Europas führende Telekommunikationskonzerne formieren eine gemeinsame Front im Orbit. Mit einer am 19. Oktober 2026 unterzeichneten Absichtserklärung prüfen die Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica und Orange ein gemeinsames Gebot für künftige europäische Frequenzen für Mobile Satellite Services (MSS).
Das strategische Ziel ist der Aufbau eines europaweiten Direct-to-Device-Netzes (D2D), über das herkömmliche Smartphones in Funklöchern direkt per Satellit angebunden werden. Damit positionieren sich die Netzbetreiber zugleich gegen die wachsende Dominanz von SpaceX und dessen Satellitendienst Starlink.
Das Ringen um kritische Infrastruktur und technologische Souveränität verlagert sich damit zunehmend in den erdnahen Weltraum.
Ein Viererbündnis für das europäische Spektrum
Die vier Betreiber sichern sich mit der Absichtserklärung die Option, künftige Lizenzen für mobile Satellitendienste auf EU-Ebene geschlossen zu ersteigern. Im Fokus steht das 2-Gigahertz-Spektrum zwischen 1980 bis 2010 Megahertz sowie 2170 bis 2200 Megahertz. Diese Frequenzbänder, die bislang vorrangig Verbindungen im Flugverkehr bereitstellen, laufen im Mai 2027 aus.
Die EU-Kommission plant eine zweijährige Übergangsfrist, sodass eine Neuzuteilung voraussichtlich ab Mitte 2029 greift.
Der aktuelle Entwurf sieht vor, ein Drittel des Frequenzbandes für staatliche und sicherheitskritische Kommunikation zu reservieren und direkt an das europäische Satellitenprojekt IRIS² zu koppeln. Die verbleibenden zwei Drittel stehen kommerziellen Anbietern offen. Von diesem kommerziellen Kontingent sollen 50 Prozent exklusiv europäischen Neueinsteigern vorbehalten bleiben, während die restlichen 50 Prozent auch internationalen Bewerbern zugänglich sind.
Thomas Regnier, Sprecher der EU-Kommission für technologische Souveränität, betont die strategische Dimension: Satellitenkonnektivität sei ein zentrales Element europäischer Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit. In einem veränderten geopolitischen Umfeld garantiere ein europäisches Satellitennetz die notwendige Handlungsfähigkeit und Resilienz.
Die Konzerne planen, dieses Spektrum gemeinschaftlich zu nutzen und ein offenes D2D-Netz aufzubauen. Vorgesehen ist, Bodenstationen, Kernnetz-Gateways sowie Kontrollfunktionen vollständig auf europäischem Boden zu betreiben. Zudem soll die Infrastruktur allen Mobilfunkanbietern diskriminierungsfrei zur Verfügung stehen.
Satelliten als orbitale Mobilfunkmasten
Technisch basiert das Vorhaben auf dem 3GPP-Release-17-Standard für sogenannte Non-Terrestrial Networks. Satelliten im niedrigen Erdorbit (LEO) in Höhen zwischen 250 bis 2.000 Kilometern fungieren dabei wie fliegende Funkmasten. Handelsübliche Mobiltelefone können über das 2-Gigahertz-MSS-Spektrum Sprache, Kurznachrichten und Daten austauschen, ohne dass Nutzer zusätzliche Parabolantennen oder Spezialchips benötigen.
Zum Vergleich: Stationäre Starlink-Mini-Hardware kostet im Handel gegenwärtig rund 249 Euro.
Aus wirtschaftlicher Sicht zielen die Telekommunikationskonzerne auf die Schließung der letzten bestehenden Versorgungslücken ab. Die Deutsche Telekom erreicht eigenen Angaben zufolge knapp 90 Prozent Flächenabdeckung mit 5G und über 92 Prozent mit LTE. Dennoch verbleiben unversorgte Gebiete.
Daten der Bundesnetzagentur belegen, dass auf 1,2 Prozent der deutschen Bundesfläche keinerlei terrestrischer Empfang besteht, nicht einmal über das 2G-Netz. Bei O2 Telefónica liegt dieser Wert bei 1,6 bis 1,7 Prozent, bei Vodafone bei rund 1,7 Prozent.
