Im digitalen Wettrüsten um eine effiziente Verwaltung und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft kritisieren Beobachter die vorhandenen Standardstrukturen für den sicheren Datentransport. Insbesondere bezeichnen sie die parallele Existenz von OSCI und FIT-Connect als teures „Wirrwarr“, das die Verwaltungsdigitalisierung behindern kann.
Standard-Duell bremst Digitalisierung
Die Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland soll sich in den kommenden Jahren maßgeblich am sogenannten „Deutschland-Stack“ orientieren. Das Nationale E-Government Kompetenzzentrum (NEGZ) sammelte im Auftrag des Föderalen IT-Standardisierungsboards Eingaben zu fehlenden und überflüssigen Standards. Die Einreichungsfrist lief am 20.
April 2026 ab. Die Prüfungsergebnisse leitet das NEGZ an das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) weiter.
Im Bereich des sicheren Datentransports sehen Kritiker OSCI und FIT-Connect als konkurrierende Standards. Sie sprechen von einem teuren „Wirrwarr“. Deutschland belegte im Digital Economy and Society Index (DESI) 2022 Platz 12 von 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union.
Kritiker bemängeln zudem, dass Prozesse in der öffentlichen Verwaltung oft nicht von Ende zu Ende gedacht und digitalisiert werden. Stattdessen konzentrieren sie sich auf einzelne Teilschritte. Dies reduziert die Durchgängigkeit digitaler Dienste, sodass Bürger weiterhin den Gang zur Behörde vorziehen.
Eine Ursache dafür ist die fragmentierte IT-Landschaft. Über 3.000 unterschiedliche IT-Verfahren auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene erschweren die Verwaltungsdigitalisierung.
Schleppender Fortschritt: Eine Bilanz der Digitalisierung
Die Bundesregierung plant eine Novellierung des Onlinezugangsgesetzes (OZG). Der DATABUND kritisiert, dass viele der von ihm angemahnten Punkte bereits vor langer Zeit hätten umgesetzt werden müssen. In der Debatte um die Dokumentenablage verweist das BMI auf den Standard xdomea. Der DATABUND fordert daneben eine verbindliche Nutzung von DokuFIS/Din Spec 32791.
DokuFIS/Din Spec 32791 soll spezifischere Anforderungen für das Ablegen, Bearbeiten und Löschen einzelner Dokumente durch Fachverfahren erfüllen. Der DATABUND betrachtet xdomea und DokuFIS/Din Spec 32791 nicht als konkurrierend, sondern als ergänzend. Gemeinsam könnten sie das adressierte Problem lösen, so die Einschätzung des Verbandes.
Zugleich deuten Hinweise darauf hin, dass Initiativen und deren Details Fachverfahrensherstellern nicht immer bekannt sind. Dies weist auf mangelnde Transparenz und Kommunikation hin.
Zahlen belegen die Entwicklung der E-Government-Nutzung. Die Nutzung im Public Sector stieg von 40 Prozent im Jahr 2018 auf 56 Prozent im Jahr 2024. Nach vorliegenden Angaben stagniert sie jedoch seit 2020. Im europäischen Vergleich erreichen Österreich 75 Prozent und die Schweiz 66 Prozent. Beim Ausbau der digitalen Infrastruktur im Behördenbereich liegt Deutschland laut Recherche auf Platz 41.
Beim Glasfaserausbau stiegen die verfügbaren Anschlüsse im betrachteten Berichtszeitraum von zwölf auf 32 Prozent. Tatsächlich nutzen jedoch nur elf Prozent der Bevölkerung einen Glasfaseranschluss. Im OECD-Vergleich landet Deutschland damit auf dem drittletzten Platz.
Die Online-Banking-Nutzung lag im Februar 2025 bei fast 90 Prozent. Dies zeigt nach Ansicht der Quelle, dass die Akzeptanz digitaler Dienste hoch ist, wenn die Infrastruktur funktioniert.
Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit
Die Recherche konstatiert, dass die mangelnde Umsetzung von KI-Strategien, der schleppende Glasfaserausbau und die unzureichende Digitalisierung der Verwaltung den Anschluss an andere Länder gefährden können. Bürokratische Hürden und langwierige Genehmigungsverfahren verzögern den Netzausbau und die Modernisierung digitaler Strukturen. Der Föderalismus wird dabei als Hemmschuh für eine einheitliche Digitalisierung, auch in Bezug auf Cybersicherheit, gesehen.
Forderungen nach einem „Föderalismus 2.0“ mit einheitlichen Standards werden laut.
Martin Obholzer, Mitglied der Geschäftsleitung von Cisco und verantwortlich für den Public Sector, fordert ein IT-Sondervermögen und einen anderen Föderalismusansatz. Er betonte: „Wir brauchen eine Infrastrukturerneuerungswelle und das betrifft im Prinzip alle Bereiche.“ Obholzer mahnte zudem: „Die Digitalisierung muss zur Chefsache in der Politik gemacht werden, um den Anschluss an andere Länder nicht zu verlieren.“
Die Studie „Digital Kompass 2025“ von Cisco nennt Zahlen zu den finanziellen Auswirkungen. Die IT-Ausgaben der deutschen Wirtschaft stiegen von 9,3 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 14 Milliarden Euro im vergangenen Jahr (Stand vor dem 6. Februar 2025).
Diese Werte sind nicht inflationsbereinigt und enthalten erhöhte Investitionen in Cybersicherheit. Der Schaden durch Cyberangriffe wird für 2024 auf 267 Milliarden Euro beziffert. Dies entspricht etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Nur noch zwei Prozent der deutschen Unternehmen fühlen sich laut der Studie optimal gegen Cyberangriffe gewappnet. Dies ist ein Rückgang gegenüber elf Prozent im Vorjahr. Bei der Vorbereitung auf KI-Implementierungen sehen sich nur sechs Prozent der deutschen Unternehmen optimal vorbereitet. Im europäischen Vergleich rutschte Deutschland hier von Platz drei auf Platz sechs.
Ausblick: Forderungen nach Transparenz und Einigkeit
Die vorliegenden Befunde unterstreichen die Forderung nach einem entschlosseneren Vorgehen bei der Verwaltungsdigitalisierung und beim Ausbau der digitalen Infrastruktur. Das NEGZ hat Eingaben zu Standards gesammelt. Diese werden nun geprüft und an das BMI weitergereicht.
Das Ministerium steht vor der Aufgabe, diese Prüfungen zu berücksichtigen und transparent zu kommunizieren. Verbände wie der DATABUND fordern eine proaktive Einbindung der Fachverfahrenshersteller, damit Lösungen praxisnah werden.
Die Debatte um die Koexistenz von xdomea und DokuFIS/Din Spec 32791 zeigt das Spannungsfeld zwischen bestehenden Lösungen und ergänzenden Ansätzen. Die Forderungen nach einem IT-Sondervermögen und nach einem „Föderalismus 2.0“ spiegeln den Anspruch von Teilen der Branche wider. Demnach sind strukturelle Reformen für eine erfolgreiche Digitalisierung notwendig.
Die anstehende Novellierung des OZG wird zeigen, inwieweit die Politik die hierzu notwendigen Weichenstellungen vornimmt und die angesprochenen Punkte adressiert.







