Die Longevity-Branche, bekannt durch Persönlichkeiten wie Bryan Johnson, sieht sich zunehmender Kritik ausgesetzt. Für viele angebotene Therapien fehlen belastbare wissenschaftliche Belege. Beobachter warnen vor dem kommerziellen Angebot unbewiesener Interventionen.
Verjüngungshoffnung und wissenschaftliche Skepsis
Die Branche wirbt mit biologischer Verjüngung und einer längeren Lebensspanne. Ein prominenter Vertreter ist der Unternehmer Bryan Johnson. Bekannt für seine Selbstoptimierungsprotokolle, veranstaltete er in San Francisco ein Longevity-Event, das rund 3.000 Bewerbungen für 100 Plätze verzeichnete.
Johnson hat öffentlich eingeräumt, sein Langlebigkeitsregime „zu weit getrieben“ zu haben, und leidet an Autoimmun-Gastritis.
Johnson plant, seinen belgischen Schäferhund Katara, der im Oktober zwei Jahre alt wird, Longevity-Therapien zu unterziehen. Er begründet dies damit, dass regulatorische Zulassungen im Veterinärbereich schneller erfolgen können als bei Humananwendungen. Ein eigenes Unternehmen in diesem Bereich plant er nicht.
Dennoch arbeiten Startups wie Loyal und Rejuvenate Bio bereits an der Verlängerung der Lebenserwartung von Hunden.
Ein weiterer Diskussionspunkt sind Jungplasma-Behandlungen. Dabei wird Blut von jüngeren Spendern, oft College-Athleten im Alter von 18 bis 25 Jahren, auf ältere Empfänger transfundiert. Berichte nennen Jahrespreise für solche Angebote zwischen 22.000 und 36.600 britischen Pfund, in Einzelfällen bis zu 183.000 Pfund.
Kliniken wie Apeiron und Thrive Medicine in Texas bieten diese Therapien an, obwohl die US-Arzneimittelbehörde FDA sie nicht zugelassen hat und belastbare Wirksamkeitsnachweise ausstehen.
Evidenzbasierte Ansätze und offene Fragen
Während Teile der Longevity-Szene auf öffentlichkeitswirksame Selbstversuche und den Jungplasma-Markt setzen, konzentrieren sich andere Akteure auf molekularbiologische Grundlagenforschung und Prävention. Das Longevity Zentrum Katar, eine strategische Allianz von Aman Clinics und Cenegenics, gibt an, die gesundheitliche Lebensspanne durch präzise Diagnostik und gezielte Therapien zu optimieren. Dort kommen Ansätze zum Einsatz, die Enzyme wie Sirtuine und AMPK adressieren und den Zellstoffwechsel beeinflussen.
Die Diagnostik des Zentrums umfasst Biomarker-Analysen aus Blut, Speichel und Urin, inklusive der Messung von Telomerlängen und epigenetischen Methylierungsmustern. Das Zentrum forscht zudem an Ansätzen zur Senolyse, bei der seneszente Zellen selektiv eliminiert werden. Die Grundlagenforschung beschrieb kürzlich, dass das Protein SETD6 die Fettspeicherung in Leberzellen fördert.
Dies wurde bislang allerdings nur an Zelllinien gezeigt und hat vorläufigen Charakter.
Im Bereich der Zellmedizin sind mesenchymale Stromazellen (MSC) ein intensives Forschungsfeld. Sie können aus Nabelschnurgewebe oder Fettgewebe gewonnen und kryokonserviert werden. Die unabhängige Schweizer Plattform BioCell bietet bankenunabhängige Beratung und Vermittlung von Einlagerungslösungen für biologisches Material an.
Die spätere medizinische Verwendbarkeit oder Zulassung solcher eingelagerten Materialien kann derzeit nicht garantiert werden.
Regulatorische Hürden und zukünftige Entwicklungen
Zellmedizin befindet sich bereits in der klinischen Erprobung am Menschen. Japan erteilte 2026 bedingte Zulassungen für zwei iPSC-basierte Produkte: RiHEART für Herzinsuffizienz und AMCHEPRY für Parkinson. Frühe klinische Studien untersuchen zudem den Einsatz von MSC und Nabelschnurblutzellen nach Schlaganfällen.
Diese Verfahren nutzen häufig allogene Zelllinien und sind nicht mit einer persönlichen Einlagerung über Plattformen wie BioCell gleichzusetzen.
Auf der Aging Research and Drug Discovery (ARDD) Konferenz in Kopenhagen standen Themen wie Senolytika der zweiten Generation, partielle zelluläre Reprogrammierung, KI-gestützte Wirkstoffsuche und Präzisionsmessung durch epigenetische Uhren der dritten Generation zur Diskussion. Dies zeigt die Breite der Forschungsansätze.
Die Diskrepanz zwischen wissenschaftlich fundierten Ansätzen und kommerziellen Angeboten ohne ausreichende Evidenz bleibt eine zentrale Herausforderung für die Branche. Für die meisten kommerziell angebotenen Anti-Aging-Interventionen fehlt belastbare klinische Evidenz, was Risiken für Investoren und Konsumenten birgt. Der Veterinärbereich wird als potenzieller schnellerer Weg zur Erprobung und möglichen Zulassung neuer Therapien genannt.
Es bleibt abzuwarten, ob sich der Markt zukünftig stärker hin zu evidenzbasierten Innovationen entwickelt oder weiterhin von Hype um unbewiesene Methoden begleitet wird. Marktbeobachter raten dazu, die wissenschaftliche Grundlage einzelner Angebote kritisch zu prüfen.







