Böllhoff, der 150 Jahre alte Bielefelder Verbindungstechnik-Spezialist, treibt seine digitale Transformation unter dem Begriff Rekubation voran: Das Familienunternehmen gründet gezielt interne Konkurrenz durch kleine, agile Einheiten, sogenannte „Beiboote“. Ein konkretes Ergebnis dieser Strategie ist das Startup getspecialfasteners.com, das die Beschaffung von Spezialverbindungselementen neu definiert.

Interne Disruption als Innovationsmotor

Die Böllhoff Gruppe ist ein traditionsreiches Familienunternehmen in vierter Generation der Inhaberfamilie und Hersteller von Verbindungselementen sowie Anbieter von Montagetechnik und Logistik. Das Unternehmen setzt nicht ausschließlich auf die Transformation innerhalb der bestehenden Strukturen. Stattdessen fördert es den bewussten Aufbau eigener Konkurrenz durch Rekubation.

Dies geschieht mittels kleiner, agiler Einheiten, die das bestehende Geschäftsmodell mit Automatisierung, neuen Vertriebsmethoden und datengetriebenen Prozessen herausfordern sollen.

Ziel ist es, Innovationen schneller zu testen und umzusetzen. Dies geschieht außerhalb der komplexen Hierarchien des Konzerns. Wilhelm Böllhoff, Managing Partner der Böllhoff Gruppe, formuliert diese Strategie prägnant: „Mein Lieblingsprofessor Peter Drucker hätte gesagt: Die bauen neben ihrem Flugzeugträger noch mal so ein paar Beiboote.

Ich glaube, wir brauchen mehr Beiboote.“ Die neuen Einheiten nutzen historische Unternehmensdaten zur Entwicklung datengetriebener Modelle. Prozesse, die zuvor bis zu einer Woche dauerten, lassen sich nach Unternehmensangaben durch Automatisierung in Stunden erledigen.

getspecialfasteners.com: Das erste Beiboot

Als Ausgründung der Böllhoff Gruppe agiert das Startup getspecialfasteners.com. Kevin Jostmeyer‑Zelles, Director New Projects bei Böllhoff, hat die digitale Transformation der Gruppe aufgebaut und leitet das Startup. Getspecialfasteners.com konzentriert sich auf die Beschaffung von Spezialverbindungselementen und arbeitet mit moderner Software sowie daten- und KI‑getriebenen Ansätzen.

Jostmeyer‑Zelles fasst den Ansatz mit dem Satz zusammen: „Zweite Wette, doppelte Chance.“ Er berichtet, dass er in der Unternehmensleitung um das Budget pitchen musste und erklärt die Intention: „Wir wollen nicht Böllhoff stoppen, sondern die Chancen verdoppeln. Ich habe nur einen Bruchteil des Investments, das wir für diese große Transformation brauchen.

Und wir bauen ein kleines Boot, das dann aber auch mal groß werden darf.“ Der Berater Rainer Berak, CEO der Beratung A11 und Initiator des Rekubations‑Prozesses, beschreibt die Idee als: „Baue selbst deinen schlimmsten Albtraum, einen richtig guten Wettbewerber.“ Die Beiboote entwickeln und nutzen selbstlernende Systeme, um unstrukturierte E‑Mails zu verarbeiten, Lieferantenanfragen zu automatisieren, Preise zu kalkulieren und Angebote zu versenden.

KI ist somit integraler Bestandteil der eingesetzten Softwarelösungen in diesen Einheiten.

Ausblick auf Markt und Transformation

Das Vorgehen von Böllhoff zeigt, wie ein traditionsreiches Familienunternehmen interne Ausgründungen nutzen kann, um Parallelstrukturen aufzubauen. Diese Strukturen integrieren neue Technologien wie Automatisierung und Künstliche Intelligenz schneller. Konkrete Kennzahlen zu Umsätzen, Investitionsvolumen der Beiboote oder detaillierten Effekten auf Neukundenakquise und Prozesskosten liegen bislang nicht vor.

Die konkrete Messbarkeit des Erfolgs der Rekubation bleibt damit offen.

Überdies ist die Frage relevant, wie Erkenntnisse und Erfolge der Beiboote dauerhaft in die Muttergesellschaft zurückfließen. Beim KI Forum NRW am 22. September 2026 im Confex Köln, bei dem Kevin Jostmeyer‑Zelles auftreten wird, sind voraussichtlich weitere Einblicke in die Fortschritte und Herausforderungen dieser internen Disruptionsstrategie zu erwarten.