Das Münchner Mobility-Startup Finn stellt seine Führung neu auf und bereitet die operative Basis für einen künftigen Börsengang vor. Mitgründer Maximilian Wühr übergibt den Chefposten zum 1. November an Patrick Oliver Schmidt und wechselt in den Vorstand.

Die Personalie markiert für das mit über einer Milliarde Euro bewertete Auto-Abo-Unternehmen den Übergang von einer expansiven Wachstumsphase hin zu einer kapitalmarktorientierten Ausrichtung.

Kapitalmarktexpertise an der Unternehmensspitze

Der Wechsel an der Spitze folgt einer klaren strategischen Logik. Mit Patrick Oliver Schmidt übernimmt ein Manager die operative Führung, der umfassende Erfahrung mit Börsengängen mitbringt. Schmidt führte 2019 als Co-Chef die Global Fashion Group an den Kapitalmarkt und war zuvor am Aufbau des australischen Onlinehändlers The Iconic beteiligt.

Gemeinsam mit Finanzchef Florian Drabeck, der seit rund einem Jahr amtiert und zuvor Börsengänge von Westwing und Tonies begleitete, bildet Finn ein Führungsteam mit einschlägiger Kapitalmarkterfahrung.

Maximilian Wühr, der das Startup 2019 mitgründete und die operative Leitung im Frühjahr 2023 nach dem abrupten Ausscheiden des ersten CEOs Max-Josef Meier übernahm, bleibt Finn als Vorstandsmitglied und strategischer Berater erhalten. In seiner Amtszeit als CEO verdoppelte sich der jährlich wiederkehrende Umsatz. Der Rückzug Wührs erfolgt nach Unternehmensangaben einvernehmlich.

Die neue Führung dämpft jedoch zugleich die Erwartungen an ein baldiges Listing. Die Professionalisierung der operativen Strukturen stehe derzeit klar im Vordergrund, während ein Börsengang gegenwärtig keine Priorität genieße, betont Schmidt.

Milliardenbewertung und Fokus auf Europa

Finn erreichte im Juni 2026 durch eine Series-D-Finanzierungsrunde über 140 Millionen Euro den Einhornstatus mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro. Die Runde führte der Fintech- und Mobility-Investor Portage an. Das Kapital setzte sich aus knapp 100 Millionen Euro Eigenkapital und mehr als 40 Millionen Euro Fremdkapital zusammen, ergänzt durch ein Media-for-Equity-Volumen mit SevenVentures.

Aktuell liegt der jährlich wiederkehrende Umsatz bei über 300 Millionen Euro. In den zwölf Monaten bis Oktober wuchs der Umsatz um 60 Prozent. Finn beschäftigt nach eigenen Angaben rund 300 Mitarbeitende, verfügt über einen Flottenbestand von mehr als 20.000 Fahrzeugen und zählt über 50.000 aktive Abonnements.

Parallel dazu korrigiert das Management die geografische Ausrichtung. Nach einem rund dreijährigen Vorstoß in die USA gab Finn die dortigen Aktivitäten vollständig auf. Die frei werdenden Mittel konzentriert Schmidt nun auf den Heimatmarkt Deutschland sowie die Expansion in ausgewählte europäische Länder.

Für das Flottenmanagement setzt Finn vorrangig auf Asset-Backed Securities und vertragliche Rückkaufvereinbarungen mit Fahrzeugherstellern. Auf diese Weise sichert das Unternehmen unter Leitung von Chief Fleet Officer Jürgen Lobach die bestehenden Restwertrisiken der Flotte systematisch ab.

Verfehlte Wachstumsziele und juristischer Gegenwind

Trotz des Wachstums übernimmt Schmidt ein anspruchsvolles Umfeld. Intern verfehlt Finn in diesem Jahr die eigenen Zielvorgaben: Statt der angestrebten 80.000 Abonnements verzeichnet das Unternehmen derzeit knapp über 50.000 Verträge.

Wühr bestätigte zuletzt den spürbaren Druck der Anteilseigner, den Erfolg des Geschäftsmodells abzusichern. Neben Portage verlangen auch frühe Wagniskapitalgeber wie HV Capital, Picus Capital und UVC Partners deutliche Fortschritte bei den operativen Margen.

Zusätzlich sieht sich das Unternehmen juristischem Gegenwind ausgesetzt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband reichte Klage gegen Finn ein, da Kunden ab 65 Jahren höhere Monatsraten zahlen müssen. Zudem belasten Beschwerden über hohe Nachforderungen bei der Fahrzeugrückgabe das operative Geschäft.

Gleichzeitig verschärft sich die Wettbewerbslage im Kernmarkt. Etablierte Autovermieter wie Sixt und Carsharing-Anbieter wie Miles drängen mit eigenen Auto-Abo-Angeboten in das Segment und erhöhen den Margendruck auf reine Abo-Spezialisten.

Konsolidierung vor dem Kapitalmarktschritt

Für Patrick Oliver Schmidt besteht die vordringliche Aufgabe darin, die operative Effizienz der bestehenden Flotte zu steigern. Das Management muss die Lücke zwischen den internen Wachstumszielen und der tatsächlichen Nachfrage schließen, um das Vertrauen der Bestandsinvestoren zu rechtfertigen.

Vor einem konkreten Börsenschritt plant Finn daher weitere Konsolidierungsmaßnahmen im europäischen Markt. Neben der Bewältigung der verbraucherrechtlichen Verfahren konzentriert sich die Führung um Schmidt und Drabeck darauf, die Kennzahlen an die formalen und regulatorischen Anforderungen institutioneller Investoren anzupassen.