Asien verfolgt in seiner Energiewende einen pragmatischen Kurs. Hierbei priorisiert der Kontinent Energiesicherheit und wirtschaftliche Stabilität gegenüber reinen Nachhaltigkeitszielen. Dies ist das zentrale Ergebnis einer Analyse von Moody’s Ratings.

Die Länder der Region setzen demnach auf eine ausgewogene Strategie, die Investitionen in erneuerbare Energien und Kernkraft umfasst, jedoch auch die fortgesetzte Nutzung fossiler Brennstoffe.

Priorität: Energiesicherheit und wirtschaftliche Resilienz

Die Prioritäten der asiatischen Länder verschieben sich. Nationale Energieziele und die Resilienz der Lieferketten stehen im Vordergrund. Der frühere globale Konsens über konsistente Klimapolitiken weicht einer stärkeren Divergenz, da Länder individuelle Ziele verfolgen, erklärt Rahul Ghosh, Global Head of Sustainable Finance and Emerging Markets bei Moody’s Ratings.

Geopolitische Ereignisse beschleunigten diese Neubewertung. Die russische Invasion in der Ukraine 2022 führte zu einem Anstieg der Kraftstoffpreise und einer globalen Energiekrise. Zusätzlich verdeutlichten Spannungen im Nahen Osten, etwa Angriffe auf den Iran und die damit verbundene Schließung der Straße von Hormus, Asiens Abhängigkeit von Energielieferungen aus dieser Region.

Diese Entwicklungen verstärken den Fokus auf eine diversifizierte und sichere Energieversorgung.

Strategische Diversifizierung in der Region

Asiatische Regierungen investieren verstärkt in erneuerbare Energien und Kernkraft. Gleichzeitig suchen sie alternative Öl- und Gasquellen und kehren teilweise zur Kohleverstromung zurück. Japan präsentierte am 25. August detaillierte Pläne zur Beschleunigung der grünen Transformation. Das Land plant den Bau von bis zu fünf Kernreaktoren in den 2040er Jahren sowie 14 weiteren in den 2050er Jahren.

Japans Premierministerin Sanae Takaichi unterstreicht die Bedeutung einer stabilen Energieversorgung und kritischer Güter zum Schutz der Bevölkerung. Sie betont die negativen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Treibstoffversorgungsengpässen und Lieferkettenstörungen in Asien auf Japan.

Singapur sagte im März 800 Millionen Singapur-Dollar (etwa 631 Millionen US-Dollar) für Forschung in kohlenstoffarmer Energieerzeugung und Dekarbonisierungstechnologien zu. Das Land hat das Ziel, die nationalen Treibhausgasemissionen auf 45 bis 50 Millionen Tonnen CO2 bis 2035 zu reduzieren. Energieminister Tan See Leng hob am 2.

März die deutliche Erhöhung der Investitionen in vielversprechende Lösungen zur Reduzierung von Emissionen hervor. Zugleich soll ein zuverlässiges und widerstandsfähiges Stromsystem gewährleistet werden.

Kohle als Übergangslösung

Trotz Dekarbonisierungszusagen haben Länder wie China, Japan, Südkorea und Indonesien seit 2020 ihre Kohlekraftwerkskapazitäten erhöht. Die Philippinen erklärten im März eine nationale Energiekrise und planen, die Leistung kohlebefeuerter Kraftwerke zu steigern, um Energiekosten niedrig zu halten. Rahul Ghosh von Moody’s Ratings stellt fest, dass Asien als Region mit starkem Einkommenswachstum historisch höhere Emissionen aufweist.

Der steigende Bedarf an Fahrzeugen und Klimaanlagen muss gedeckt werden. Gleichzeitig sollen Energieeffizienzstandards beibehalten werden.

Globale Investitionen und Herausforderungen

Globale Investitionen in saubere Energie erreichten 2025 einen Rekordwert von 2,1 Billionen US-Dollar. Saubere Elektrizität deckte 2025 rund 40 Prozent des Anstiegs des weltweiten Energiebedarfs; der Rest wurde durch fossile Brennstoffe gedeckt. Erneuerbare Energien machten 2025 99 Prozent des Wachstums der weltweiten Stromerzeugung aus.

Die Herausforderungen bleiben groß. Laut dem "Energy Transition Monitor 2026" der Energy Transitions Commission (ETC) hat die globale Erwärmung die 1,5-°C-Marke bereits überschritten und steuert auf etwa 2,5 °C zu. Adair Turner, Co-Vorsitzender des ETC, betont, dass saubere Energie zwar schneller wächst als fossile Energien, die Geschwindigkeit der Einführung allein jedoch nicht ausreicht, um die Emissionen zu senken.

Solange Netzengpässe nicht beseitigt sind, Abnehmerzusagen für saubere Industrieprodukte fehlen und in Sektoren wie Schifffahrt und Luftfahrt keine Kostendurchbrüche erzielt werden, werden die Emissionen nicht sinken.

Netzengpässe sind eine globale Hürde: Rund 375 Gigawatt erneuerbare Energien und 455 Gigawatt Batteriespeicher stecken in europäischen Wartelisten für Netzanschlüsse fest. In den USA warten etwa 2.300 Gigawatt auf den Netzanschluss. In China wurden in der ersten Hälfte 2026 fast zehn Prozent der Wind- und Solarstromerzeugung aufgrund von Netzengpässen gedrosselt.

Blick in die Zukunft

Die pragmatische Energiewende in Asien spiegelt die komplexen Anforderungen wider, denen sich Volkswirtschaften im Klimawandel stellen müssen. Das Spannungsfeld zwischen ökologischen Zielen und der Sicherstellung von Versorgungssicherheit und wirtschaftlicher Stabilität bleibt bestehen. Der Ausbau erneuerbarer Energien, etwa Offshore-Wind durch Unternehmen wie Ørsted und RWE, schreitet voran.

Die Maßnahmen in Asien zeigen, dass der Weg zu einer dekarbonisierten Wirtschaft multidimensional und regional unterschiedlich gestaltet ist.

Der Loss-and-Damage-Fund, der bei COP28 mit Zusagen von rund 700 Millionen US-Dollar kapitalisiert wurde, verweist auf die finanziellen Bedarfe, denen sich besonders vulnerable Entwicklungsländer gegenübersehen. Ob die zugesagte Unterstützung in materieller, zeitlicher und bedingungsloser Form bei den betroffenen Gemeinden ankommt, wird entscheidend für die Glaubwürdigkeit der internationalen Klimapolitik sein.