Das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic reicht einen vertraulichen Entwurf des Börsenprospekts bei der US-Börsenaufsicht SEC ein. Die anvisierte Bewertung liegt bei rund 2,0 Billionen US-Dollar. Nach mehreren Rückschlägen und abgesagten Emissionen im Herbst 2026 gilt das geplante Börsendebüt als richtungsweisender Test für den gesamten Markt für Technologie-Börsengänge.

Rekordbewertung im Windschatten von SpaceX

Mit der vertraulichen Registrierungserklärung über das Formular S-1 stellt Anthropic die Weichen für eine Erstnotiz an der Nasdaq, wobei die New York Stock Exchange als Alternative im Raum steht. Das Unternehmen um Mitgründer und Chief Executive Officer Dario Amodei knüpft damit an seine jüngste Finanzierungsrunde an. Ende Mai 2026 sicherte sich der KI-Entwickler in der Series H-1 rund 65 Milliarden US-Dollar frisches Kapital bei einer Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar.

Damit übertraf Anthropic erstmals die Bewertung des Konkurrenten OpenAI, die zuletzt bei 852 Milliarden US-Dollar lag.

Für den Gang an das öffentliche Parkett peilt das Management eine Bewertung von rund 2,0 Billionen US-Dollar an. Marktbeobachter kalkulieren mit einem Pricing bei etwa 1,8 Billionen US-Dollar, während Analysten im frühen Handel ein Kurspotenzial von bis zu 2,4 Billionen US-Dollar sehen. Beim Emissionsvolumen variieren die Erwartungen deutlich.

Die Spanne reicht von 25 bis 35 Milliarden US-Dollar bis zu Maximalzielen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar. Das Vorhaben folgt dem Börsengang von SpaceX im Juni 2026, der zwischen 75 und 86 Milliarden US-Dollar erlöste und eine Marktkapitalisierung von rund zwei Billionen US-Dollar erreichte.

Enterprise-Fokus treibt das Umsatzwachstum

Den hohen Bewertungsanspruch stützt Anthropic auf eine beispiellose Umsatzdynamik. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte das Unternehmen Erlöse von 4,6 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von rund 1.088 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Im ersten Halbjahr 2026 kletterte der Umsatz auf 16,3 Milliarden US-Dollar, verglichen mit 1,1 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum.

Für das zweite Quartal 2026 weisen die Unterlagen Quartalserlöse zwischen 10,9 und 11,5 Milliarden US-Dollar aus. Zugleich wuchs die annualisierte Umsatzrate, die Run-Rate, rasant. Lag diese Ende 2025 noch bei etwa 9 Milliarden US-Dollar, überschritt sie im Juli 2026 die Schwelle von 65 Milliarden US-Dollar.

Treiber dieses Wachstums ist die konsequente Ausrichtung auf Firmenkunden. Rund 80 Prozent der Erlöse stammen inzwischen aus dem Enterprise-Segment. Neben Konzernen wie der Allianz bedient Anthropic mindestens acht der zehn umsatzstärksten Fortune-10-Konzerne.

Im April 2026 sicherte sich das Unternehmen einen Marktanteil von 34,4 Prozent bei Unternehmenskunden und verwies OpenAI mit 32,3 Prozent erstmals auf den zweiten Platz.

Hohe Vorabverpflichtungen belasten das Risikoprofil

Gleichzeitig offenbaren die Finanzdaten erhebliche Risiken in der Bilanz. Für das erste Halbjahr 2026 weist der vertrauliche Prospektentwurf einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar aus. Bereits im Gesamtjahr 2025 lag der Nettoverlust bei 42 Milliarden US-Dollar, wobei rund 34 Milliarden US-Dollar auf buchhalterische Effekte durch die Höherbewertung von Wandelschuldverschreibungen entfielen.

Der bereinigte operative Verlust für 2025 belief sich auf 8,06 Milliarden US-Dollar, wovon 7,33 Milliarden US-Dollar direkt auf Rechenleistungskosten entfielen. Zum Vergleich: Für 2024 belief sich der operative Fehlbetrag auf 2,98 Milliarden US-Dollar bei einem Gesamtverlust von 5,6 Milliarden US-Dollar.

