Der KI-Konzern Anthropic PBC reicht sein S-1-Registrierungsformular bei der US-Börsenaufsicht SEC ein und bereitet den Gang an die Nasdaq unter dem Ticker-Symbol ANT vor. Mit einer an der Wall Street avisierten Zielbewertung von 1,5 bis über 2 Billionen US-Dollar sowie einem Emissionsvolumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar steuert das Unternehmen auf das bisher größte Initial Public Offering der Technologiegeschichte zu. Das Vorhaben stellt selbst den bisherigen Rekordhalter SpaceX in den Schatten.

Das Prospekt offenbart indes eine Kapital- und Stimmrechtsarchitektur, die den sieben offiziellen Mitgründern maximale Verfügungsgewalt über das operative Geschäft sichert, während sie zugleich Vermögenswerte in zweistelliger Milliardenhöhe kontrollieren.

Zehn Prozent des Kapitals für die Gründerriege

Die Gründer-LLC um Vorstandschef Dario Amodei und Präsidentin Daniela Amodei hält zusammen rund 1,69 Milliarden Aktien. Das entspricht knapp zehn Prozent des voll verwässerten Kapitals von rund 16,9 Milliarden Anteilen. Das Gründerpaket teilt sich annähernd symmetrisch auf die sieben Partner auf.

Jedes Mitglied der Kerngruppe hält somit rund 240 Millionen Aktien oder rund 1,4 Prozent der Unternehmensanteile. Dario Amodei selbst weist im S-1 einen Bestand von exakt 245 Millionen Aktien aus.

Auf Basis der jüngsten privaten Finanzierungsrunde (Series H) zu 58,90 US-Dollar je Stammaktie beläuft sich der rechnerische Wert der Beteiligung jedes einzelnen Mitgründers auf 13,7 bis 14,4 Milliarden US-Dollar. Setzt sich am Markt die obere Bewertungsspanne von rund zwei Billionen US-Dollar durch, was einem impliziten Aktienpreis von rund 118 US-Dollar entspricht, steigt der Wert pro Gründer auf 27 bis 29 Milliarden US-Dollar.

Eine Sonderstellung nimmt Benjamin Mann ein. Obwohl er seit der Gründung im Januar 2021 an Bord ist und in der Branche als Mitgründer firmiert, führt ihn das S-1 weder als Mitglied der Gründer-LLC noch in der Tabelle der wirtschaftlichen Eigentümer. Mann besitzt folglich keine Mitbestimmungsrechte über die zentrale Kontrollaktie der Klasse F.

Parallel dazu bindet das Prospekt das philanthropische Engagement der Führungskräfte ein. Alle sieben Gründer sagen zu, 80 Prozent ihres privaten Anthropic-Eigenkapitals an gemeinnützige Organisationen abzutreten. Der Börsenprospekt stuft diese Zusage allerdings explizit als freiwillige und rechtlich widerrufliche Absichtserklärung ein.

Flankierend dazu hält der neu etablierte Anthropic Public Benefit Fund 846,8 Millionen Aktien, was fünf Prozent des voll verwässerten Kapitals entspricht. Beim Preis der Series H entspricht dies einem Volumen von 49,9 Milliarden US-Dollar. Mitgründer Jack Clark fungiert laut Unterlagen als designierter Manager dieses Vehikels.

Kontrolle entkoppelt vom Kapitaleinsatz

Die Machtverteilung bei Anthropic basiert auf einer strikten Trennung zwischen Stimmrechten und Kapitalrisiko. Das S-1 legt dar, dass die absolute Stimmrechtsmehrheit von 50,1 Prozent an einer einzigen Aktie der Klasse F hängt. Dieses Papier gewährt keinerlei wirtschaftliche Ansprüche auf Dividenden oder Liquidationserlöse und liegt vollständig bei der Founder LLC, der Zweckgesellschaft der Gründer.

Die Statuten dieser Zweckgesellschaft setzen den Hebel für die Gründer an. Ein Mitglied verliert seinen Sitz und seine Stimmkraft in der LLC erst dann, wenn sein persönlicher Bestand an Class-A-Aktien unter zwei Prozent des Bestands zum Börsengang sinkt. Die Gründer können somit bis zu 98 Prozent ihrer wirtschaftlichen Anteile veräußern oder spenden, ohne ihren Einfluss auf die übergeordnete Klasse-F-Aktie abzutreten.

