Hedgefonds und Analysten haben in einem Marktumfeld mit steigenden Zinsen, höheren Energiekosten und Unsicherheiten bei KI-Investitionen vier Aktien identifiziert. Diesen Titeln schreiben sie ein Comeback-Potenzial von über 100 Prozent zu. Das Handelsblatt untersuchte hierfür 50 Titel, die am häufigsten in US-Hedgefonds-Depots zu finden sind, basierend auf Daten von Goldman Sachs.

Die ausgewählten Aktien notieren aktuell mindestens 20 Prozent unter ihrem Jahreshoch. Zudem sprechen für jeden dieser Titel mindestens 85 Prozent der Analysten eine Kaufempfehlung aus. Diese Selektion grenzt den Fokus auf Unternehmen ein, die nach Einschätzung professioneller Investoren und Marktbeobachter unterbewertet sein oder vor einem Wendepunkt stehen könnten.

Reine KI-Aktien wurden in dieser Analyse nicht berücksichtigt.

Abivax: Biotech-Wette mit Aufholpotenzial

Der französische Biotech-Konzern Abivax mit Sitz in Paris entwickelt Therapien für chronisch-entzündliche Erkrankungen. Kern des Portfolios ist Obefazimod, eine einmal täglich einzunehmende Tablette gegen entzündliche Darmerkrankungen. Die Aktie stieg von Sommer 2025 bis zum Jahresende um über 1.700 Prozent, getragen von positiven Studiendaten zu Obefazimod.

Die Marktkapitalisierung von Abivax liegt derzeit bei knapp 8 Milliarden US-Dollar. Modellrechnungen aus Juli 2025 taxierten den Unternehmenswert jedoch auf 23 Milliarden US-Dollar. Im Juni 2025 wurden Berichte über Sicherheitsbedenken aufgrund von Krebsfällen in einer Studie bekannt. Daraufhin führte das Unternehmen eine Kapitalerhöhung durch, die bestehende Aktien verwässerte.

Zusätzliche Daten Ende Juni zeigten laut Berichten, dass die Anzahl der Krebsfälle den typischen Raten für diese Krankheit entsprach. Einige Analysten halten die Bedenken daher für übertrieben. Für dieses Jahr ist die Einreichung eines Zulassungsantrags in den USA geplant.

Sollte Obefazimod erfolgreich sein, könnte Abivax laut Analystenschätzungen 2028 die Profitabilitätsschwelle erreichen. Abivax wird zudem als potenzielle Übernahmeoption für größere Pharmafirmen gehandelt. Du kannst über die in Europa handelbare Aktie (ISIN: FR0012333284) investieren; US-Investoren setzen auf ADRs.

Boeing: Luftfahrtriese vor dem Turnaround

Boeing zählt zu den weltweit größten Herstellern von Großraumflugzeugen und ist einer der größten Rüstungskonzerne. Zusammen mit Airbus kontrolliert das Unternehmen wesentliche Teile des Marktes für große Passagier- und Frachtflugzeuge. Fast ein Drittel des Umsatzes entfiel im ersten Halbjahr auf die Rüstungssparte.

Ende September erhielt Boeing den Zuschlag für den Bau eines neuen Tarnkappen-Kampfjets für die US-Marine.

Ein Konflikt im Nahen Osten belastet nach Angaben der Recherche das zivile Flugzeuggeschäft. Steigende Öl- und Kerosinpreise sowie wirtschaftliche Unsicherheiten beeinflussen die Nachfrage. Zuletzt traten Probleme bei Produktionszielen und der Qualitätssicherung auf, die auch Chef Kelly Ortberg einräumte.

Die US-Luftfahrtbehörde stoppte zeitweise die Zertifizierung der Boeing 737 Max 10. Langfristige Schulden beliefen sich zum Halbjahreswechsel auf rund 41 Milliarden US-Dollar, was im Umfeld gestiegener Zinsen eine Belastung darstellt.

Der Auftragsbestand von Boeing liegt bei mehr als 6.200 Maschinen mit einem Rekordwert von rund 597 Milliarden US-Dollar. Analysten sehen die Herausforderung eher in der operativen Umsetzung als im Marktumfeld. Die Zertifizierung der 737 Max 10 gilt als wichtig.

