Die europäische Kreislaufwirtschaft lässt Milliardenwerte ungenutzt: In Haushalten und Unternehmen des Kontinents lagern Elektrogeräte, deren Rohstoffe einen Wert von über 65 Milliarden Euro darstellen. Dies belegen Analysen der Boston Consulting Group (BCG) und der Initiative Cradle to Cradle Electronics. Die offiziellen Sammelquoten liegen unter den EU-Vorgaben.
Ein Großteil der benötigten Rohstoffe stammt zudem aus Drittstaaten, wobei China bei schweren Seltenen Erden eine dominierende Rolle einnimmt.
Hohes Wertpotenzial im Elektroschrott
Europa produziert jährlich mehr als 13 Millionen Tonnen Elektroschrott. Die offizielle Sammelquote für diesen Abfallstrom beträgt 43 Prozent. Andere Quellen nennen Werte unter 40 oder 42 Prozent.
Für die EU27+4 (EU, Großbritannien, Schweiz, Island und Norwegen) liegt die offizielle Sammelquote im Jahr 2022 bei 54 Prozent oder 5,7 Millionen Tonnen. Entsprechend werden 46 Prozent, rund 5,0 Millionen Tonnen, nicht über vorschriftsmäßige Kanäle entsorgt.
Diese nicht vorschriftsmäßigen Entsorgungswege umfassen die Vermischung mit anderem Metallschrott, Deponierung, Verbrennung oder den Export zur Wiederverwertung. Dies führt zum Verlust kritischer Rohstoffe oder entzieht sie der Rückgewinnung. Analysen zufolge binden etwa 700 Millionen ungenutzte Smartphones in europäischen Haushalten rund 50.000 Tonnen strategisch relevante Rohstoffe.
Die Bewertung von über 65 Milliarden Euro bezieht sich ausschließlich auf den Materialwert der Rohstoffe. Unmittelbar erzielbare Gewinne sind hiermit nicht gleichzusetzen. Kosten für Sammlung, Demontage, Sortierung und Aufbereitung sowie technische Grenzen bei der Rückgewinnung beschränken den ökonomischen Ertrag. Die Zahl verdeutlicht das vorhandene Rohstoffpotenzial.
Laut dem UN-Projekt FutuRaM gehen im EU27+4-Raum jährlich rund eine Million Tonnen kritischer Rohstoffe in ausrangierten Elektronikgeräten verloren. Davon lassen sich etwa 400.000 Tonnen durch vorschriftsmäßige Behandlung zurückgewinnen, darunter 162.000 Tonnen Kupfer und 207.000 Tonnen Aluminium. Etwa 100.000 Tonnen kritischer Rohstoffe, vorwiegend Seltene Erden, gehen hingegen über inoffizielle Wege verloren.
Marktpotenzial und regulatorische Herausforderungen
Der Markt für Elektronikschrott-Recycling in Europa wird für 2024 von einer Quelle auf rund 19,6 Milliarden US-Dollar geschätzt. Eine andere Quelle beziffert den Wert für 2024 auf 14.922,8 Millionen US-Dollar. Eine Prognose sieht den Markt bis 2034 bei etwa 64,1 Milliarden US-Dollar, was einer jährlichen Wachstumsrate von 12,6 Prozent zwischen 2024 und 2034 entspricht.
Eine andere Projektion rechnet bis 2029 mit einer jährlichen Wachstumsrate von 6,3 Prozent. Deutschland mit 4.338,2 Millionen US-Dollar, Großbritannien mit 4.127,3 Millionen US-Dollar und Frankreich mit 3.690,3 Millionen US-Dollar machen zusammen über 60 Prozent des regionalen Marktwertes aus.
Die EU hat im Jahr 2024 die Sustainable Products Regulation und die Batterieverordnung verabschiedet. Diese Regelwerke fordern stärkere Herstellerverantwortung und höhere Sammelquoten. Die WEEE-Richtlinie verlangt eine Sammelquote von 65 Prozent.
Die derzeit in Europa berichteten Sammelquoten liegen jedoch darunter. Deutschlands Sammelquote betrug im Jahr 2023 lediglich 29,5 Prozent, nach 44,3 Prozent im Jahr 2019. Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, bezeichnete die deutschen Quoten als „beschämend niedrig“.
Die Autoren der BCG-Studie identifizieren fehlende Eigentumsrechte, bürokratische Hürden und falsche Preissignale als Hemmnisse für Reparatur und Rücknahme. Sie fordern klare Eigentumsrechte und steuerliche Anreize für die Rücknahme und Aufbereitung von Altgeräten. Zudem schlagen sie vor, Geräte künftig modular als „Materialbanken“ zu konstruieren.
Dieser Cradle-to-Cradle-Ansatz soll die Trennung, Reparatur und Wiederverwendung von Komponenten erleichtern.
Geopolitische Implikationen und Ausblick
Die geringe Rückführung von Rohstoffen aus Elektroschrott birgt geopolitische Implikationen. Europa ist bei der Beschaffung kritischer Rohstoffe zu über 90 Prozent von Drittländern abhängig. EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall gab an, dass einige dieser Rohstoffe in Europa nur zu einem Prozent recycelt werden.
China hält insbesondere bei schweren Seltenen Erden eine marktbeherrschende Stellung inne.
Prognosen erwarten einen weiteren Anstieg des Elektroschrottaufkommens. Global könnten bis 2030 rund 82 Millionen Tonnen pro Jahr anfallen. Für das EU27+4-Szenario wird ein Anstieg von 10,7 Millionen Tonnen im Jahr 2022 auf 12,5 bis 19 Millionen Tonnen pro Jahr bis 2050 prognostiziert.
Der Anteil von Photovoltaikmodulen am Elektroschrott könnte von 150.000 Tonnen im Jahr 2022 auf bis zu 2,2 Millionen Tonnen steigen. Vor diesem Hintergrund fordern die Quellen den Ausbau und die Anpassung der Sammel- und Recyclinginfrastruktur in Europa.
„Jedes Kilogramm, das wir zurückgewinnen, und jedes Gerät, das wir reparieren, stärkt unsere Wirtschaft, verringert unsere Abhängigkeit und schafft neue Arbeitsplätze“, fasst Cornelis Peter Baldé, Seniorautor des FutuRaM-Berichts, zusammen. Der Internationale Tag des Elektroschrotts am 14. Oktober dient nach Angaben des WEEE Forum regelmäßig dazu, auf die Herausforderung aufmerksam zu machen.
Die weitere Entwicklung wird zeigen, inwieweit Europa das theoretisch vorhandene Wertpotenzial in tatsächlich recycelte Rohstoffe umwandeln kann.







