Die Bank of America (BofA) und S&P Global warnen vor den Risiken einer übereilten KI-Implementierung in regulierten Branchen, weisen jedoch gleichzeitig auf das Potenzial der Technologie hin. Finanzinstitute stehen vor der Herausforderung, KI-Anwendungen auditierbar und nachvollziehbar zu gestalten sowie unter menschlicher Aufsicht zu betreiben. Diese Gratwanderung zwischen Innovationsdruck und regulatorischer Sorgfalt prägt derzeit die Strategien großer Institute.
KI-Potenzial trifft auf Implementierungshürden
Achtzig Prozent der US-Banken planen, ihre KI-Ausgaben zu erhöhen. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) prognostiziert, dass die globalen Ausgaben für KI im Finanzsektor bis zum Jahr 2027 auf 97 Milliarden US-Dollar steigen werden. Zugleich berichten Institute von Schwierigkeiten bei der Skalierung von KI-Projekten in hochregulierten Umfeldern.
Die Bank of America beabsichtigt, ihr KI-Ausgabenbudget im kommenden Jahr zu verdoppeln. CEO Brian Moynihan nannte Zahlen, wonach rund 140 KI-Anwendungen 400 Millionen US-Dollar kosten und einen Nutzen von 800 Millionen US-Dollar erzeugen. Der virtuelle Assistent Erica hat laut Unternehmensangaben 3,6 Milliarden Transaktionen verarbeitet.
Ohne Erica hätte die Bank eigenen Angaben zufolge etwa 11.000 zusätzliche Mitarbeitende für Anrufe benötigt.
Hari Gopalkrishnan, Chief Technology and Information Officer der BofA, mahnt zur Vorsicht bei der Auswahl der Lösungen. Er zitiert: „One of the biggest mistakes we see us and others doing is rush to AI as a solution, when deterministic models do a plenty good job.“ Sally Moore von S&P Global betont die Bedeutung von Daten: „Data is the currency within AI.“
Zudem hebt sie hervor, dass es nicht nur um das richtige Werkzeug geht, sondern um die präzise Problemdefinition.
Shadow AI und die Gefahr der Unkontrollierbarkeit
Ein wachsendes Problem in der Branche ist die sogenannte „Shadow AI“. Eine Erhebung zeigt, dass 45 Prozent der Fachkräfte generative KI ohne formelle Genehmigung nutzen. Dies kann zu inkonsistenten Ergebnissen und operationellen Risiken führen und eine Lücke zwischen Unternehmensstrategie und tatsächlicher Praxis entstehen lassen.
Scott Weller vom American Banker fasst ein zentrales Risiko zusammen: „The real risk isn't that AI produces bad answers. It’s that it produces answers that look reasonable, but are arrived at through undocumented logic, inconsistent prompts and ad-hoc usage.“
Regulierungsbehörden wie die BaFin und der EU AI Act verlangen eine umfassende KI-Governance. Der EU AI Act soll ab dem 2. August 2026 weitgehend Anwendung finden. Hochrisiko-Anwendungen erfordern dann Risikobewertung, Dokumentation und menschliche Aufsicht.
S&P Global Ratings hat angekündigt, den Einsatz von KI in Banken künftig in deren Kreditratings zu berücksichtigen. Dabei zählen die Reife der Strategie und Governance-Frameworks. Die Bank of America prüft nach eigenen Angaben jedes KI-Projekt entlang von 16 Risikosäulen, darunter Privatsphäre, Bias, Auswirkungen auf die Belegschaft und geistiges Eigentum.
Marktkonzentration und das Gespenst der Blase
Die Marktentwicklung spiegelt die Dynamik im KI-Sektor. Der MSCI Europe AI Capex Select Index hat seit Jahresbeginn fast 50 Prozent gegenüber dem breiteren europäischen Markt outperformt. Der Philadelphia Semiconductor Index lag seit Jahresbeginn rund 67 Prozent im Plus (Stand: 14. September 2026).
Große Tech-Konzerne planen für das Jahr 2025 mehr als 300 Milliarden US-Dollar an KI-Investitionen. Vor diesem Hintergrund ziehen Beobachter Vergleiche zur Dotcom-Zeit. Sebastian Raedler, Chefstratege für europäische Aktien bei der Bank of America, bezifferte das Risiko einer Korrektur des „AI Trade“ auf fünf bis zehn Prozent, falls die Preissetzung überoptimistisch sei.
Analysten der Bank of America wiesen zudem darauf hin, dass sich die Differenz zwischen der Volatilität einzelner Aktien und jener der Indizes den Extremen der Dotcom-Ära annähert. Hedgefonds-Manager David Einhorn kritisiert Bewertungen von Technologieaktien, während Jerome Powell, Vorsitzender der US-Notenbank, die Bewertungen zwar auf hohem Niveau sieht, sie aber nicht für ein Zeichen erhöhter finanzieller Risiken hält.
Bank of America-Analysten bleiben für den Halbleitersektor positiv, erwarten jedoch kurzfristige Volatilität.
Ausblick: Regulierung, Transparenz und offene Fragen
Die Branche steht vor der Aufgabe, KI verantwortungsvoll zu integrieren. Ein Kontrollverlust bei einer kleineren Bank könnte nach Einschätzung von Beobachtern das Vertrauen in das breitere Finanzsystem untergraben. Rechtliche Fragen zur Haftung bei Fehlern autonomer Agenten sind weiterhin offen.
Die Forderung nach Transparenz und Auditierbarkeit von „Black-Box“-Systemen ist Teil der Regulierungsdebatte.
Die Citigroup stellte im November klar: „The focus right now is on support tools that help people do their jobs better, not on replacing human judgement in areas like risk, compliance or client interactions.“ Dies entspricht der Präferenz vieler Institute für „Human-in-the-Loop“-Lösungen, bei denen assistierende KI-Agenten unter menschlicher Aufsicht arbeiten. Marktteilnehmer und Regulierer beobachten, wie Banken diese Balance umsetzen, um Effizienzgewinne zu realisieren, ohne die Stabilität des Systems zu gefährden.