Das Weltraumnetz ersetzt die bestehende Infrastruktur am Boden jedoch nicht. Für eine funktionierende D2D-Verbindung benötigt das Gerät freie Sicht zum Himmel. In Gebäuden oder unter dichter Vegetation bleibt der Empfang stark eingeschränkt. Der Satellitenfunk fungiert folglich vorrangig als Notfallabsicherung abseits ausgebauter Korridore.
Strategische Parallelallianzen im Markt
Gleichwohl verfolgen die vier Konzerne ein strategisches Doppelspiel, denn das Quartett bewegt sich in einem Geflecht bestehender Partnerschaften. Bereits im März 2026 vereinbarte die Deutsche Telekom auf dem Mobile World Congress eine Zusammenarbeit mit SpaceX. Ein kommerzieller Dienst auf Basis der nächsten Starlink-Generation soll Anfang 2028 in zehn europäischen Märkten starten, darunter Deutschland, Österreich, Polen und Griechenland.
Abdu Mudesir, Vorstand für Produkt und Technik der Deutschen Telekom, begründete diese Kooperation mit dem Ziel, schwer zugängliche Regionen umgehend anzubinden.
Vodafone wiederum setzt auf eine Partnerschaft mit AST SpaceMobile und gründete das Gemeinschaftsunternehmen Satellite Connect Europe („SatCo“) mit Sitz in Luxemburg, an dem sich perspektivisch auch Orange und Telefónica beteiligen sollen. Die neu formierte Viererallianz dient den europäischen Carriern vor allem als Hebel, um einseitige Abhängigkeiten von US-Technologieanbietern zu begrenzen.
Die Telekommunikationskonzerne planen keine eigene Satellitenfertigung, sondern vergeben den Betrieb der Flotte an spezialisierte Raumfahrtunternehmen. Als potenzielle Konsortialpartner gelten AST SpaceMobile, das europäische Konsortium IRIS²/SpaceRise sowie das geplante Bündnis aus Airbus, Leonardo und Thales.
Diese drei Industriekonzerne beabsichtigen, ihre Satellitensparten zusammenzulegen. Das Vorhaben soll ab 2027 rund 25.000 Mitarbeiter zählen und einen Jahresumsatz von rund 6,5 Milliarden Euro erzielen. Dabei entfallen 35 Prozent der Anteile auf Airbus sowie jeweils 32,5 Prozent auf Leonardo und Thales.
Geopolitische Spannungen um Frequenzen
Die europäische Initiative birgt transatlantisches Konfliktpotenzial. SpaceX betreibt bereits mehr als 10.000 Starlink-Satelliten im niedrigen Erdorbit und sicherte sich in den Vereinigten Staaten MSS-Frequenzen im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar. Der US-Konzern argumentiert, protektionistische Auflagen in Europa könnten bestehende Netzverbindungen beeinträchtigen.
In Washington stößt die Brüsseler Vergabepraxis auf deutlichen Widerstand. Berichten zufolge drohte Andrew Puzder, US-Botschafter bei der Europäischen Union, mit handelspolitischen Vergeltungsmaßnahmen, sollten US-Anbieter wie SpaceX oder Amazons Kuiper-Projekt bei den Vergaberegeln strukturell benachteiligt werden.
In den Vereinigten Staaten formieren sich unterdessen ähnliche Allianzen: AT&T, Verizon und T-Mobile US schlossen ebenfalls eine Zweckgemeinschaft, um orbitale Frequenzen im Heimatmarkt gemeinsam zu bewirtschaften.
Die Absichtserklärung der vier europäischen Konzerne bleibt zunächst unverbindlich. Bis zum Beginn der Neuzuteilung ab Mitte 2029 müssen die beteiligten Betreiber formelle Gebote bei den Behörden einreichen. Offen bleibt, wie die europäischen Konzerne den Spagat zwischen ihren Verträgen mit US-Partnern und dem Brüsseler Souveränitätsanspruch bewältigen.
Auch konkrete Tarifmodelle, Roaming-Konditionen und Gerätekompatibilitäten für Endkunden stehen im weiteren Regulierungsverfahren erst noch zur Verhandlung an.







