Der Mainzer Biotechnologie-Konzern BioNTech steckt mitten in der strategischen Neuausrichtung in einer tiefen internen Vertrauenskrise. In einem Brandbrief an den Vorstand erhebt der Betriebsrat schwere Vorwürfe gegen die Führung und beklagt Diskriminierung, Sexismus sowie Rassismus innerhalb der Belegschaft. Parallel dazu verunsichern geplante Werksschließungen an mehreren deutschen Standorten die Angestellten, während sich das Gründerpaar auf den Rückzug vorbereitet.

Schwere Vorwürfe und Vertrauenskrise im Konzern

Das Schreiben der Arbeitnehmervertretung erreichte das Executive Board am 2. November 2026. Darin beschreibt der Betriebsrat eine toxische Arbeitsplatzsituation. Die Vorwürfe wiegen schwer: Neben Diskriminierung, Sexismus und Rassismus führen Mitarbeitervertreter auch konkrete Drohungen an.

Zahlreiche Beschäftigte klagen über massive Zukunfts- und Arbeitsplatzängste. Nach Angaben des Betriebsrats wagen einzelne Mitarbeiter aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen nicht, Vorfälle über das interne Hinweisgebersystem einzureichen. Dem Meldesystem fehle in Teilen der Belegschaft das grundlegende Vertrauen.

BioNTech weist die Anschuldigungen in einer Stellungnahme zurück und betont, weder Diskriminierung, Sexismus, Rassismus noch Drohungen oder Vergeltung gegen Whistleblower zu dulden. Alle eingehenden Meldungen würden im Einklang mit gesetzlichen Anforderungen und internen Compliance-Richtlinien untersucht. Zugleich fordert die Konzernführung, Gerüchte von belegten Fakten zu trennen, und weist Vorwürfe eines operativen Stillstands zurück.

Führungsvakuum und Verzögerungen beim Spin-off

Der Betriebsrat schildert überdies einen spürbaren Entscheidungsstillstand im Management. Auf einer Betriebsversammlung am 3. November 2026 kritisierten Mitarbeitervertreter das Fehlen einer belastbaren strategischen Roadmap. Führungskräfte vertrösten Beschäftigte bei dringenden Richtungsentscheidungen demnach wiederholt mit dem Verweis, man müsse auf Guido warten.

Gemeint ist der designierte Vorstandschef Guido Oelkers, der vom schwedischen Biopharma-Unternehmen Swedish Orphan Biovitrum nach Mainz wechselt. Er tritt sein Amt spätestens zum 1. Februar 2027 an.

Mitgründer und Vorstandschef Uğur Şahin sowie Medizinvorständin Özlem Türeci verlassen das Gremium planmäßig zum Jahresende 2026. Beide widmen sich künftig der Mainzer Neugründung Arife, einem Spezialisten für mRNA-Therapeutika. Die Nachfolge für Türeci als Chief Medical Officer ist weiterhin ungeklärt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die gesellschaftsrechtliche und vertragliche Trennung von Patenten, Entwicklungsprojekten und Personal zwischen BioNTech und Arife stockt. Der Prozess sollte ursprünglich im Sommer 2026 abgeschlossen sein, verläuft nach Darstellung Beteiligter jedoch äußerst zäh.

Radikaler Sparkurs nach dem Pandemie-Boom

Auslöser der Spannungen ist der dramatische Einbruch des Covid-19-Geschäfts. Im Rekordjahr 2021 setzte BioNTech rund 19 Milliarden Euro um. Für das Gesamtjahr 2026 prognostiziert das Management lediglich Erlöse zwischen 1,7 und 1,9 Milliarden Euro.

Zwar weist das Unternehmen für das dritte Quartal 2026 einen Nettogewinn von 184,5 Millionen Euro aus, in den ersten neun Monaten des Jahres steht jedoch ein Nettoverlust von 1,17 Milliarden Euro in den Büchern. Im Vorjahreszeitraum lag das Minus bei 831,1 Millionen Euro.

Um die hohen Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen für die Onkologie-Pipeline gegenzufinanzieren, forciert das Management ein Sparprogramm. Das Ziel liegt bei Einsparungen von bis zu 500 Millionen Euro pro Jahr. Das Vorhaben erfordert einen tiefgreifenden Personalabbau: Weltweit fallen bis zu 1.800 Arbeitsplätze weg.

Im Zuge der Integration des Ende 2025 für rund 1,25 Milliarden US-Dollar übernommenen Rivalen CureVac beziffern Berichte die Zahl der betroffenen Stellen sogar auf bis zu 1.860.

Der Rotstift trifft vorrangig die deutschen Produktionsstandorte. Der Standort Tübingen, die frühere CureVac-Zentrale, schließt bis Ende 2027, wovon rund 820 Beschäftigte betroffen sind. Für das Werk in Marburg plant die Geschäftsführung die Schließung für Anfang 2028, Idar-Oberstein folgt bis Ende 2028.

Die Niederlassung in Singapur steht ebenfalls vor einem Verkauf oder der Abwicklung. Pläne, die deutschen Produktionsstätten im September 2026 an externe Investoren zu veräußern, scheiterten am schwierigen Marktumfeld.

Kritik an Kapitalallokation und Aufgaben für das neue Management

Die Industriegewerkschaft IGBCE kritisiert die Standortschließungen scharf und bezeichnet das Vorgehen als Frontalangriff auf Industriearbeitsplätze. Neben dem Personalabbau gerät vorrangig die Kapitalallokation ins Visier der Kritik: Parallel zu den Schließungen führt BioNTech ein Aktienrückkaufprogramm durch. An der Nasdaq notiert die Aktie bei rund 78 Euro, was über einen Zeitraum von fünf Jahren einem Kursverlust von 67,7 Prozent entspricht.

Für den künftigen Vorstandschef Guido Oelkers beginnt die Amtszeit unter erheblichem Druck. BioNTech verweist darauf, in den ersten neun Monaten 2026 planmäßig 15 klinische Meilensteine erreicht zu haben, um die Transformation zur Onkologie-Plattform voranzutreiben.

Ab Februar 2027 muss Oelkers den Stellenabbau sowie die Werksschließungen administrativ umsetzen und die vertraglichen Konflikte rund um die Ausgründung Arife bereinigen. Bis zum Amtsantritt verbleibt der Konzern in einer Hängepartie, in der ungelöste Strukturfragen die operative Arbeit belasten.