Charlotte Perriands Erbe in Les Arcs: Architektonische Vision für alpinen Tourismus
Charlotte Perriand, eine französische Designerin und Architektin, prägte mit ihrer Arbeit am Skigebiet Les Arcs in den französischen Alpen einen klaren architektonischen Ansatz für den alpinen Tourismus. Über zwei Jahrzehnte hinweg leitete Perriand ein Team von Architektinnen und Architekten. Ziel war es, ein Resort zu schaffen, das sich in die Berglandschaft einfügt und Wintersport für eine breite Öffentlichkeit zugänglich macht.
Das Projekt, das 1967 begann, zeichnet sich durch seine sozial orientierte und funktionalistische Ausrichtung aus.
Revolutionäre Vision am Berghang
Die Idee für Les Arcs entstand 1961 aus der Zusammenarbeit des Skibegeisterten Robert Blanc und des Projektentwicklers Roger Godino. Ihr Ziel war es, Freizeitmöglichkeiten und Wintersport nicht nur der wohlhabenden Elite, sondern auch Geringverdienern zugänglich zu machen. Charlotte Perriand, die bereits in den 1920er und 1930er Jahren mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret an Möbeldesigns gearbeitet hatte, wurde 1967 im Alter von 64 Jahren engagiert, um diese Vision architektonisch umzusetzen.
Perriands Haltung basierte auf der Überzeugung, dass die Berge den eigentlichen Luxus darstellen, nicht die Architektur. Gebäude sollten sich in die Umgebung einfügen, anstatt hervorzustechen. Jede Wohnung sollte zudem Bergblick und Sonneneinstrahlung erhalten.
Vor dem Zweiten Weltkrieg entwarf Perriand das vorgefertigte Aluminium-Refuge Tonneau. Nach einer Japanreise in den 1940er Jahren entwickelte sich ihr Stil weiter, hin zu organischeren Formen und der Nutzung traditioneller Materialien. Diese Einflüsse sind auch in ihren Entwürfen für Les Arcs erkennbar. Zu ihrem Team gehörten unter anderem Bernard Taillefer, Guy Rey-Millet und Gaston Regairaz.
Schlüsselbauten und modulare Konzepte
Ein prägendes Beispiel für Perriands Ansatz ist die Résidence La Cascade in Arc 1600, fertiggestellt 1969. Das lineare Gebäude besteht aus sieben gestaffelten Blöcken, die sich den Hang hinunterziehen. Auf der Südwestseite ist jedes Stockwerk um 1,4 Meter zurückgesetzt, um Terrassen gleicher Größe und Sonneneinstrahlung zu gewährleisten.
Die Innenräume sind von lokalen Materialien und japanischem Design beeinflusst. Sie verfügen über reduzierte, funktionale Möbel und große Fenster, die den Blick auf die Berge freigeben. Jean Prouvés Konzept für die Baumethode, mit 18 Zentimeter dicken Betonplatten für Decken und Trennwände, wurde für La Cascade und weitere Bauten in Les Arcs angewandt.
Diese Methode mittels Hohlverschalungen sollte die Schalldämmung verbessern. La Cascade umfasst 140 Apartments und wird in der Literatur als Beginn des Masseninteresses am alpinen Skisport beschrieben.
Die 1970 entstandenen Chalets Pointus in Arc 1600, entworfen von Bernard Taillefer, haben einen sternförmigen Grundriss, dreieckige Fassaden und spitze Dächer. Sie waren ursprünglich als Selbstbau-Option für Mitarbeiter und Einheimische gedacht. Viele werden inzwischen als Ferienwohnungen genutzt.
Le Versant Sud, das größte Gebäude in Arc 1600, wurde 1974 fertiggestellt. Es beherbergt 232 Ferienwohnungen und ist in gestaffelten Ebenen angelegt. Die flachen Dächer sind im Winter schneebedeckt und lassen das Gebäude von oben weitgehend verschwinden.
Dies entspricht der Idee, Gebäude in die Landschaft einzufügen. Bodentiefe Fenster fangen das Sonnenlicht ein, farbige Vorhänge erzeugen von unten betrachtet ein Muster.
In Arc 1800 entstanden mit Belles-Challes und Lauzières (fertiggestellt 1976) die größten Wohnkomplexe des ursprünglichen Teams. Sie umfassen 3.150 Betten in 590 Wohnungen auf bis zu 17 Stockwerken. Diese Gebäude folgen der Kontur des Berghangs.
Vorgefertigte GFK-Module kamen für Badezimmer und Küchen zum Einsatz. Rampenförmige Fußgängerwege durchziehen die Mitte der Gebäude. Das Resort wurde zudem als autofrei konzipiert.
Funktionalität und soziale Innovation
Perriands Innenarchitektur betont Funktionalität und die Verbindung zur Natur. Weiße Wände, einfache Kiefernmöbel und eine schlichte Farbpalette sollten den Blick auf die Bergwelt lenken. Perriand bezeichnete die Aussicht als „innere Architektur“.
Die Apartments waren kompakt und modular, häufig mit vorgefertigten Küchen- und Badesystemen ausgestattet. Perriand verfolgte das Ziel, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Offenere Wohnkonzepte galten unter anderem als Mittel, Frauen stärker in das soziale Leben des Hauses einzubeziehen.
Perriand formulierte die Forderung: „Die Berge sollten nicht nur ein Spielplatz für die reiche Elite sein.“ Aus ihrem Text von 1950 stammt der Satz: „Besser den Tag in der Sonne verbringen, als nutzlose Gegenstände abzustauben.“
Insgesamt entstanden im Skigebiet Les Arcs mehr als 28.000 Wohneinheiten, verteilt auf die Orte Arc 1600, Arc 1800, Arc 1950 und Arc 2000. Das autofreie Konzept und die Integration traditioneller Elemente wie Holzverkleidung, Stein und Schiefer werden in der Fachliteratur als frühe Nachhaltigkeitsmerkmale des Projekts genannt.
Erbe und touristische Anziehungskraft
Les Arcs ist heute Teil von Paradiski, einem der größten Skigebiete in den Alpen, das über die Doppeldeckergondel Vanoise Express mit La Plagne verbunden ist. Das Skigebiet erstreckt sich von 1.200 bis 3.226 Metern Höhe und bietet rund 200 Kilometer Pisten.
Die Architektur von Charlotte Perriand zieht weiterhin Besucher an. Es werden Skitouren angeboten, die gezielt die Bauten von Perriand und ihrem Team erkunden. Das Art Institute of Chicago erstellte 2017 ein Video zur Installation „Past Forward: Architecture and Design at the Art Institute“ über Perriands Arbeit in Les Arcs. 2019 feierte Les Arcs sein 50-jähriges Bestehen.
Perriands Arbeiten werden in aktuellen Artikeln und Veröffentlichungen aufgearbeitet, darunter Berichte über ihre Vision und die Restaurierung originaler Wohnungen. Ein vierter Band zu Charlotte Perriands Gesamtwerk, der den Zeitraum 1969 bis 1999 abdeckt und sich auf Les Arcs konzentriert, soll 2026 erscheinen. Die Frage bleibt, wie sich die Balance zwischen touristischer Entwicklung und dem Schutz des architektonischen Erbes von Les Arcs in Zukunft gestalten lässt.







