Im Zuge der weltweit angespannten geopolitischen Lage fordern deutsche Politiker parteiübergreifend verstärkte Sicherheitskontrollen für Forschungseinrichtungen, die mit China kooperieren. Auslöser sind Berichte über Sicherheitsmängel am Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit (Cispa) im Umgang mit chinesischen Partnern. Die Bundesregierung plant die Gründung einer Nationalen Plattform für Forschungssicherheit, um Wissenschaftler und Einrichtungen bei der Risikoeinschätzung zu unterstützen.
Zunehmende Risiken für den Forschungsstandort
Die Debatte um strengere Sicherheitsprüfungen für deutsche Forschungskooperationen mit China gewinnt an Dringlichkeit. Berichte über Mängel am Cispa, speziell im Umgang mit chinesischen Partnern in hochsensiblen Forschungsbereichen, lösen diese Diskussion aus. Diese Situation erhöht die Risiken für Spionage und unerlaubten Technologietransfer.
Mehrere Politiker fordern daher parteiübergreifend breite und regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen für alle deutschen Forschungseinrichtungen. Hintergrund dieser Forderungen bilden die weltpolitische Lage, sicherheitspolitische Risiken und der Aufstieg autokratischer Systeme. Zudem verfügen Forschungsergebnisse und Technologien zunehmend über Dual-Use-Charakter.
China gilt in vielen dieser fortgeschrittenen Forschungsbereiche als forschungsstark.
Ein chinesisches Gesetz aus dem Jahr 2017 verpflichtet chinesische Staatsbürger zur Kooperation mit dem Geheimdienst. Daher gelten Forschende und Studierende aus China in Deutschland als potenzielles Risiko. Der Wissenschaftsrat betonte im Mai 2025 in seinem Positionspapier "Wissenschaft und Sicherheit in Zeiten weltpolitischer Umbrüche", dass das Wissenschaftssystem aufgrund seiner Offenheit besonders verwundbar ist.
Gleichwohl leistet es durch Innovationskraft Beiträge zur Sicherheit des Gemeinwesens. Fachgremien sehen in Deutschland Nachholbedarf bei der Wissenssicherheit.
Nationale Plattform für Orientierung
Die Bundesregierung plant die Gründung einer Nationalen Plattform für Forschungssicherheit. Diese Plattform soll aus einem koordinierenden Lenkungsgremium und einer Servicestelle beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bestehen. Die Mandatierung durch den Nationalen Sicherheitsrat ist vorgesehen.
Das Ziel ist, Wissenschaftler und Einrichtungen bei der Risikoeinschätzung zu unterstützen und Orientierung im Umgang mit kritischen Partnern zu schaffen.
Das BMBF förderte bereits im Jahr 2024 Maßnahmen zum Ausbau der China-Kompetenz mit rund 3,8 Millionen Euro. Es bietet zudem eine juristische Erstberatung an.
Erste Eckpunkte zur Stärkung der Forschungssicherheit und zum Aufbau der Plattform vereinbarten das BMBF, die Allianz der Wissenschaftsorganisationen und die Wissenschaftsministerien der Länder im Dezember 2025. Die Feinkonzeption der Plattform beginnt Anfang 2026. Die Plattform soll im Herbst 2026 startbereit sein und ab 2027 voll einsatzfähig werden.
Eine europäische und internationale Vernetzung ist vorgesehen.
Professor Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, erklärt: „Die Plattform wird wissenschaftliche Akteure schnell und unbürokratisch bei der Einschätzung von Risiken unterstützen und Orientierung für den Umgang mit kritischen Partnern in internationalen Kooperationen schaffen. Wir benötigen den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik, um Risiken einzuschätzen und unseren Wissenschaftsstandort zu schützen.“
Internationale Entwicklungen und Dilemmata
Deutschland steht mit diesen Bestrebungen nicht allein. Die USA agieren bereits proaktiver. Im August 2026 ordnete das US Defense Department (Pentagon) an, dass 30 US-Universitäten ihre ausländischen Forschungspartnerschaften, primär chinesische, prüfen müssen.
Bei Nichteinhaltung droht der Verlust von Bundesforschungsgeldern. Diese Prüfungen sollen vor unerlaubtem Technologietransfer, dem Diebstahl geistigen Eigentums und gegnerischer Ausbeutung schützen. Das Pentagon identifizierte 130 ausländische Institutionen, von denen 88 aus Festlandchina stammen.
Emil Michael, Undersecretary of War for Research and Engineering, betont: “The Department of War has zero tolerance for academic partnerships that compromise our national security.” Die chinesische Botschaft in Washington entgegnete: “The U.S. side should abandon the Cold War mentality and foster an open, fair and non-discriminatory environment for educational, scientific and people-to-people exchanges between China and the United States.”
Das Spannungsfeld zwischen Sicherheitsprüfungen und akademischem Austausch zeigt sich auch in Deutschland. Im Jahr 2025 lehnten die Behörden rund 400 Visaanträge von Forschenden und Studierenden aus China ab. Im selben Jahr erhielten etwa 2.100 Postdocs und 8.800 Studierende ein Visum für einen akademischen Aufenthalt in Deutschland.
Die Zahl der chinesischen Doktoranden und Postdocs an deutschen Forschungseinrichtungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf etwa 5.000 verdoppelt.
Sicherheitsbehörden betonen die Notwendigkeit von Prüfungen und warnen vor Wissenschaftsspionage. Gleichwohl äußern Beobachter Bedenken, dass ein verstärkter Druck akademische Kollaborationen politisieren und chinesische Akademiker stigmatisieren könnte. Eine abgelehnte chinesische Ingenieurin äußerte: „Aus ihrer Sicht behindert die rigorosere Haltung der Deutschen den Fortschritt der Wissenschaft weltweit.
Die komme nur durch gegenseitigen Austausch voran. Wenn der fehle, sei das ein Verlust für alle.“
Ausblick: Differenzierung und Umsetzung der Plattform
Die Debatte konzentriert sich in den kommenden Monaten auf die konkrete Ausgestaltung der Nationalen Plattform und die Definition von „problematischen“ Partnerschaften. Ein zentrales Thema bleibt die Differenzierung zwischen ziviler und militärischer Nutzung von Forschungsergebnissen. Chinas Strategie der zivil-militärischen Fusion erschwert diese Abgrenzung.
Die Nationale Plattform für Forschungssicherheit steht vor der Aufgabe, diesen Herausforderungen durch klare Richtlinien und Beratungsangebote zu begegnen. Marktbeobachter erwarten, dass die Feinkonzeption und die anschließende operative Phase der Plattform zeigen, wie Deutschland seine Wissenssicherheit in einem komplexen geopolitischen Umfeld gestaltet. Die Balance zwischen Offenheit und Schutz bleibt ein zentrales Thema für die Attraktivität des deutschen Wissenschaftsstandorts.







