Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute heben ihre Wachstumsprognose für das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2026 auf 1,3 Prozent an. Dies stellt eine deutliche Korrektur der im Frühjahr erwarteten 0,6 Prozent dar. Das höhere Wachstum 2026 wird maßgeblich durch staatliche Milliardeninvestitionen und Sondereffekte getragen.

Die Institute warnen zugleich, dass dieses Plus auf einem schmalen Fundament steht. Ökonomen erwarten, dass das Wachstum 2028 auf nur noch 0,4 Prozent sinken wird, und warnen vor einem Reformstau.

Aufschwung auf schwachem Fundament

Das prognostizierte Wachstum für 2026 speist sich maßgeblich aus staatlichen Milliardenausgaben für Infrastruktur, Straßen, Schienen und Verteidigung. Zusätzliche Impulse liefern die Weltkonjunktur sowie der globale KI-Boom. Auch mehr Arbeitstage, bedingt durch günstig fallende Feiertage, tragen zum Zuwachs bei.

Die staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Klimaneutralität belaufen sich bis 2029 auf insgesamt 271 Milliarden Euro. Davon fließen 133 Milliarden Euro in bereits geplante Maßnahmen, wodurch sie keinen zusätzlichen konjunkturellen Impuls erzeugen. Die Verteidigungsausgaben für 2026 liegen bei mehr als 108 Milliarden Euro.

Analysten von Goldman Sachs und Vanguard beziffern den Effekt dieser Aufwendungen auf etwa 0,5 Prozentpunkte des BIP-Wachstums.

Trotz dieser Effekte mahnen Experten wie Oliver Holtemöller, Konjunkturchef am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), zur Vorsicht. Holtemöller erklärt, die Strukturprobleme seien „bei weitem nicht gelöst“, und die Erholung bleibe fragil. Für 2027 prognostizieren die Institute ein Wachstum von 1,1 Prozent. Für 2028 erwarten sie lediglich 0,4 Prozent.

Warnsignale für den Wirtschaftsstandort Deutschland

Die deutsche Wirtschaft steckt seit drei Jahren in einer Flaute und verzeichnete in diesem Zeitraum lediglich in zwei Quartalen Wachstum. Im Jahr 2025 stagnierte die Wirtschaft de facto mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. Dies ist nach Darstellung der Institute die längste Schwächephase in der Geschichte der Bundesrepublik.

Das reale, kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf lag 2024 bei 62.800 US-Dollar, was leicht unter dem Niveau von 2019 (62.900 US-Dollar) liegt. Der Handlungsspielraum für tiefgreifende Reformen ist begrenzt. Demografie, schwache Investitionen und steigende Staatsdefizite beschränken die Spielräume. Das Staatsdefizit soll von 4,1 Prozent des BIP im aktuellen Jahr auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 ansteigen.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, fasst die Lage zusammen: „Der Staat gibt zwar viel Geld aus – aber die Unternehmen bekommen nicht die Reformen, die sie brauchen.“ Er ergänzt: „All das ist bekannt – es müsste nur gehandelt werden.“ Die Exportwirtschaft, die für fast jeden vierten Arbeitsplatz in Deutschland relevant ist, befindet sich ebenfalls in einer schwierigen Lage.

Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel (BGA), prognostizierte für 2024 einen Rückgang der Exporte um 2,5 Prozent. Die deutschen Exportmarktanteile sanken seit 2017 und entwickelten sich seit 2021 besonders schwach. Jandura warnt: „Viele der neuen US-Zölle sind so hoch, dass Geschäfte schlichtweg unmöglich werden.

Für zahlreiche deutsche Exporteure bedeutet das faktisch den Verlust des US-Marktes.“

Industrie in der Krise und Reformdiskussionen

Die Chemieindustrie erreichte 2025 ein Produktionsniveau von 70 Prozent. Bundesweit gingen laut vorliegenden Angaben etwa 120.000 Stellen verloren. Eine Allensbach-Umfrage im Auftrag von FTI-Andersch ergab, dass 94 Prozent der energieintensiven Unternehmen eine Abwanderung aus Deutschland befürchten.

Eine Studie von Deloitte und dem BDI stellte fest, dass 68 Prozent der Unternehmen erwägen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern.

Im Dezember 2025 verschlechterte sich die Stimmung in den 9.000 vom Ifo-Institut befragten Unternehmen. Ifo-Präsident Clemens Fuest kommentierte: „Das Jahr endet ohne Aufbruchstimmung.“ Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrates („Wirtschaftsweise“), kritisierte staatliche Ausgaben.

Sie bemerkte, Geld werde an Gruppen verteilt, „die es nicht unbedingt brauchen, aber die besonders laut danach rufen“. Ihrer Einschätzung nach werde „das Wachstum nicht beschleunigt.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kündigte einen „Herbst der Reformen“ an und initiierte 2025 die Investitionsoffensive „Made for Germany“. Gleichzeitig gibt es Streit in der schwarz-roten Koalition um zentrale Vorhaben wie das Rentenpaket. Die SPD signalisiert, bei Reformen zurückhaltender vorgehen zu wollen.

Sie hält an Rentenregelungen nach 45 Beitragsjahren und bestehenden Arbeitnehmerrechten fest und will höhere Vermögen, Erbschaften und Einkommen stärker zur Finanzierung des Sozialstaats heranziehen.

Regionale Disparitäten und der Blick nach Europa

Auf regionaler Ebene zeigen sich deutliche Unterschiede: In Ostdeutschland wirken die Wachstumsimpulse schwächer. Für 2026 werden dort 1,1 Prozent Wachstum erwartet. Im ersten Halbjahr 2026 sank das BIP in Sachsen um 0,3 Prozent und in Thüringen um 0,8 Prozent, während Sachsen-Anhalt ein Wachstum von 0,6 Prozent verzeichnete.

Ein Blick auf andere europäische Länder zeigt veränderte Wettbewerbsverhältnisse. Spanien verzeichnete 2025 ein Wachstum von 2,6 Prozent. Die Staatsverschuldung lag bei knapp 100 Prozent des BIP.

Standard & Poor’s stuft Spanien mit A+ (stabil) ein – dies ist zwei Stufen unter Deutschlands AAA. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren derzeit bei rund 2,3 Prozent. Neue achtjährige spanische Staatsanleihen weisen Renditen von rund 2,8 Prozent auf.

Ausblick auf nächste Schritte

Der Anstieg der Wachstumsprognose für 2026 verschafft der Politik Zeit, doch die grundlegenden Herausforderungen bestehen. Debatten über die Finanzierung des Sozialstaats, notwendige strukturelle Reformen in Wirtschaft und Verwaltung sowie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gehören weiter zur Agenda. Analysten betonen, dass Maßnahmen über reine staatliche Ausgaben hinaus erforderlich sind, um die Standortbedingungen für Unternehmen nachhaltig zu verbessern.

Die unterschiedlichen Prognosen für 2027 und 2028 unterstreichen die Skepsis gegenüber einer nachhaltigen Erholung ohne tiefgreifende Reformen. Eine der zentralen Fragestellungen bleibt: „Wer bezahlt einen wachsenden Sozialstaat, wenn die Wirtschaft kaum noch wächst?“ Marktbeobachter sehen die 1,3 Prozent Wachstum für 2026 nicht als Entwarnung.

Sie verschaffen Deutschland lediglich Zeit. Entscheidend ist, wie die Politik diese Zeit nutzt. Schulden können einen Aufschwung kaufen, Wettbewerbsfähigkeit erkaufen sie nicht.