Ein internes Beraterpapier sorgt bei der Volkswagen-Softwaretochter Cariad für Unruhe. Zugleich plant der Zulieferer ZF Friedrichshafen unter dem Namen „ZF North Star“ eine umfassende Sanierung. Beide Entwicklungen stehen im Kontext erheblicher Veränderungen in der Automobilindustrie. Diese betreffen insbesondere den Softwarebereich sowie den globalen Kostenwettbewerb.
Cariad unter Druck: Beraterpapier und Audi-Kritik
Ein Beraterpapier sorgt aktuell in der Führungsetage von Cariad für Unruhe. Die Brisanz des Dokuments ist Berichten zufolge so groß, dass nicht alle Entscheidungsträger im Volkswagen-Konzern über dessen Inhalte informiert werden wollen. Der Auftrag für diese interne Analyse stammt demnach aus dem Umfeld von Audi.
Audi-CEO Gernot Döllner gilt als Kritiker der VW-Softwaretochter. Die aktuelle Debatte reiht sich in eine Serie von Problemen bei Cariad ein. Nach dem Aus der Kooperation mit Bosch zum autonomen Fahren sprechen sich im Volkswagen-Konzern einige für neue Partnerschaften ohne Cariad-Beteiligung aus.
Parallel dazu treibt Volkswagen seine China-Strategie im Bereich autonomes Fahren voran. Im Dezember 2023 gründete Cariad in Peking das Joint Venture Carizon mit dem chinesischen Partner Horizon Robotics. Volkswagen investiert insgesamt rund 2,4 Milliarden Euro in die Partnerschaft.
Diese Summe verteilt sich auf eine direkte Beteiligung an Horizon und die Finanzierung des Joint Ventures. Cariad hält 60 Prozent der Anteile an Carizon, Horizon Robotics 40 Prozent.
Peter Bosch, zeitweise als Cariad-Chef genannt und nun Carizon-Chairman, lobt die erweiterte Partnerschaft mit Horizon Robotics. Er bezeichnet sie als ein Beispiel dafür, wie sich fortschrittliche KI-Technologien mit starker interner Software- und Systemtechnik kombinieren und Lösungen über Architekturen und Fahrzeugplattformen skalieren lassen. Volkswagen-Chef Oliver Blume sagt, der Schritt werde die Wettbewerbsfähigkeit in China stärken und neue Möglichkeiten in ausgewählten internationalen Märkten eröffnen.
Carizon plant, bis zum dritten Quartal 2026 ein Fahrerassistenzsystem der Stufe 2 in sieben neuen elektrifizierten Modellen der Volkswagen-Joint-Ventures in China einzuführen. Für die zweite Jahreshälfte 2027 ist die Auslieferung von Level-3-fähigen Modellen in China vorgesehen.
ZF Friedrichshafen: „North Star“ soll Zulieferer retten
Der Zulieferer ZF Friedrichshafen hat das Projekt „ZF North Star“ gestartet. Konzernchef Mathias Miedreich bezeichnet den Plan als einen „Masterplan für die ZF‑Rettung“. Ziel ist es, ZF bis 2028 zu „gesundzuschrumpfen“.
Als Strategiewechsel gilt die Entscheidung, die Sparte ZF Lifetec im Konzern zu behalten. Diese Sparte ist für Airbags und Gurte zuständig. Ursprünglich war ein Verkauf oder Börsengang dieser Sparte zur Entschuldung des Konzerns vorgesehen.
Die Maßnahmen stehen vor dem Hintergrund angespannter Finanzen bei deutschen Zulieferern. Eine Studie von Strategy& (PwC) zeigt, dass die durchschnittlichen Zinsaufwendungen deutscher Top-Zulieferer wie ZF, Continental und Schaeffler im Jahr 2025 auf 102 Prozent des operativen Ergebnisses steigen. Dieser Wert liegt deutlich über den Vergleichszahlen in Europa und China.
Henning Rennert, Partner bei Strategy& Deutschland, sagt: „Viele Unternehmen in der deutschen Zulieferindustrie bewältigen erhebliche Schuldenlasten.“ Deutsche Zulieferer sind demnach höher verschuldet und weisen geringere Eigenkapitalquoten auf als die internationale Konkurrenz.
Globaler Kostenwettbewerb und die Rolle Chinas
Die finanzielle Lage deutscher Zulieferer verschärft sich durch den wachsenden globalen Kostenwettbewerb. Die Kostenlücke zwischen deutschen und chinesischen Zulieferern hat sich zwischen 2019 und 2025 vergrößert. Chinesische Wettbewerber konnten ihren Overhead- und Fertigungsaufwand als Anteil des Umsatzes reduzieren.
Als Indikator für die Verschiebungen gelten unter anderem die EU-Importe von Automobilkomponenten aus China. Diese haben sich seit 2019 verdoppelt, während die EU-Exporte nur begrenzt wuchsen. Der deutsche Zulieferverband ArGeZ unterstützt den EU Industrial Accelerator Act, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu stärken.
Laut ICCT kamen im vergangenen Jahr rund eine halbe Million elektrische Nutzfahrzeuge auf den Markt. 90 Prozent davon waren chinesische Fabrikate. Diese Zahlen deuten auf eine stärkere Ausrichtung des Marktes auf Asien, insbesondere China, hin. Damit verbunden sind Wettbewerbsverschiebungen für europäische Anbieter.
Ausblick auf eine sich wandelnde Branche
Die internen Auseinandersetzungen bei Cariad und die Sanierungsbemühungen bei ZF stehen für strukturelle Veränderungen in der Automobilbranche. Marktbeobachter richten den Blick auf die weiteren Schritte von Volkswagen und ZF. Bei Cariad wird es wesentlich sein, ob die China-Strategie rund um Carizon die angekündigten Produkte liefert.
Dies beeinflusst die Wettbewerbsfähigkeit im Softwarebereich. Die für das dritte Quartal 2026 geplante Markteinführung der Carizon-Fahrassistenzsysteme gilt als erster Prüfstein.
Für ZF steht die Umsetzung des „North Star“-Projekts im Vordergrund. Die geplante Restrukturierung bis 2028 und Maßnahmen zur Stärkung der Finanzlage zielen darauf ab, die hohen Zinsaufwendungen abzufedern. Analysten werden die Entwicklung von Verschuldung und operativen Margen bei ZF beobachten.
Die aktuellen Entwicklungen sind Teil eines übergeordneten Trends: Europäische Automobilkonzerne und Zulieferer müssen ihre Geschäftsmodelle und Strategien anpassen. Dies geschieht angesichts des technologischen Wandels und des zunehmenden globalen Wettbewerbs. Diese Anpassungen können ihre langfristige Marktposition beeinflussen.







