Das deutsche Bauhauptgewerbe verzeichnet im August einen historischen Nachfragesprung. Getrieben von mehreren Großaufträgen im Infrastrukturbereich klettert der saisonbereinigte Auftragseingang um 23,0 Prozent gegenüber dem Vormonat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes markiert dieser Zuwachs das stärkste Auftragsplus im Monatsvergleich seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1991.
Trotz dieses statistischen Rekordwerts dämpfen Branchenverbände die Erwartungen an eine flächendeckende Konjunkturwende. Die Zuwächse konzentrieren sich stark auf Großprojekte, während der Wohnungsbau weiterhin unter Druck steht.
Tiefbau treibt den Rekordsprung
Verantwortlich für die Belebung sind vorrangig Vergaben von Großaufträgen im Tiefbau. Diese Sparte legt im August um 31,6 Prozent gegenüber dem Vormonat zu, während der Hochbau um 12,4 Prozent wächst. Auch die mittelfristige Betrachtung bestätigt einen Aufwärtstrend: Im Dreimonatsvergleich von Juni bis August steigen die Bestellungen um 7,6 Prozent gegenüber der Periode von März bis Mai.
Parallel zu den Auftragseingängen zieht das Abrechnungsvolumen an. Die Betriebe erwirtschaften im August einen Gesamtumsatz von 10,9 Milliarden Euro. Das entspricht einem nominalen Zuwachs von 10,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und einem realen, preisbereinigten Plus von 4,9 Prozent.
Zugleich wächst der Personalbestand moderat. In den erfassten Betrieben mit mindestens 20 Beschäftigten arbeiten rund 548.000 Personen, was einem Anstieg von 1,5 Prozent im Vorjahresvergleich entspricht. Für das Gesamtjahr prognostiziert der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie für das Bauhauptgewerbe inklusive Kleinstbetrieben ein Beschäftigungsplus von 1,0 Prozent auf rund 933.000 Beschäftigte.
Der Augustwert sticht in einem schwankungsanfälligen Geschäftsjahr heraus. Bereits im Juni wiesen die offiziellen Statistiken ein reales Auftragsplus von 11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus, gestützt auf einen Zuwachs von 17,8 Prozent im Tiefbau und kräftige Vergaben im Straßenbau mit nominal 22,1 Prozent. Gleichzeitig zeigten sich Widersprüche in der Vormonatsbetrachtung: Während amtliche Vorabmeldungen für Juni ein reales Monatsplus von 6,0 Prozent gegenüber Mai auswiesen, meldeten andere Auswertungen bereinigt einen Rückgang um 2,6 Prozent.
Der aktuelle Effekt unterstreicht, wie stark punktuelle Großprojekte wie Bahn- und Kabeltrassen das Gesamtergebnis beeinflussen.
Gedämpfte Prognosen trotz voller Orderbücher
Das Rekordplus löst an der Verbandsspitze keine Euphorie aus. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie revidiert seine reale Umsatzprognose für 2026 von ursprünglich 2,5 Prozent auf 1,0 Prozent. Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller verweist darauf, dass die Baukonjunktur bis einschließlich Mai stark gebremst blieb.
Zudem belasten Material- und Energiekosten die Unternehmen. Nach Einschätzung des Verbands bleibt offen, ob die Zahlen den Beginn einer nachhaltigen Trendwende markieren oder ein Einmaleffekt bleiben.
Zwischen dem gemeldeten Auftragsvolumen und der Ertragslage klafft eine deutliche Lücke. Interne Umfragen der Bauindustrie belegen die Skepsis: Lediglich 30 Prozent der Betriebe rechnen im laufenden Jahr mit steigenden Umsätzen, während ebenso viele Firmen einen Rückgang erwarten. Bei den Ertragserwartungen gehen 43 Prozent von sinkenden Margen aus, nur 13 Prozent erwarten Verbesserungen.
Rund 75 Prozent der Betriebe geben an, gestiegene Beschaffungskosten für Energie, Treibstoffe und Baustoffe kaum oder gar nicht an die Auftraggeber weitergeben zu können.
Anhaltende Krise im Wohnungssektor
Die Branche bleibt strukturell gespalten. Während der Tiefbau von langfristigen Transformationsprojekten profitiert, verharrt der Wohnungsbau in einer Schwächephase. Bereits im Mai sank der Auftragseingang im Wohnungsbau real um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, obwohl der öffentliche Bau nominal um 22,7 Prozent zulegte.
Über den Zeitraum von Januar bis Juli liegt das reale Ordervolumen im Wohnungsbau um 1,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die ifo-Konjunkturumfragen untermauern diese Schieflage: Im September berichten 36 Prozent der befragten Bauunternehmen von Behinderungen durch Auftragsmangel. Im Wohnungsbau liegt der Anteil bei 41 Prozent.
Überdies verzeichnen 17 Prozent der Betriebe Projektstornierungen innerhalb der vergangenen sechs Monate.
Zwar steigen die Baugenehmigungen für Wohnungen im ersten Halbjahr um 15,1 Prozent, die Wirkung auf die reale Bauaktivität ist in den aktuellen Daten jedoch bisher nicht messbar. Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes, warnt vor voreiligen Schlüssen aus den Destatis-Zahlen. Der gegenwärtige Umsatz speist sich noch weitgehend aus bestehenden Aufträgen, während viele mittelständische Betriebe bislang keine Belebung in ihren Büchern verzeichnen.
Zudem kritisieren Branchenvertreter, dass Mittel aus den Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität an der Basis kaum ankommen und durch haushaltspolitische Umschichtungen verzögert werden.
Ausblick: Konsolidierung statt flächendeckendem Aufschwung
Der Fokus der Marktbeobachter richtet sich nun auf die kommenden Monatsdaten des Statistischen Bundesamtes. Sie werden zeigen, ob das Niveau im Tiefbau tragfähig bleibt oder nach der Vergabe großer Tranchen eine technische Gegenbewegung folgt. Analysten rechnen vorerst mit einer zweigeteilten Dynamik: Großkonzerne im Bahn-, Netz- und Straßenbau profitieren von vollen Auftragsbüchern, während der Wohnungsbau und Teile des privaten Hochbaus weiter unter Druck bleiben.







