Emerging Markets: China enttäuscht, Investoren blicken nach Indien und über Asien hinaus

Investoren bewerten die Wachstumsperspektiven von Schwellenländern neu. Politische Risiken und die schwache Wirtschaftsentwicklung in China veranlassen Marktexperten zu einer breiteren Diversifizierung der Portfolios. Länder wie Indien, Südkorea und Taiwan rücken stärker in den Fokus, während Lateinamerika wegen grüner Transformation und Nearshoring-Trends an Bedeutung gewinnt.

Chinas Wirtschaft: Vertrauensverlust und strukturelle Probleme

Arne Rautenberg, Leiter des Aktienfondsmanagements bei Union Investment, bezeichnet China als „eher eine Enttäuschung, was das Wachstum angeht“ und sieht „wenig Momentum“ im chinesischen Aktienmarkt. Das Vertrauen der Anleger leidet, da eine Lösung der Immobilienkrise und staatliche Stimuli seit drei bis vier Jahren ausbleiben.

Martin Lück, Chef-Kapitalmarktstratege bei Franklin Templeton, spricht von rund 80 Millionen leer stehenden oder teilgenutzten Wohnungen in China. Dieses Volumen könnte ganz Deutschland aufnehmen. Die Immobilienkrise, sichtbar etwa an Fällen wie Evergrande und Country Garden, trifft Verbraucher, da Immobilien für viele als Altersvorsorge dienen. Fallende Preise drücken zusätzlich den Konsum.

China kämpft zudem mit Überkapazitäten in der Industrie. Das Land produziert jährlich rund 40 Millionen Autos; Schätzungen zufolge wird nur etwa die Hälfte davon im Inland abgesetzt. Dies erzeugt Preisdruck und verstärkt Deflationsprobleme.

Geringes Einzelhandelswachstum — im ersten Halbjahr 2026 legen die Einzelhandelsumsätze nur um 1,3 Prozent zu — sowie eine hohe Jugendarbeitslosigkeit verschärfen den Druck.

Peking kündigt im September eine Reihe von Maßnahmen zur Konjunkturstabilisierung an. Dazu gehören eine Senkung des Mindestreservesatzes um 50 Basispunkte und eine Zinssatzsenkung um 20 Basispunkte. Diese Maßnahmen entsprechen etwa einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Beobachter bewerten die Interventionen als vielversprechend, aber nicht ausreichend.

Politische Einflussnahme und geopolitische Spannungen bremsen

Die chinesische Regierung setzt politische Ziele häufig über die Interessen von Aktionären. Eigentumsrechte an Unternehmen sind nicht mit westlichen Rechtsstaaten vergleichbar. Als Beispiele dienen das gestoppte IPO der Ant Group, Eingriffe gegen Internetkonzerne wie Alibaba und Tencent sowie harte Eingriffe in den privaten Nachhilfesektor.

Der Aktienmarkt wird teilweise durch staatliche Fonds und informellen Druck auf Investoren beeinflusst.

Geopolitische Spannungen, vorrangig mit den USA, belasten die Wirtschaft zusätzlich. Ein Szenario mit Zöllen von bis zu 60 Prozent auf chinesische Exporte könnte das Bruttoinlandsprodukt-Wachstum um etwa 1,5 bis zwei Prozent reduzieren. Der Konflikt treibt Chinas Bemühungen voran, eigene KI-Lösungen und Technologie-Ökosysteme aufzubauen.

Helen Windischbauer, Leiterin Multi Asset Solutions bei Amundi Deutschland, bewertet den chinesischen Markt neutral. Sie sieht Chancen im Technologiesektor, insbesondere bei KI-Investitionen, während die Inlandswirtschaft abseits dieser Bereiche „sehr schleppend“ läuft.

