Die Deutsche Bank ordnet den aktuellen Aufschwung im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) als strukturellen Wachstumstreiber ein, nicht als spekulative Blase. Experten des Geldhauses bezeichnen KI als „Game Changer“ und sehen darin das dominierende Strukturthema der kommenden Jahre. Dies steht jedoch im Kontrast zu Warnungen vor Überbewertungen, die andere Marktbeobachter äußern.

KI als Motor für Wirtschaft und Märkte

Für die Deutsche Bank ist Künstliche Intelligenz das „dominierende Strukturthema der kommenden Jahre“. Christian Nolting, globaler Chefanlagestratege der Privatkundenbank, betont, KI bleibe der strukturelle Wachstumstreiber für Wirtschaft und Kapitalmärkte, und die Entwicklung stehe erst am Anfang. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, bestätigt: „Wir glauben nach wie vor, dass es ein Boom ist und keine Blase.“

Einige Experten vergleichen die Technologie mit historischen Innovationen wie der Dampfmaschine oder der Eisenbahn. Vertreter der Deutschen Bank erwarten, dass KI die Produktivität der Volkswirtschaften steigern wird. Erste Wachstumsimpulse zeigen sich bereits.

Analysten prognostizieren Gewinnsteigerungen von über 30 Prozent für S&P-500-Konzerne und über 20 Prozent für Stoxx-Europe-600-Konzerne. Die Deutsche Bank erwartet für das Jahr 2026 in den meisten Regionen ein solides zweistelliges Gewinnwachstum.

Die globalen Gewinnschätzungen für den MSCI AC World hat eine Revision um rund 370 Milliarden US-Dollar nach oben erfahren, hauptsächlich getrieben vom Technologie- und Energiesektor.

Massive Investitionen und Marktkonzentration

Der KI-Sektor zieht erhebliche Investitionen an, insbesondere in die Infrastruktur wie Rechenzentren, Halbleiter und Stromversorgung. Im ersten Quartal 2025 stiegen die weltweiten Investitionen in Rechenzentren (CapEx) im Jahresvergleich um über 50 Prozent, im zweiten Quartal um mehr als 40 Prozent. Für das Jahr 2024 wurden CapEx-Ausgaben von nahezu 500 Milliarden US-Dollar genannt, mit einer Projektion auf über 1,2 Billionen US-Dollar bis zum Jahr 2029 bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 21 Prozent.

US-Technologiekonzerne könnten ihre Investitionen bis zum Jahr 2026 auf 725 Milliarden US-Dollar und bis zum Jahr 2028 auf nahezu 1 Billion US-Dollar ausweiten.

Diese Entwicklung führt zu einer historischen Marktkonzentration, besonders im US-Technologiesektor. Nvidia, als zentraler Lieferant von GPUs, hat sich in den vergangenen zwei Jahren bis Ende 2025 versiebenfacht. Die sogenannten „Magnificent Seven“ – Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Tesla und Nvidia – treiben die Gewinne im S&P 500 maßgeblich.

Ihr Anteil an der gesamten Marktkapitalisierung in den USA liegt bei etwa 35 Prozent. Die zehn größten US-Unternehmen machen mehr als 20 Prozent des weltweiten Börsenwerts aus.

Robuste Gewinne und Risikofaktoren

Im Unterschied zur Dotcom-Ära stützen starke Gewinne, solide Cashflows und gesündere Bilanzen die aktuellen Bewertungen von KI-Unternehmen, so einige Beobachter. Ulrich Stephan sieht viele KI-Titel nicht als extrem überbewertet an. Das Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis von Nvidia liegt demnach im mittleren 20er-Bereich.

Christian Nolting betont, „die Unternehmensgewinne sind sehr robust“, und Rücksetzer könnten sich als Kaufgelegenheiten erweisen.

Die Deutsche Bank benennt zugleich Risiken. Sorgen bestehen über mögliche Überinvestitionen, Herausforderungen bei der Monetarisierung von KI-Anwendungen und den steigenden Energiebedarf. Die globale Rechenkapazität dürfte sich bis zum Jahr 2030 beinahe verdoppeln.

Der Anteil von Rechenzentren am Stromverbrauch in den USA könnte laut Schätzung von derzeit rund vier Prozent auf bis zu 7,8 Prozent steigen.

George Saravelos, Head of FX Research bei der Deutschen Bank, weist darauf hin, dass das aktuelle US-Wachstum wesentlich durch Investitionen in KI-Infrastruktur getragen wird. Er hält es für „höchst unwahrscheinlich“, dass die Kapitalinvestitionen in dieser parabolischen Form fortgesetzt werden können, um den Beitrag zum BIP-Wachstum dauerhaft zu sichern.

Deutschland im globalen KI-Wettbewerb

Robin Winkler, Chefvolkswirt Deutschland bei Deutsche Bank Research, kritisiert, dass keine andere OECD-Nation weniger in Software investiert als Deutschland. Die Investitionen liegen unter einem Prozent der Wirtschaftsleistung, während Schweden auf rund vier Prozent kommt. Ohne eine Beschleunigung der Digitalisierung und KI-Adaption droht Deutschland, international an Boden zu verlieren.

Gleichzeitig sieht Winkler darin eine Chance für erhebliche Produktivitätsgewinne, da digitale Prozesse in Deutschland noch begrenzt verbreitet sind.

Differenzierte Betrachtung und Ausblick

Während die Deutsche Bank den strukturellen Charakter des KI-Booms betont, warnen andere Beobachter vor Parallelen zur Dotcom-Blase. Bank of America weist auf klassische Merkmale einer späten Boomphase hin, etwa starke Marktkonzentration und eine Divergenz der Volatilität von Einzelaktien und Indizes. Weitere Hinweise auf spekulatives Verhalten sind nach Beobachtungen ein Anstieg der Wertpapierkredite und beschleunigte IPOs mit ersten Handelstag-Prämien in den USA von bis zu 30 Prozent.

Bain & Company schätzt ein Gap von rund 800 Milliarden US-Dollar, um die zur Deckung der erwarteten KI-Nachfrage bis zum Jahr 2030 benötigte Rechenleistung zu finanzieren.

Die Deutsche Bank rechnet dennoch mit einer strukturellen Verbreiterung der Investmentchancen im KI-Boom für die Jahre 2026 und 2027. Christian Nolting betont die Notwendigkeit, Trends früher als der Markt zu erkennen und Risiken diszipliniert zu steuern. Allein auf die großen Namen zu setzen, könnte dazu führen, das eigentliche Potenzial zu verpassen.

Die kommenden Quartale werden zeigen, ob die Unternehmensgewinne abseits der Tech-Giganten halten und ob sich KI-Anwendungen zuverlässig monetarisieren lassen. Diese Faktoren werden die Nachhaltigkeit dieses strukturellen Wandels bestimmen.