Chinas rasche Automatisierung durch Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik stellt den nationalen Arbeitsmarkt vor erhebliche Herausforderungen. Während die chinesische Führung einen wirtschaftlichen Umbau hin zu Hochtechnologie und „new quality productive forces“ vorantreibt, zeichnet sich ab, dass dieser Wandel Arbeitsplätze kosten und die bereits angespannte Arbeitsmarktlage verschärfen wird. Erste Zahlen deuten auf stagnierende Einkommen und erhöhte Jugendarbeitslosigkeit hin.
KI-Wandel: Peking forciert Hightech, Arbeitsmarkt spürt Druck
Die chinesische Staatsführung, angeführt von Xi Jinping, hat einen klaren Kurs vorgegeben. Die Wirtschaft soll sich von einem wachstumsgetriebenen Modell, das auf günstiger Arbeit und traditioneller Industrie basiert, lösen. Stattdessen fördert Peking Sektoren wie KI, Halbleiter, Biotechnologie und Robotik.
Ministerpräsident Li Qiang betonte auf der „World Skills Conference“ in Shanghai, dass die „neue Runde der technologischen Revolution“ die Anforderungen an berufliche Kompetenzen grundlegend verändert.
China-Experte Jörg Wuttke warnt, dass die neue Wirtschaft nicht denselben Beschäftigungspuffer bieten wird wie die alte, immobilienbasierte Ökonomie. Die Automatisierung durch KI und Robotik droht, insbesondere im Niedriglohnsektor, Arbeitsplätze zu vernichten. Dieser Sektor verzeichnete in den vergangenen Monaten bereits ein sprunghaftes Wachstum flexibler Beschäftigungsformen.
Die Auswirkungen sind bereits spürbar: In Hightech-Vierteln Pekings stagnieren die Löhne seit dem Aufkommen generativer KI Ende 2022. Dies geht aus einem Forschungspapier der Tsinghua-Universität aus dem Mai hervor, das auf vorläufigen Daten basiert. Im Gegensatz dazu blieben die Löhne in weniger KI-exponierten Stadtteilen im gleichen Zeitraum stabil.
Der Arbeitsmarkt ist bereits angespannt, gekennzeichnet durch hohe Arbeitslosenquoten bei jungen Menschen. Die städtische Arbeitslosenquote der 16 bis 24-Jährigen ohne Studierende stieg im August auf 18,9 Prozent, nachdem sie im Juli bei 17,9 Prozent lag. Eine inoffizielle Altersgrenze von 35 Jahren für Neueinstellungen verschärft die Situation zusätzlich.
Robotisierung schreitet voran, Einkommen sinken
China belegt mit einer Roboterdichte von 470 Einheiten pro 10.000 Beschäftigten Platz drei weltweit. Weltweit stieg der operative Bestand an Industrierobotern auf 4,66 Millionen Einheiten, ein Plus von neun Prozent zum Vorjahr. 75 Prozent der neu installierten Roboter wurden in Asien und Australien eingesetzt.
Diese Entwicklung spiegelt sich in konkreten Einkommenseinbußen wider. Taxifahrer in Wuhan erlebten nach der Einführung von Baidus Robotaxi-Dienst Apollo Go einen Rückgang des durchschnittlichen Tageseinkommens um 10,9 Prozent. Einzelne Berichte sprechen sogar von bis zu 40 Prozent. Freiberufliche Kameraleute wie Tian Zemin sehen ihre Honorare auf 40 Prozent des Niveaus von 2019 gesunken.
Die Schätzungen zu den Jobverlusten variieren stark. Einige Analysen gehen von bis zu 130 Millionen wegfallenden Jobs in Produktion und Landwirtschaft durch Automatisierung aus. Andere sprechen von 80 Millionen durch KI bedrohten Arbeitsplätzen.
Gleichzeitig prognostizieren Studien 90 bis 140 Millionen neue Arbeitsplätze, was laut einer PwC-Prognose zu einem positiven Nettoeffekt von fünf bis zehn Millionen zusätzlichen Jobs führen könnte. Teilweise werden Verluste vorrangig bei manuellen Tätigkeiten und Zunahmen bei spezialisierten Jobs erwartet.
Regierung reagiert auf sozialen Druck
Die chinesische Regierung, die die KI-Entwicklung zunächst stark förderte, zeigt laut Beobachtungen einen „großen Stimmungsumschwung“ hin zu einem „menschenorientierten Ansatz“. Dieser Ansatz berücksichtigt soziale und ethische Bedenken stärker. Pekinger Kommunalbeamte wie Cheng Wanhui bestätigen, dass Behörden diese Aspekte nun genau beobachten.
Der Leitartikel der staatlichen Workers’ Daily warnte, die Arbeitnehmerrechte stünden im Zeitalter der KI „vor neuen Herausforderungen“. Er sprach von einem „Zusammenprall zwischen traditionellen Beschäftigungsregeln und der Weiterentwicklung der KI-Technologie“.
Es liegen Berichte über erste Gerichtsurteile vor, die KI-bedingte Entlassungen als unzulässig erklärten und Entschädigungen zusprachen. Parallel dazu betont Dion Smith von Siemens, dass die eigentliche Lücke bei der Befähigung der Beschäftigten liegt. Unternehmen wie Siemens setzen verschiedene KI-Modelle ein und integrieren diese in industrielle Anwendungen.
Die chinesischen Lieferdienste JD und Meituan testen Zustellungen durch selbstfahrende Autos und Roboter. Sie kündigen zudem Umschulungsprogramme für ihre Mitarbeiter an.
Deutscher Arbeitsmarkt als Vergleich und Ausblick
Auch in Deutschland analysieren Experten die potenziellen Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht davon aus, dass in den kommenden 15 Jahren 1,6 Millionen Arbeitsplätze durch KI verändert werden könnten. In den Analysen werden China und Indien als Warnsignale für mögliche negative Folgen genannt.
Eine Studie des Stanford Digital Economy Lab zeigt, dass bei 22 bis 25-jährigen Arbeitnehmern in stark KI-geprägten Berufsfeldern ein Beschäftigungsrückgang von 16 Prozent festzustellen ist, während erfahrene Kollegen stabil bleiben oder zulegen.
Die weitere Entwicklung in China wird davon abhängen, wie effektiv die Regierung Umschulungsprogramme gestaltet. Ebenso entscheidend ist, wie schnell neue, höherqualifizierte Arbeitsplätze entstehen, um durch Automatisierung wegfallende Stellen zu kompensieren. Offene Fragen bleiben hinsichtlich der langfristigen Wirkung dieser Programme.
In der Debatte wird auch die Sorge geäußert, dass Weiterbildung den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt verschärfen kann, wenn Unternehmen weniger Stellen schaffen. Die Welt beobachtet China, um zu sehen, wie das Land das Verhältnis zwischen technologischer Innovation und sozialer Stabilität handhabt.







