Deutschlands Startup-Ökosystem verzeichnet einen Rekordwert an sogenannten Unicorns, also nicht börsennotierten Unternehmen mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar. Trotz dieser Entwicklung und einer wachsenden Attraktivität des Gründungsstandorts Deutschland beobachten Marktteilnehmer eine anhaltende Tendenz vieler Unicorns, für ihre Expansion und insbesondere für einen möglichen Börsengang den Weg in die Vereinigten Staaten zu suchen. Dies wirft Fragen hinsichtlich der Wertschöpfung und der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Finanzplatzes auf.
Deutsche Unicorn-Welle: Ein Blick auf die Zahlen
Deutschland hat mit 39 Unicorns einen neuen Höchststand erreicht. Der Hurun Germany Unicorn Index 2026 nennt 38 Einhörner mit einem Gesamtwert von 118,9 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Zuwachs von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr; dem Index zufolge gab es 12 Neuzugänge im Jahr 2026.
Bis Ende September des aktuellen Jahres identifizierten Analysten zehn weitere Startups, die die Milliardenbewertung überschritten haben. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der Unicorns in Deutschland vervielfacht: von 11 im Jahr 2019 auf 34 im Jahr 2023 und nun auf knapp 40. Deutschland festigt damit seine Position als zweitstärkster Startup-Standort Europas und klettert im globalen Ranking auf Platz fünf der Länder mit den meisten Unicorns.
Hendrik Brandis, Mitgründer des Wagniskapitalgebers Earlybird, sieht technologische Innovationen wie Künstliche Intelligenz (KI) und Cloud-Computing als treibende Faktoren für diese Entwicklung. Laut einer Umfrage sehen 53 Prozent der befragten Startups KI im Zentrum ihres Produkts, nach 39 Prozent im Jahr 2024. Beispiele für deutsche Unternehmen mit hoher Bewertung sind Celonis (Process Mining), DeepL (KI-Übersetzung) und Helsing.
Laut Hurun ist Helsing mit 16,6 Milliarden Euro das wertvollste deutsche Einhorn. Zuwächse sind auch im Deeptech-Sektor zu verzeichnen, insbesondere im Defencetech-Bereich.
Abwanderungstendenzen und der Ruf der USA
Trotz der Zunahme heimischer Unicorns zeigt sich eine Präferenz für den US-Markt, sobald es um Skalierung und Kapitalbeschaffung geht. Eine Bitkom-Umfrage unter Unicorn-Gründern ergab, dass 62 Prozent der Startups, die einen Börsengang planen, eine Platzierung in den USA bevorzugen; 27 Prozent favorisieren Deutschland. Dies birgt ein Risiko für Verlagerungen von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen außerhalb Europas.
Mit zunehmender Reife verlassen zahlreiche europäische Startups den Kontinent: Nach der dritten Finanzierungsrunde haben 30 Prozent der Technologieunternehmen ihren Hauptsitz außerhalb der EU. Celonis, das im Jahr 2021 zum Decacorn wurde, eröffnete im Jahr 2016 ein wichtiges Büro in New York und steuert von dort aus einen Teil seines globalen Geschäfts.
Ein wesentlicher Faktor für diese Tendenz ist der Unterschied im Zugang zu Wagniskapital. Allein in KI-Startups flossen im Jahr 2025 in den USA 146 Milliarden US-Dollar, während es in Europa 14 Milliarden US-Dollar waren. Pro Einwohner werden in Deutschland rechnerisch 90 Euro in Wagniskapital investiert, in den USA liegt dieser Wert bei rund 510 Euro.
Der Startup-Verband beziffert die jährliche Finanzierungslücke in Deutschland auf etwa 30 Milliarden Euro. Zudem geben 64 Prozent der befragten Startups an, bei digitalen Technologien überwiegend oder ganz auf US-Anbieter zu setzen, oft wegen fehlender europäischer Alternativen.
Politik und Wirtschaft in der Pflicht
Die Diskrepanz zwischen der steigenden Anzahl deutscher Unicorns und der Tendenz, für spätere Finanzierungsrunden oder Exits in die USA zu gehen, stellt Politik und Wirtschaft vor Herausforderungen. Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, hebt die Innovationskraft hervor und betont zugleich den hohen Kapitalbedarf für den Sprung an die Weltspitze sowie die Notwendigkeit attraktiverer Börsengänge in Deutschland. Hendrik Brandis kritisiert die zaghafte Umsetzung von Förderinitiativen und bezeichnet sie als „Tropfen auf den heißen Stein“.
Er schlägt staatlich verbürgte Dachfonds für Wagniskapital vor.
Laut einer Bitkom-Umfrage fordern 79 Prozent der Gründer einen Bürokratieabbau, 64 Prozent einen erleichterten Marktzugang im EU-Binnenmarkt und 43 Prozent besseren Zugang zu Wachstumskapital. Im aktuellen Jahr sind die Wagniskapital-Investitionen in Deutschland bis Ende September auf rund 8 Milliarden Euro gestiegen; im gesamten Vorjahr lagen sie bei etwa 7,5 Milliarden Euro. Überdies gaben 57 Prozent der befragten Gründer an, heute wieder in Deutschland gründen zu wollen.
Im Vorjahr waren es 47 Prozent.
Ausblick: Kapitalbedarf und Wettbewerbsfähigkeit
Die Debatte über den Weg in die USA für spätere Finanzierungsrunden und Börsengänge bleibt relevant. Deutsche Startups zeigen ihre Innovationskraft, und die Zahl der Milliardenunternehmen wächst. Dennoch besteht weiterhin ein struktureller Nachteil beim Zugang zu signifikantem Wachstumskapital und bei der Attraktivität des heimischen Kapitalmarktes. 79 Prozent der Befragten einer Umfrage rechnen damit, dass im Jahr 2026 mindestens ein deutsches Unicorn an die Börse geht.
Die Hälfte der Befragten rechnet dabei weiterhin mit den USA als bevorzugtem Standort; 29 Prozent halten einen Börsengang an einer deutschen Börse für möglich. Politik und Branchenvertreter diskutieren Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für europäische Finanzierungen und Exit-Möglichkeiten, mit dem Ziel, Wertschöpfung in Europa zu halten.







