Bitcoin-Schürfer wenden sich zunehmend dem Geschäft mit KI-Rechenzentren zu. Angesichts der gesunkenen Rentabilität des reinen Bitcoin-Minings wandeln zahlreiche Unternehmen ihre Infrastruktur um, um die starke Nachfrage nach Hochleistungsrechenkapazitäten für Künstliche Intelligenz zu bedienen. Diese Verlagerung kann höhere Einnahmen pro Megawatt und höhere Marktbewertungen ermöglichen.
Vom Bitcoin-Mining zum KI-Computing
Große Bitcoin-Miner stellen ihre Geschäftsmodelle strategisch um. Sie positionieren sich nicht mehr ausschließlich als Bitcoin-Schürfer, sondern als Anbieter von Rechenzentrumsleistungen für KI- und Hochleistungsrechenanwendungen (HPC). Treibende Kraft dieser Neuausrichtung ist wirtschaftlicher Druck. Die Produktionskosten eines Bitcoins liegen für viele börsennotierte Miner über dem Marktpreis.
Im zweiten Quartal 2026 kostete die Produktion eines Bitcoins für börsennotierte Miner durchschnittlich 75.500 US-Dollar. Der Bitcoin-Preis notierte Ende Juni bei 58.400 US-Dollar. Ein Rekordhoch von 126.000 US-Dollar erreichte Bitcoin zuletzt im Oktober 2025. Doch auch dieser Wert lag bereits über den Förderkosten vieler Miner.
Die Hashrate im Bitcoin-Netzwerk sank seit dem Preisrekord von 1,2 Zettahash pro Sekunde auf etwa ein Zettahash pro Sekunde. Parallel dazu halbierte das Halving im April 2024 die Blockbelohnung auf 3,125 BTC. Dies übte zusätzlichen Druck auf die Miner aus.
Energie als zentraler Wettbewerbsvorteil
Ein entscheidender Faktor, der vielen Minern den Übergang zu KI-Dienstleistungen erleichtert, ist ihr vorhandener Zugang zu großen Energiemengen. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt ein Wachstum des Strombedarfs von KI-Rechenzentren von rund dreißig Prozent pro Jahr bis 2030. Bitcoin-Rechenlasten verzeichnen zum Vergleich ein Wachstum von zehn bis fünfzehn Prozent.
Zugang zu zuverlässigem und günstigem Strom entwickelt sich damit zu einem Engpassfaktor beim Ausbau von KI-Infrastruktur.
Elf börsennotierte Bitcoin-Miner verfügen laut Bernstein über ein aktuelles und geplantes Energieportfolio von rund 27 Gigawatt. Ein JPMorgan-Bericht schätzt, dass Miner derzeit etwa fünf Gigawatt Leistung kontrollieren, davon 3,6 Gigawatt für HPC nutzbar. Zudem werden Kaufverträge für weitere 4,5 Gigawatt aus neuen Kraftwerken genannt.
Solche Energiereserven sind für Hyperscaler und KI-Entwickler attraktiv. Der Aufbau neuer Rechenzentren dauert typischerweise drei bis fünf Jahre, Wartezeiten für Netzanschlüsse können bis zu sechs Jahre betragen.
In den USA bestehen mindestens 151 Beschränkungen für den Rechenzentrums-Ausbau. Der Bundesstaat New York verhängte im Juli ein Moratorium für Genehmigungen großer Rechenzentren. Diese regulatorischen Hürden unterstreichen die Bedeutung bestehender Energieinfrastruktur.
Deutlich höhere Margen im KI-Geschäft
KI-Computing erzielt nach verfügbaren Schätzungen deutlich höhere Umsätze pro Megawatt als Bitcoin-Mining. Das traditionelle Mining-Modell monetarisierte Energie mit etwa 0,5 bis 1,5 Millionen US-Dollar Jahresumsatz pro Megawatt. Teilnehmer einer Konferenz nennen hingegen Schätzungen von acht bis dreizehn Millionen US-Dollar Jahresumsatz pro Megawatt für KI-Infrastruktur.
Berichte weisen zudem auf Betriebsmargen von achtzig bis neunzig Prozent bei KI-Deals hin.
Marktreaktionen spiegeln diesen Unterschied wider. Firmen mit bestehenden KI- oder HPC-Verträgen bewertet der Markt mit einem durchschnittlichen Multiplikator von 12,9x des erwarteten Umsatzes. Miner ohne solche Verträge erreichen lediglich einen Multiplikator von 3,7x.
Seit Bekanntgabe des ersten CoreWeave-Vertrags am 3. Juni stieg der aggregierte Marktwert von vierzehn an US-Börsen notierten Bitcoin-Minern um 22 Prozent. Bitcoin sank parallel dazu um zwölf Prozent und der S&P 500 legte um vier Prozent zu.
Der ETF WGMI (CoinShares Bitcoin Mining and Digital Power ETF) erweiterte im August 2026 seine Strategie. Er nimmt nun auch Rechenzentrumsbetreiber, KI-Chiphersteller, Stromerzeuger und HPC-Firmen auf. Dies zeigt eine strukturelle Verschiebung im Investmentfokus.
