Ölmarkt vor zweijähriger Anspannung: Aramco-Chef warnt vor kritischen Engpässen
Der CEO von Saudi Aramco, Amin Nasser, warnt vor anhaltender Anspannung an den globalen Rohöl- und Kraftstoffmärkten. Die Wiederauffüllung strategischer Ölreserven könnte demnach bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen. Selbst bei einer vollständigen Wiedereröffnung wichtiger Handelsrouten sei mit einer verzögerten Erholung zu rechnen.
Nasser bezeichnet die Unterbrechung der Energieversorgung als den schwerwiegendsten Schock seiner beruflichen Laufbahn.
Die geopolitische Dimension der Krise
Die angespannte Marktsituation resultiert aus dem Krieg, den die USA und Israel Ende Februar gegen den Iran begonnen haben. Als Reaktion darauf schloss der Iran die Straße von Hormus für die Schifffahrt. Diese Meerenge ist ein strategisch wichtiger Seeweg, durch den normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Öls und Flüssigerdgases transportiert werden.
Vor dem Konflikt passierten täglich rund 70 Schiffe die Meerenge. Aktuell sind es lediglich zwei bis fünf. Ergänzend zu den Problemen in Hormus kam es zu Angriffen auf Aramco-Anlagen sowie zu Störungen im Golf von Oman, im Roten Meer und in der Bab al-Mandab-Straße.
Drastische Reduktion der Ölvorräte
Seit Beginn des Konflikts sind fast drei Milliarden Barrel an Ölangebot verloren gegangen. Gleichzeitig wurden über eine Milliarde Barrel aus den weltweiten Lagerbeständen freigegeben oder abgezogen. Nasser betont, ein Großteil der verbleibenden rund sechs Milliarden Barrel in den globalen Speichern sei „praktisch nicht verfügbar“.
Eine Mindestfüllmenge sei für den Betrieb der Anlagen erforderlich.
Allein der Verlust an Angebot durch die Schließung von Hormus beläuft sich nach Nassers Angaben auf 100 Millionen Barrel pro Woche. Der Nettoverlust an Versorgung, bereinigt um umgeleitete Exporte und Notfreigaben, erreicht rund 880 Millionen Barrel. Besonders kritisch ist die Lage bei den Raffinerieprodukten: Weltweit fehlen aktuell sechs Millionen Barrel pro Tag.
Die Ölvorräte, insbesondere bei Benzin und Kerosin, sinken und könnten noch vor der sommerlichen Reisezeit kritisch niedrige Stände erreichen.
Maßnahmen und die Grenzen der Kapazität
Die G7-Staaten reagierten vergangene Woche mit der Freigabe von 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl aus ihren Notreserven. Saudi-Arabien kann seine maximale Förderkapazität von zwölf Millionen Barrel pro Tag innerhalb weniger Tage bereitstellen. Saudi Aramco prüft zudem neue Exportwege, um Risiken durch blockierte Handelsrouten zu mindern.
Das Königreich verfügt bereits über eine Ost-West-Pipeline. Sie transportiert Öl an Terminals am Roten Meer und umgeht damit die Straße von Hormus. Nach Nassers Darstellung hätte der Preis für die Nordseesorte Brent ohne diese Pipeline bei 200 US-Dollar pro Barrel gelegen.
Aramco arbeitet ferner an einer „vierten und fünften“ Exportroute, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Die Kapazität der bestehenden Ost-West-Pipeline soll dabei bald sieben Millionen Barrel pro Tag erreichen.
Trotz dieser Maßnahmen bleibt die Wiederauffüllung der Bestände eine längerfristige Herausforderung. Für das Auffüllen allein wären in den nächsten 18 Monaten zusätzlich zwei Millionen Barrel pro Tag erforderlich.
Preisentwicklung und Zukunftsperspektiven
Die Warnungen von Amin Nasser spiegeln sich in den aktuellen Ölpreisen wider. Am Montag notierte die Nordseesorte Brent bei rund 102 US-Dollar pro Barrel; Brent-Futures für die Dezember-Lieferung lagen bei 102,92 US-Dollar. Die WTI-Kontrakte für November pendelten um 90,76 US-Dollar.
Die Vorhersagen über die Dauer der Marktanspannung variieren. Nasser sprach auf einer Londoner Energiekonferenz von bis zu zwei Jahren für die Wiederauffüllung. In einer früheren Telefonkonferenz zu den Q1-Ergebnissen stellte er im Mai 2026 eine Normalisierung des globalen Ölmarktes erst im Jahr 2027 in Aussicht.
Voraussetzung hierfür sei, dass die Hormus-Blockade über Mitte Juni hinaus anhalte. Petronas-CEO Tengku Muhammad Taufik sagte, es könne „bedlam“ bis Ende 2026 und möglicherweise 2027 geben. Der Executive Chair von ConocoPhillips, Ryan Lance, erwartet eine Erholung des globalen Ölbedarfs möglicherweise erst für 2028 oder 2029.
Die unterschiedlichen Zeitrahmen spiegeln die Unsicherheit in der Branche wider.







