Deutschland erlebt einen umfassenden Personalabbau in seiner Automobilindustrie. Zwischen Mitte 2025 und Mitte 2026 sind in diesem Sektor 42.300 Arbeitsplätze entfallen. Dies entspricht einem Rückgang von 5,8 Prozent innerhalb eines Jahres.

Mit 691.500 Beschäftigten zur Jahresmitte 2026 erreichte die Branche den niedrigsten Stand seit 2005. Der Abbau betraf die Zulieferer mit minus 7,6 Prozent stärker als die Fahrzeughersteller mit minus 6,1 Prozent.

Transformation fordert hohen Preis

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom 14. August 2026 belegen eine beschleunigte Schrumpfung der Kernbranche. Dieser Rückgang übertrifft den Trend im gesamten verarbeitenden Gewerbe, das im gleichen Zeitraum einen Beschäftigungsrückgang von 2,7 Prozent auf 5,29 Millionen Beschäftigte verzeichnete.

Der Karosserie- und Anhängerbau war der einzige untersuchte Bereich mit Zuwächsen und verzeichnete einen Anstieg von zehn Prozent auf 42.800 Beschäftigte. Die Bundesagentur für Arbeit meldet, dass Ende Juni 2026 monatlich rund 15.000 Stellen in der Industrie wegfielen. Innerhalb von zwölf Monaten gingen in der Industrie 174.000 Arbeitsplätze verloren.

Experten wie Ferdinand Dudenhöffer, Gründer des CAR-Instituts, warnen, dass dies erst der Anfang ist. „Die Lawine hat noch längst nicht ihre volle Größe, sondern fängt erst an zu rollen“, sagte Dudenhöffer. Er erwartet in seinem Szenario bis 2030 eine Reduzierung der Gesamtbeschäftigtenzahl in der deutschen Autoindustrie auf 500.000.

Dies würde einen weiteren Abbau von rund 191.500 Arbeitsplätzen bedeuten – knapp 28 Prozent – innerhalb von vier Jahren.

Hersteller und Zulieferer unter Druck

Große Unternehmen der Branche haben umfassende Restrukturierungspläne angekündigt. Volkswagen plant konzernweit rund 50.000 Stellenreduzierungen bis 2030, davon rund 35.000 bei der Volkswagen AG. BMW will bis Ende 2027 rund 8.000 Stellen weltweit abbauen.

Porsche plant bis 2035 den Abbau von knapp 9.000 Stellen und investiert laut Angaben 2,1 Milliarden Euro in die Standorte Zuffenhausen und Weissach. Bosch rechnet im Bereich Mobility mit rund 13.000 Stellen weniger bis 2030. ZF Friedrichshafen will die Belegschaft in Deutschland bis Ende 2028 um 11.000 bis 14.000 Stellen reduzieren.

Diese Maßnahmen spiegeln den Anpassungsdruck der Unternehmen wider.

Die Zulieferer sind besonders betroffen. Die Transformation hin zur Elektromobilität und internationale Konkurrenz belasten viele von ihnen. Eine EY-Analyse nennt für 2025 rund 50.000 verlorene Arbeitsplätze in der Automobilindustrie, wobei Zulieferer überproportional betroffen waren.

„Für viele Zulieferer wird die Luft immer dünner, gerade der stockende Hochlauf der Elektromobilität belastet die Marge erheblich“, konstatiert Constantin Gall, Autoexperte bei EY. VDA-Chefvolkswirt Manuel Kallweit stellte zudem fest, dass rund ein Drittel weniger Beschäftigte benötigt würden, weil der elektrifizierte Antrieb weniger komplex sei als der Verbrennungsmotor.

Hohe Kosten und globale Konkurrenz

Dudenhöffer verweist auf deutliche Kostenunterschiede. Nach seinen Angaben liegen die Arbeitsstundenkosten in der deutschen Autoindustrie bei 65 Euro, in Ungarn bei 18 Euro. Die Körperschaftsteuer in Ungarn beträgt demnach neun Prozent.

„Wenn die Arbeitsstunde bei uns in der Autoindustrie bei 65 Euro liegt und in Ungarn bei 18 Euro, braucht sich doch niemand zu wundern, dass BMW und Mercedes nach Ungarn gehen“, sagte Dudenhöffer. Er sprach auch von einem „Deutschlandproblem“: „Wir sind gefangen in unserem Deutschlandproblem. Wir verteilen Wohlstand, den es nicht gibt.“

Jan Brorhilker von EY weist darauf hin, dass viele Unternehmen angesichts hoher Arbeitskosten und schwacher Produktivitätsentwicklung planen, den Stellenabbau in Deutschland zu verschärfen. Im Jahr 2026 haben Automobilunternehmen ihre KI-Investitionen vervielfacht. Der Anteil der KI-Investitionen am Umsatz lag laut vorliegenden Angaben bei 1,4 Prozent.

Dies ist das Dreifache des Vorjahres und etwa dreimal so hoch wie der Durchschnitt des restlichen produzierenden Gewerbes mit 0,5 Prozent. Dudenhöffer verwendet dafür die Metapher „Dark Factory“: „Wir nennen das Dark Factory, weil in den Produktionshallen keine Beleuchtung mehr gebraucht wird, da Roboter auch ohne Licht arbeiten.“

Die Rolle der Politik und Ausblick

Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), betont die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen: „Alles, was den Standort stärkt, Wachstum schafft und hilft, Beschäftigung zu erhalten, muss in Berlin und auch in Brüssel ganz oben auf der Agenda stehen.“ Sie weist darauf hin, dass die politischen Rahmenbedingungen darüber entscheiden, ob Zukunftsinvestitionen und neue Arbeitsplätze in Deutschland oder im Ausland entstehen.

Dudenhöffer und andere Experten verweisen außerdem auf den wachsenden Einfluss Chinas im Automarkt. Dudenhöffer sagte: „Im Automarkt ist China zum Technologieführer weltweit aufgestiegen.“ Andere Beobachter sehen geopolitische Spannungen als möglichen Treiber von Produktionsverlagerungen in größere Märkte wie die USA oder China.

Die erwartete EBIT-Marge der Autoindustrie für 2026 liegt bei 4,7 Prozent, deutlich unter dem Branchendurchschnitt aller Branchen von 10,1 Prozent. Unternehmen planen für 2026 Kostensenkungen in Höhe von rund 3,8 Prozent des Umsatzes, nach 2,8 Prozent im Vorjahr. Etwa 35 Prozent dieser Einsparungen sollen im Materialbereich anfallen, 22 Prozent bei Verwaltungskosten.

Das IAB-Arbeitsmarktbarometer lag im August 2026 bei 99,5 Punkten, was auf eine weiterhin angespannte Lage hindeutet. Ein breiter industrieller Aufschwung wird erst für 2027 prognostiziert, wenn staatliche Milliardenausgaben für Rüstung und Infrastruktur ihre volle Wirkung entfalten sollen.