Konkrete Deals und die Umstellung der Giganten
Die Umstellung wird in mehreren Großverträgen und Transaktionen sichtbar. Core Scientific zahlte 41,9 Millionen US-Dollar, um Bestellungen für Mining-Chips zu stornieren. Das Unternehmen wandelt seine Standorte für KI-Anwendungen um, da Mining nur noch etwa dreizehn Prozent des Unternehmensumsatzes ausmacht.
Core Scientific schloss mit CoreWeave einen Vertrag über jährlich 290 Millionen US-Dollar, ein weiterer Vertrag über 1,2 Milliarden US-Dollar wurde angekündigt. Eine Netto-Umsatzverpflichtung von fünf Milliarden US-Dollar besteht in diesem Zusammenhang.
IREN Ltd. (ehemals Iris Energy) erwartet durch einen Microsoft-Deal jährliche KI-Cloud-Einnahmen von rund 3,7 Milliarden US-Dollar. In einem Quartal lagen die KI-Cloud-Einnahmen erstmals über den Mining-Umsätzen. Das Unternehmen kaufte 816 Nvidia H100 GPUs und nennt gesicherte Energie und Land von rund 2.000 Megawatt.
Cipher Digital Inc., die größte Position im WGMI-ETF, erwartet einen Mining-Ausstieg bis Ende 2027. Das Unternehmen verkaufte Bitcoin im Wert von 123,4 Millionen US-Dollar, auch mit ausgewiesenen Verlusten, zur Finanzierung von Rechenzentrumsgebäuden und arbeitet mit Fluidstack zusammen.
Hut 8 erhielt eine Investition von 150 Millionen US-Dollar von Coatue Management für KI-Infrastruktur und schloss einen 15-Jahre-Mietvertrag über sieben Milliarden US-Dollar ab. TeraWulf nennt 12,8 Milliarden US-Dollar an vertraglich vereinbarten HPC-Einnahmen. CleanSpark schloss einen 20-Jahre-Mietvertrag über 6,6 Milliarden US-Dollar mit einem bonitätsstarken Mieter.
Daraus resultieren jährliche Einnahmen von rund 330 Millionen US-Dollar. Bitdeer sieht für sein KI-Geschäft in Malaysia das Potenzial für sieben Milliarden US-Dollar Umsatz über fünf Jahre.
Auch Riot Platforms, Applied Digital, Marathon Digital Holdings, Soluna Holdings und Big Digital Energy sind an Umstellungen oder Diskussionen darüber beteiligt. Core Scientific berichtete, dass eine erste Anlage innerhalb von 45 Tagen von 5–7 Kilowatt pro Rack auf 17–20 Kilowatt pro Rack für NVIDIA H100- und H200-GPUs umgerüstet wurde. Dies verdeutlicht die technische Machbarkeit.
Ausblick: Konsolidierung und neue Herausforderungen
Der Übergang zu KI-Rechenzentren ist für viele Miner eine strategische Reaktion auf sinkende Mining-Rentabilität und die wachsende Nachfrage nach KI-Kapazitäten. Er bringt neue Anforderungen mit sich. KI- und HPC-Rechenzentren benötigen spezialisierte Infrastruktur wie Flüssigkeitskühlung und eine hohe Leistungsdichte.
Viele luftgekühlte ASIC-Anlagen lassen sich nicht ohne grundlegende Umbauten umstellen.
Standortanforderungen unterscheiden sich ebenfalls. KI-Workloads verlangen oft Glasfaseranbindung und stabile Netzinfrastruktur, die in abgelegenen, stromgünstigen Mining-Standorten nicht immer vorhanden sind. Tony Dicarlo von RootstockLabs betont, dass Infrastruktur-, Standort- und Skalierungsgründe den Pivot primär zu einem Thema für große, öffentliche Unternehmen machen.
Zentrale Unsicherheitsfaktoren bleiben die Entwicklung der Energiepreise, die Verfügbarkeit von Nvidia H100- und H200-GPUs sowie der Wettbewerb um Elektrofachkräfte. Berichte nennen Gehälter von Fachkräften in den USA im Bereich von 250.000 bis 350.000 US-Dollar pro Jahr. Für manche Spezialrollen werden noch höhere Zahlen berichtet. Diese Personalkosten können die Betriebsmargen beeinflussen.
Das kumulierte Volumen an KI-Colocation- und ähnlichen Verträgen stieg in den Berichten bis September 2026 auf über 160 Milliarden US-Dollar. Dies dokumentiert den Umfang der vertraglich gesicherten Nachfrage. Wie sich Marktanteile und Rentabilität langfristig verteilen, bleibt offen und wird von Infrastrukturverfügbarkeit, Vertragsbedingungen und Skaleneffekten abhängen.
Analysten beobachten gespannt, ob die Bitcoin-Miner ihre Energieinfrastruktur langfristig erfolgreich in das hochmargige KI-Geschäft überführen können.







