Die japanische Kerninflation übertrifft im September erstmals seit neun Monaten wieder das Stabilitätsziel der Bank of Japan. Mit einem Anstieg der Verbraucherpreise um 2,1 Prozent gerät die Notenbank zunehmend unter Handlungsdruck, ihren Kurs der geldpolitischen Straffung zu forcieren. Nachdem die Währungshüter den Leitzins im Vormonat auf den höchsten Stand seit 31 Jahren angehoben haben, verlagert sich der strategische Fokus der Zentralbank: Statt der jahrzehntelangen Deflationsbekämpfung steht nun das Einhegen einer überschießenden Teuerung im Mittelpunkt.

Energiepreise und KI-Investitionen treiben den Preisdruck

Der Anstieg der Kernverbraucherpreise von 1,7 Prozent im August auf 2,1 Prozent im September markiert eine spürbare Beschleunigung. Dieser Index schließt frische Lebensmittel aus, beinhaltet jedoch Energiekosten.

Noch deutlicher fällt das Signal bei der sogenannten Kern-Kern-Inflation aus, die auch Energie unberücksichtigt lässt. Die Notenbank nutzt diesen Wert als Schlüsselindikator für den zugrundeliegenden, nachfragegetriebenen Preistrend. Die Kennziffer stieg im September auf 2,4 Prozent nach 1,9 Prozent im Vormonat.

Damit liegt auch die bereinigte Binneninflation über dem Zielwert von 2,0 Prozent, den die Notenbank im Januar 2013 im Zuge der Abenomics-Strategie verankert hat.

Für den anhaltenden Preisdruck sorgen mehrere makroökonomische Faktoren. Konflikte im Nahen Osten treiben die Notierungen für Rohöl und Treibstoffe. Parallel dazu verteuert die anhaltende Schwäche des Yen gegenüber dem US-Dollar importierte Rohstoffe und Vorprodukte. Dieser Kostendruck schmälert zugleich den dämpfenden Effekt der staatlichen Energiesubventionen.

Zusätzlicher Preisdruck entsteht durch massive Investitionen in Künstliche Intelligenz. Der Ausbau von Rechenzentrumskapazitäten, Halbleiterkomponenten und spezialisierter IT-Infrastruktur treibt den Energie- und Kapitalbedarf der Wirtschaft in die Höhe. Gestiegene Beschaffungs- und Lohnkosten geben Unternehmen inzwischen über breite Produktkategorien hinweg an die Endverbraucher weiter.

Tief negative Realzinsen und wachsende Spannungen am Rentenmarkt

Die jüngste Zinsanhebung beendet eine Phase extrem lockerer Geldpolitik, die im Januar 2016 mit der Einführung von Negativzinsen begann. Nach Zinsschritten im Juni und September bewegt sich der Leitzins in einer Spanne von 1,0 bis 1,25 Prozent. Dieses Niveau ist das höchste seit 31 Jahren.

Real betrachtet bleibt die Ausrichtung der Bank of Japan dennoch expansiv, da der reale Zinssatz (nominaler Zins abzüglich Inflationsrate) weiterhin im negativen Bereich verharrt.

Izuru Kato, Chefvolkswirt bei Totan Research, warnt vor den Risiken dieses Zinsniveaus. Im internationalen Vergleich bleibe der japanische Leitzins sehr niedrig, während der Realzins „tief im negativen Bereich“ liege.

Gleichzeitig wächst die Nervosität am Rentenmarkt. Die Rendite für zehnjährige japanische Staatsanleihen kletterte im Jahresverlauf zeitweise auf 2,8 Prozent, den höchsten Stand seit fast drei Jahrzehnten. Um weiteren Verwerfungen vorzubeugen, pausiert die Zentralbank ab dem kommenden Geschäftsjahr im April die Reduzierung ihrer Anleihekäufe.

Stattdessen fixiert sie das monatliche Ankaufvolumen bei rund 2 Billionen Yen, was etwa 12,4 Milliarden US-Dollar entspricht. Dieser Schritt dämpft den Zinsanstieg bei Staatsanleihen, schränkt jedoch zugleich den bilanziellen Handlungsspielraum der Notenbank ein.

Zinsentscheid im Oktober rückt in den Fokus der Devisenmärkte

Die Zentralbank hält ihre nächste turnusmäßige Zinssitzung am 29. und 30. Oktober ab. Vize-Gouverneur Shinichi Uchida, der den zuletzt hospitalisierten Gouverneur Kazuo Ueda vertrat, bekräftigte die Bereitschaft zu weiteren Straffungsschritten.

Zeitpunkt und Tempo künftiger Zinserhöhungen hängen laut Uchida davon ab, wie sich geopolitische Risiken auf die Konjunktur und die Preisentwicklung auswirken.

Unter Marktbeobachtern gehen die Meinungen über den Zeitplan auseinander. Totan-Research-Ökonom Kato schließt eine Anhebung bereits Ende Oktober nicht aus, sollten Währungsabwertung und externe Zinstrends den Druck verstärken. Die Mehrheit der Marktteilnehmer stellt sich indes zunächst auf ein Stillhalten im Oktober ein, flankiert von angehobenen Inflationsprognosen.

Eine weitere Zinserhöhung erwarten Beobachter eher zum Jahreswechsel im Dezember oder im ersten Quartal des kommenden Jahres.

Maßgeblich für den künftigen Kurs bleibt das Zinsgefälle zur US-Notenbank Federal Reserve und zur Europäischen Zentralbank. Zögert die Bank of Japan mit weiteren Schritten, droht eine fortgesetzte Abwertung der Landeswährung, die die Importpreise weiter anheizt. Für Investoren bedeutet das anhaltende Unsicherheit: Steigende Refinanzierungskosten und volatile Wechselkurse dürften die Margenstabilität japanischer Konzerne in den kommenden Quartalen belasten.