche Art von Geschäftsmodellen und Bewertungen der Markt in diesem neuen Sektor akzeptiert.