Hoffnung macht den Zeichnern die jüngste Entwicklung. Im zweiten Quartal 2026 meldete Anthropic mit rund 559 Millionen US-Dollar erstmals einen bereinigten operativen Quartalsgewinn. Bis 2028 plant das Management das Erreichen der nachhaltigen Gewinnschwelle sowie einen freien Cashflow von 17 Milliarden US-Dollar bei einem Zielumsatz von 70 Milliarden US-Dollar.

Die größte Herausforderung für Investoren liegt in den vertraglichen Zahlungsverpflichtungen. Anthropic hat Infrastrukturverträge im Umfang von mindestens 518 Milliarden US-Dollar mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren gezeichnet. Zu den Partnern gehören Broadcom mit 161,2 Milliarden US-Dollar, Alphabet und Google mit 111,1 Milliarden US-Dollar sowie Amazon Web Services mit rund 110 Milliarden US-Dollar.

Weitere Vereinbarungen bestehen mit Microsoft über 31,4 Milliarden US-Dollar, AMD mit mehr als 20 Milliarden US-Dollar sowie xAI. Rund 80 Prozent dieser Vereinbarungen sind als unkündbare Take-or-pay-Strukturen aufgesetzt. Anthropic muss diese Summen unabhängig von der tatsächlichen Auslastung zahlen, während die Verträge mit den Unternehmenskunden überwiegend kurzfristig kündbar sind.

Gradmesser für einen abgekühlten Markt

Das Debüt fällt in eine fragile Marktphase. Zwar erlösten Börsengänge im ersten Halbjahr 2026 insgesamt rund 137 Milliarden US-Dollar, dies war jedoch maßgeblich der SpaceX-Transaktion geschuldet. Im Frühherbst geriet das Marktumfeld spürbar unter Druck.

Mehrere Emittenten zogen ihre Vorhaben zurück oder stutzten die Zielbewertungen. Der Wearable-Spezialist Oura stoppte seinen Börsengang wenige Stunden vor der Preisfestsetzung, und in Südkorea stürzte die Aktie der Elice Group am ersten Handelstag um 32 Prozent ab.

Institutionelle Investoren betrachten das geplante Listing daher als Stimmungsbarometer für den Technologiesektor. „There’s no question, a successful Anthropic IPO would be a huge win for the rest of the market“, konstatiert Matt Kennedy, Senior Strategist bei Renaissance Capital. Eine gelungene Platzierung könnte die Pipeline für aufgeschobene Großemissionen wieder öffnen.

Konsortium und institutionelle Anker

Das Emissionskonsortium führen Goldman Sachs, JPMorgan Chase und Morgan Stanley an, während Wilson Sonsini Goodrich und Rosati als Rechtsberater fungiert. Eine strukturelle Besonderheit betrifft die Rechtsform: Anthropic firmiert als Public Benefit Corporation. Das Unternehmen verpflichtet sich satzungsgemäß nicht allein der Rendite der Aktionäre, sondern auch der KI-Sicherheit und dem Gemeinwohl.

Rückendeckung erhält der Börsenkandidat von strategischen Geldgebern. Amazon investierte bislang rund 13 Milliarden US-Dollar und bilanziert diesen Anteil mit einem Buchwert von etwa 74 Milliarden US-Dollar. Parallel dazu verhandelt der Halbleiterkonzern Nvidia über ein Anker-Investment von bis zu 10 Milliarden US-Dollar.

Als mögliches Zeitfenster gilt Mitte November 2026 vor den Feiertagen rund um Thanksgiving. Sollten die regulatorischen Prüfungen durch die SEC andauern oder das politische Umfeld für Turbulenzen sorgen, gilt das Frühjahr 2027 als Ausweichtermin. Erst mit der Festlegung der offiziellen Preisspanne wird sich zeigen, mit welchem Bewertungsabschlag die Kapitalmärkte die langfristigen Infrastrukturverpflichtungen von 518 Milliarden US-Dollar quittieren.