Insider bei Reuters erwarten die Zulassung kurzfristig. Für das laufende Jahr wird ein kleiner Nettoverlust erwartet. Analysten prognostizieren aber, dass der Nettogewinn pro Aktie bis 2028 auf über 7,50 US-Dollar steigen könnte.

Bernstein Research stuft Boeing mit „Outperform“ ein.

FTAI Aviation: Spezialist im Aufwind

FTAI Aviation besitzt, vermietet und wartet Triebwerke für Verkehrsflugzeuge, mit Schwerpunkt auf den weit verbreiteten Typen CFM56 und V2500. Ende 2025 stellte das Unternehmen eine neue Energiesparte vor. Diese wandelt gebrauchte Flugzeugtriebwerke in stationäre Kraftturbinen zur Stromerzeugung um, etwa für Rechenzentren. Der operative Start dieser Sparte ist für dieses Jahr geplant.

Die Aktie stieg bis Ende Februar dieses Jahres zeitweise um bis zu 69 Prozent. Aktuell notiert sie jedoch rund 49 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Der Rückgang fiel mit dem Ausbruch eines Konflikts zusammen, der zu gestiegenen Kerosinpreisen führte.

Außerdem wurde ein nachlassender Hype um KI-Ausbau und Rechenzentren als Erklärungsansatz genannt. Analysten erwarten, dass sich der Nettogewinn bis 2028 gegenüber 2025 fast vervierfacht. Dies wird vor allem vom Reparatur- und Ersatzteilgeschäft gestützt.

Die Produktion von CFM56-Triebwerken stieg im zweiten Quartal 2026 um 61 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zudem kündigte das Unternehmen ein Aktienrückkaufprogramm über 500 Millionen US-Dollar an, das knapp drei Prozent des Börsenwerts entspricht. Morgan Stanley und Barclays haben Kursziele gesenkt, sehen aber weiterhin ein Kurspotenzial bis etwa 310 US-Dollar, was nahezu 90 Prozent Upside bedeutet.

Sea Limited: Der Tech-Konzern aus Singapur

Sea Limited aus Singapur basiert auf drei Geschäftsbereichen: Garena (Gaming), Shopee (E-Commerce) und SeaMoney (digitale Finanzdienstleistungen). Hinterlegungsscheine (ADRs) von Sea sind auch an deutschen Börsen handelbar. Untersuchungen von Insider Monkey zeigen, dass Sea Limited zu den Top-Aktien gehört, in die die besten 100 Hedgefonds investieren.

Mehr als zehn der 20 besten Hedgefonds halten demnach Positionen in Sea. Ein konzentriertes Engagement großer Hedgefonds kann auf umfangreiche Due Diligence und die Erwartung signifikanter Renditen hinweisen.

Kontext und Ausblick

Die Auswahl dieser Aktien spiegelt eine Präferenz von Hedgefonds und Analysten für Unternehmen wider, die einen klaren Turnaround vor sich haben, von langfristigen Markttrends profitieren oder in Nischenmärkten eine führende Position einnehmen. Hedgefonds legen vierteljährlich ihre Bestände offen, die sogenannten 13F-Filings. Diese bieten Einblicke in die Portfolios einflussreicher Anleger.

Analystenprognosen basieren auf ökonomischen Daten und Annahmen zur künftigen Entwicklung. Gängige Bewertungsmethoden sind Discounted-Cash-Flow-Verfahren oder der Vergleich mit Peer-Gruppen.

Einschätzungen variieren, weil sie subjektiv sind und auf unterschiedlichen Daten beruhen. Eine einzelne Neueinschätzung sollte selten die alleinige Grundlage für Kauf- oder Verkaufsentscheidungen sein. Der Markt wird beobachten, ob die identifizierten Kurspotenziale in den kommenden Quartalen materialisieren, insbesondere mit Blick auf die noch ausstehende Zulassung der Boeing 737 Max 10 und die weitere Entwicklung von Abivax' Obefazimod.