Der globale Anleihemarkt zeigt derzeit erhöhte Volatilität. Experten bezeichneten den jüngsten Kursrückgang bei europäischen Staatsanleihen als „brutale Bewegung“ mit hohem Tempo. Beobachter sehen einen möglichen Faktor im wachsenden Einfluss von Finanzakteuren außerhalb des traditionellen Bankensektors, den sogenannten Schattenbanken.

Diese Entwicklung beunruhigt Notenbanken und wirft Fragen zur Finanzstabilität auf.

Schattenbanken: Definition und wachsende Dominanz

Schattenbanken, präziser bankenunabhängige Finanzintermediäre, agieren außerhalb der klassischen Bankenregulierung. Sie verfügen über keine Banklizenz, verfolgen jedoch bankähnliche Geschäftsmodelle. Die Bundesbank definiert sie als Akteure, die bankähnliche Funktionen, insbesondere im Kreditvergabeprozess, wahrnehmen, aber nicht der Regulierung für Kreditinstitute unterliegen.

Ihre Aktivitäten sind oft schwer nachzuvollziehen. Im Gegensatz zu regulären Banken können sie kein Geld schöpfen und haben in der Regel keinen direkten Zugang zu Zentralbankfazilitäten. Konten und Depots bei ihnen sind nicht durch Einlagensicherungen geschützt. Diese intransparente Struktur birgt Risiken für die Finanzstabilität.

Seit der Finanzkrise 2008 ist der Anteil von Schattenbanken am weltweiten Finanzvolumen gestiegen. Für 2024 wird ihr Anteil am globalen Finanzvolumen mit 51 Prozent angegeben. Im Jahr 2017 bezifferten Daten das Geschäftsvolumen von Schattenbanken auf 51,6 Billionen US-Dollar; die Erhebung umfasste 29 Länder, die rund 80 Prozent der Weltwirtschaft repräsentieren.

Die Europäische Zentralbank (EZB) warnt vor einer zunehmenden Vernetzung zwischen regulären Banken und Schattenbanken, die in Stressphasen Ansteckungsrisiken erhöhen kann. Als Beispiel für die Größenordnung nennen Quellen große Vermögensverwalter wie BlackRock, das im Jahr 2022 mehr als 8,5 Billionen US-Dollar verwaltete – dies entspricht nach Angaben der Quellen etwa dem Doppelten des deutschen Bruttoinlandsprodukts von 2021.

Hebelprodukte und der Anleihe-Abverkauf

Ein möglicher Faktor für die aktuelle Marktdynamik sind gehebelte Positionen von Hedgefonds. Hedgefonds machen demnach rund 50 Prozent des elektronischen Handels mit europäischen Staatsanleihen aus, Telefongeschäfte ausgenommen. Ende September 2024 veröffentlichten die BIZ-Forscher Mathias Drehmann und Sonya Zhu eine Studie, die den wachsenden Einfluss solcher Intermediäre auf den Staatsanleihemarkt hervorhebt.

Knapp eine Woche nach der BIZ-Studie kam es zu einem Ausverkauf europäischer Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger französischer Anleihen lag Ende vergangener Woche bei 4,9 Prozent und fiel danach leicht auf 4,78 Prozent. Die zehnjährige deutsche Bundesanleihe sank von knapp 3,7 Prozent auf 3,45 Prozent.

Der Renditeabstand zwischen Frankreich und Deutschland betrug 1,32 Prozentpunkte; dieses Niveau wurde in den Quellen als nahe an den Höchstständen während der Euro-Staatsschuldenkrise 2011 beschrieben.

Christoph Rieger, Chefanlagestratege für Anleihen bei der Commerzbank, äußerte die Vermutung, dass Hedgefonds Positionen am Anleihemarkt hätten liquidieren müssen, was den Kurseinbruch beschleunigen konnte. Die EZB weist seit einiger Zeit darauf hin, dass Hedgefonds-Strategien Marktbewegungen verstärken können; ein EZB-Blogbeitrag aus September 2024 betont, dass ein plötzlicher Rückzug von Hedgefonds in Stressphasen Druck auf Banken ausüben und zu Handelsengpässen führen könnte.

