Cisco plädiert für einen fundamentalen Wandel in der Cybersicherheitsstrategie. Das Unternehmen schlägt das Konzept „Assuming Failure“ vor, eine Abkehr von der Illusion vollständiger Prävention. Dieser Ansatz erkennt an, dass Sicherheitskontrollen versagen können und bereitet Unternehmen auf diesen Fall vor.
Von der Prävention zur Resilienz: Ciscos Paradigmenwechsel
Die traditionelle Cybersicherheitsstrategie fokussiert sich primär auf die vollständige Verhinderung von Angriffen. Cisco plädiert stattdessen für ein resilientes Design. Moderne Angriffe wie Public-facing Application Exploits, Supply-Chain-Kompromittierungen, der Missbrauch gültiger Accounts (Credential Stuffing, Phishing, Social Engineering) und Initial Access Brokers machen einen Initialzugriff in vielen Umgebungen oft unvermeidlich.
Das Aufkommen von Frontier-KI-Modellen beschleunigt dieses Risiko. „Assuming Failure“ ist laut Cisco keine defätistische, sondern eine realistische und „battle-tested“ Strategie.
Ziel ist es, eine widerstandsfähigere Architektur aufzubauen. Diese soll Angreifer verlangsamen und menschlichen, prozessualen sowie technologischen Abwehrmechanismen Zeit zum Reagieren verschaffen. Wenn Angreifer länger für ihre Aktionen benötigen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass geschichtete Verteidigungssysteme und Security-Operations-Center-Teams sie stören und erkennen können.
Praktische Implikationen der neuen Strategie
Das Konzept „Assuming Failure“ wendet Cisco über die gesamte Angriffskette an, vom Initial Access bis zur lateralen Bewegung. Micro-Segmentation ist ein konkretes Beispiel als Reaktion auf die Erwartung lateraler Bewegungen von Angreifern. Praktische Anwendungen umfassen:
- Design für Resilienz und Geschwindigkeit der Detektion und Antwort statt für eine hundertprozentige Prävention.
- Mapping der Kontrollen zur Angriffskette, zum Beispiel mit dem MITRE ATT&CK Framework, um Lücken zu identifizieren.
- Nutzung von Breach-Attack-Simulationen zur Validierung von Annahmen und zur Prüfung der Wirksamkeit von Abwehrmechanismen.
- Aufbau von Feedback-Loops, damit Erfahrungen aus Kontrollversagen oder Beinahe-Vorfällen in Architektur- und Richtlinienentscheidungen einfließen.
Zeit als Verbündeten zu betrachten, erhöht die Wahrscheinlichkeit, Angreifer durch geschichtete Verteidigung und SOC-Teams zu stören.
Die Rolle von KI in der Sicherheitsarchitektur
Cisco entwickelt offene KI-Modelle zur Schwachstellensuche, darunter Antares-350M und Antares-1B. Diese Modelle sind auf Plattformen wie Hugging Face verfügbar und identifizieren Sicherheitslücken in Code-Repositories. Ciscos Antares-Modelle scannen rund 500 Repositories in etwa 15 Minuten für weniger als einen US-Dollar.
Im Vergleich benötigte GPT-5.5 für dieselbe Aufgabe deutlich mehr Zeit und Kosten. DJ Sampath, Senior Vice President und General Manager of AI Software and Platform bei Cisco, betont damit die Praktikabilität kleinerer Modelle für Cybersicherheitsaufgaben.
Cisco plant zudem, Antares-3B, ein Modell mit drei Milliarden Parametern, in eigene Sicherheitsprodukte zu integrieren. Parallel dazu arbeiten zahlreiche Unternehmen in der Open Secure AI Alliance gemeinsam an offenen Technologien, Techniken und Tools zum Schutz von Software und Agenten im Zeitalter der KI. Beteiligte sind unter anderem NVIDIA, Microsoft und IBM.
Gleichzeitig stellt die Initiative die Branche vor die Frage, wie man Verteidiger durch offene Modelle stärkt, ohne deren Missbrauch durch Angreifer zu erleichtern.
Cybersicherheit als strategische Führungsaufgabe
Cybersicherheit rückt verstärkt in den Bereich der Unternehmensführung. Führungskräfte im Bereich Cybersecurity müssen über technische Expertise hinaus Kommunikations- und Geschäfts-Know-how besitzen. Charles Blauner, ehemaliger CISO bei JPMorgan, Citigroup und der Deutschen Bank, sieht operative Resilienz als die nächste Grenze des Berufsfeldes.
John Bruggeman, Consulting CISO bei OnX und CBTS, bezeichnet CISOs als de facto Chief Resilience Officers.
Zahlen untermauern die Dringlichkeit: Laut Palo Alto Networks’ 2026 Unit 42 Global Incident Response Report waren Identitäts-Schwachstellen in fast 90 Prozent der untersuchten Cybervorfälle involviert. Eine Studie von Semperis zeigt, dass 75 Prozent der Gesundheitsorganisationen einen Anstieg KI-gestützter Angriffe auf Identitäten erwarten. Jedoch sind nur 27 Prozent dieser Organisationen sehr zuversichtlich, sich von der Offenlegung administrativer Zugangsdaten durch solche Angriffe erholen zu können.
Ausblick: Ein kontinuierlicher Anpassungsprozess
Ciscos Konzept „Assuming Failure“ fasst die Grundannahme zusammen, dass absolute Sicherheit nicht erreichbar ist. Strategien sollten daher auf die Erwartung ausgerichtet sein, dass Angriffe stattfinden. Das erfordert Anpassungen in Architektur, Prozessen, dem Einsatz von KI zur schnelleren Detektion und Reaktion sowie in der Ausbildung und Einbindung von Mitarbeitenden.
Parallel dazu bleibt die Abwägung zwischen Transparenz offener KI-Modelle und dem Schutz vor deren Missbrauch ein fortlaufendes Thema in der Branche.