Die US-Börsenaufsicht verlangt bei derartigen Konstruktionen transparente Risikohinweise. Das S-1 warnt Investoren folglich ausdrücklich davor, dass massive Aktienverkäufe oder Spenden das finanzielle Eigeninteresse der Gründer am operativen Erfolg aushöhlen können, während ihre Stimmrechtskontrolle unangetastet bleibt. Zudem greift eine weitere Kontrollinstanz in die Governance ein: Der Long-Term Benefit Trust hält ebenfalls eine nicht-wirtschaftliche Kontrollaktie und bestimmt die Mehrheit des siebenköpfigen Verwaltungsrats.

Exponentielles Wachstum und enorme Kapitalbindung

Auf der operativen Seite untermauert das S-1 eine steile Erlöskurve. Anthropic setzte 2023 lediglich 41 Millionen US-Dollar um, steigerte die Einnahmen 2024 auf rund 386 Millionen US-Dollar und erreichte 2025 bereits 4,59 Milliarden US-Dollar. Im ersten Halbjahr 2026 summierten sich die Erlöse auf 16,29 Milliarden US-Dollar.

Allein auf das zweite Quartal 2026 entfielen 11,56 Milliarden US-Dollar, was einem Zuwachs von 1.368 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht.

In diesem zweiten Quartal 2026 erwirtschaftete Anthropic einen operativen Gewinn von 974 Millionen US-Dollar – der erste operative Quartalsüberschuss der Unternehmensgeschichte. Für das gesamte erste Halbjahr 2026 weist das Unternehmen eine bereinigte operative Marge von rund zehn Prozent aus, was einem bereinigten operativen Gewinn von 1,6 Milliarden US-Dollar entspricht.

Dem operativen Durchbruch stehen gigantische Verluste und Verbindlichkeiten gegenüber. Für das Gesamtjahr 2025 verbucht Anthropic einen operativen Verlust von über acht Milliarden US-Dollar. Der Nettoverlust nach US-GAAP lag bei rund 42 Milliarden US-Dollar, maßgeblich getrieben durch Bewertungseffekte bei Verbindlichkeiten und Wandeldarlehen.

Im ersten Halbjahr 2026 kletterte der GAAP-Nettoverlust infolge ähnlicher Effekte aus Wandelanleihen auf 80,7 Milliarden US-Dollar.

Die Liquiditätspolster sind dennoch gefüllt. Zum Stichtag 30. Juni 2026 weist Anthropic liquide Mittel und kurzfristige Finanzanlagen von 131,7 Milliarden US-Dollar aus.

Diese Liquidität ist dringend erforderlich, denn für Rechenleistung und Infrastruktur plant das Management in den kommenden Jahren Ausgaben zwischen 500 und 518 Milliarden US-Dollar. Rund 80 Prozent dieser Summen sind bereits vertraglich gebunden. Strategische Partner sichern die Hardwarebasis ab: Amazon und Alphabet halten stimmrechtslose Aktien der Klasse N mit Beteiligungsobergrenzen von 12 beziehungsweise 14,99 Prozent, während Broadcom über wandelbare Instrumente bis zu 42 Milliarden US-Dollar für maßgeschneiderte Prozessoren bereitstellt.

Zeitplan und Ausblick bis zum Börsenstart

Die mit der Konsortialführung beauftragten Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley peilen das Börsendebüt für Mitte November 2026 an. Marktbeobachter rechnen mit dem Handelsstart am 19. oder 20. November 2026, unmittelbar vor dem Feiertag Thanksgiving. Die verbindliche Preisspanne für die Platzierung wird im Vorfeld der anstehenden Investoren-Roadshow fixiert.

Alle sieben Mitgründer sind im Wertpapierprospekt als abgebende Aktionäre registriert, wobei für Altaktionäre die branchenübliche Lock-up-Frist von 180 Tagen gilt. Während der Roadshow entscheidet sich, ob institutionelle Adressen bereit sind, die Rekordbewertung zu tragen, obwohl die Stimmrechtsarchitektur das wirtschaftliche Kapital fast vollständig von der unternehmerischen Kontrolle entkoppelt.