Die Federal Reserve dokumentierte in einer Analyse auf Basis von SEC-Meldedaten eine massive Ausweitung von Hedgefonds-Positionen in US-Staatsanleihen: Zwischen September 2023 und September 2025 verdoppelten sich die Bruttopositionen auf 4 Billionen US-Dollar, davon 2,4 Billionen Long- und 1,6 Billionen Short-Positionen. Der Anteil der Hedgefonds an ausstehenden US-Treasuries stieg in diesem Zeitraum von 4,5 auf 8,5 Prozent. Die 50 größten Fonds machten demnach rund 90 Prozent des gesamten Treasury-Exposures aus.

Geopolitische Risiken und Schuldentragfähigkeit

Traditionell galten Staatsanleihen in geopolitisch unsicheren Zeiten als Zufluchtsmöglichkeit. Quellen berichten jedoch, dass seit 2025 geopolitische Schocks verstärkt Laufzeitprämien und Renditen anheben können. Matteo Cominetta und Manabu Tamaru von Barings stellen fest, dass sich seit 2025 der Zusammenhang zwischen geopolitischen Risiken und der Volatilität an den Anleihemärkten deutlich verstärkt hat.

Als Beispiel wird die Ankündigung von US-Zöllen im April 2025 genannt, die kurzfristig zu einer Reduzierung von Swap-Spread-Arbitrage-Positionen führte.

Parallel wächst die Sorge um die Schuldentragfähigkeit einiger Staaten. Die US-Staatsverschuldung liegt über 40 Billionen US-Dollar; das US-Finanzministerium zahlt den Quellen zufolge rund 100 Milliarden US-Dollar pro Monat allein an Zinsen. Deutschland weist eine Schuldenquote von 63,5 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts auf; in den Quellen wird die deutsche Quote als etwa halb so hoch wie die US-Quote dargestellt.

Eiko Sievert von der Rating-Agentur Scope sieht in den steigenden Anleiherenditen kein Zeichen für eine unmittelbare Schuldenkrise, wohl aber wachsende Anlegerbedenken wegen hoher Haushaltsdefizite. Staaten mit hohen Schuldenständen wie Italien sowie solche mit hohen Defiziten und steigenden Schuldenquoten wie Frankreich werden beobachtet.

Emmanuel Moulin, Chef der französischen Notenbank, bezeichnete die jüngsten Verwerfungen am Anleihemarkt als „ernst und besorgniserregend“ und betonte zugleich: „Frankreich ist nicht Griechenland während der Euro-Krise.“ Christoph Reichmuth, persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank Reichmuth, warnte in den zitierten Kommentaren vor weiteren Stresstests für den Euro und sieht Frankreich an einem kritischen Punkt in Bezug auf Finanzierungskosten.

Ausblick: Regulierung und Marktreaktionen

Die volatile Entwicklung an den Anleihemärkten im Zusammenhang mit Aktivitäten von Schattenbanken sowie steigende Staatsverschuldung rücken die Frage nach stärkerer Regulierung in den Fokus. Die BaFin äußerte in den Quellen Bedenken hinsichtlich der mangelnden Regulierung von Nicht-Banken-Finanzintermediären. Die Organisation Finanzwende fordert mehr Transparenz und Eigenkapitalanforderungen für Schattenbanken.

Der BIZ-Jahresbericht 2026 ergänzt, dass der Abbau gehebelter Positionen im Kassamarkt Marktstress verstärken kann, insbesondere angesichts der wachsenden Bedeutung von Nichtbanken-Finanzintermediären in den Staatsanleihemärkten.

Analysten und Aufseher rechnen damit, dass die Anleihemärkte in nächster Zeit volatil bleiben könnten. Die EZB und andere Zentralbanken beobachten die Entwicklung, wie der Auftritt von EZB-Chefin Christine Lagarde in Brüssel interpretiert wurde. Notenbanken stehen weiterhin vor der Herausforderung, Inflationsrisiken zu bekämpfen und gleichzeitig eine wirtschaftliche Abkühlung zu vermeiden.

Die Finanzmärkte werden voraussichtlich empfindlich auf geldpolitische Entscheidungen, geopolitische Entwicklungen und die haushaltspolitische Disziplin der Staaten reagieren. Offen bleibt, inwieweit Regulierungsbehörden dem wachsenden Einfluss von Schattenbanken mit gezielten Maßnahmen begegnen und so potenzielle systemische Risiken mindern können.