Indien als vielversprechende Alternative

Angesichts der Risiken in China rückt Indien in den Fokus vieler Investoren. Die Asiatische Entwicklungsbank prognostiziert für Indien ein Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent im aktuellen Jahr und acht Prozent für 2023. Indien hat sich gegenüber geopolitischen Spannungen resilient gezeigt und alternative Bezugsquellen für Energie und Rohstoffe, auch aus Russland, erschlossen.

Langfristiges Potenzial sehen Beobachter in der Bevölkerung von rund 1,4 Milliarden Menschen und im Übergang von einer agrarisch geprägten zu einer stärker industrialisierten und urbanisierten Wirtschaft. Martin Lück bezeichnet Indien volkswirtschaftlich verglichen mit China als den attraktiveren Schwellenländermarkt.

Gleichzeitig warnen Experten vor Herausforderungen. Arne Rautenberg weist auf mögliche negative Folgen der Künstlichen Intelligenz für den indischen Arbeitsmarkt hin. Gut ausgebildete Arbeitskräfte, die bisher Outsourcing-Aufgaben übernahmen, könnten durch Automatisierung und KI verdrängt werden.

Diversifizierung über Asien hinaus: Technologie und Nearshoring

Weitere Schwellenländer gewinnen an Attraktivität. In Nordasien profitieren Taiwan und Südkorea vom globalen KI-Investitionszyklus. Taiwan ist im August 2026 der stärkste Markt in Lokalwährung, gestützt durch Unternehmen wie TSMC.

Südkorea profitiert ebenfalls mit Technologieunternehmen wie Samsung Electronics und SK Hynix. Südkorea wird bei MSCI trotz technologischer Entwicklung weiterhin als Schwellenland geführt.

Andere asiatische Länder zeigen positive Wachstumsprognosen. Die Asiatische Entwicklungsbank rechnet mit rund sieben Prozent für Bangladesch, sechs Prozent für Malaysia, sechs Prozent für die Philippinen und 6,5 Prozent für Vietnam.

Lateinamerika bietet Potenzial im Kontext der grünen Transformation, etwa durch Rohstoffe wie Kupfer und Lithium. Mexiko profitiert vom Nearshoring-Trend, verzeichnet erhöhte Investitionen im Industriesektor und gilt als wichtiger Lieferant für US-Importe. Robeco bewertet die Aussichten für Mexiko positiv.

Weitere von Robeco genannte Schwellenländer sind Griechenland, Polen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Indonesien und Südafrika.

Justin Kariya von City of London Investment Management betont, dass Schwellenmärkte außerhalb Chinas eine robuste Gewinnentwicklung und verbesserte makroökonomische Rahmenbedingungen aufweisen. Dies eröffnet langfristig Wachstumspotenzial bei günstigen Bewertungen.

Ausblick: Fokus auf Bewertung und strukturelle Trends

Die Reduzierung einer zu starken China-Exposition ist ein erkennbarer Trend. Der Morningstar Emerging Markets ex-China Index entwickelt sich seit Januar 2020 deutlich besser als der Morningstar China Index. Diskutiert wird, ob ETFs auf den MSCI Emerging Markets ex China langfristig die bessere Wahl sind.

Die Gewichtung Chinas im MSCI Emerging Markets Index liegt zeitweise bei rund 40 Prozent und sackt nach Kursrückgängen auf gut ein Viertel zurück. Dies spiegelt die strategische Neujustierung in Indizes wider.

Analysten von AllianceBernstein verweisen darauf, dass trotz geopolitischer Spannungen und rückläufigem Wachstum weiterhin attraktive Anlagethemen in China existieren. Robeco hebt die stärkere Finanzposition vieler Schwellenländer, verbesserte Leistungsbilanzen und reduzierte externe Schulden hervor. Gleichzeitig bestehen Bewertungsabschläge der Emerging Markets gegenüber entwickelten Märkten.

Beobachter werden die Umsetzung von Diversifizierungsstrategien und die Entwicklung der genannten Alternativmärkte weiter verfolgen.