Deutschlands Energiewende steht vor wachsenden Herausforderungen. Diese zeigen sich in Verzögerungen bei der Modernisierung der Netzinfrastruktur, zunehmenden Versorgungsrisiken und einem Strukturwandel in der Schwerindustrie. Die Europäische Kommission hat einen Kapazitätsmechanismus genehmigt, um die Versorgungssicherheit ab 2031 zu stärken.
Gleichzeitig bedrohen Sabotageakte und andere Angriffe die Sicherheit kritischer Netzinfrastrukturen.
Infrastruktur am Limit: Ein europäisches Problem
Die Notwendigkeit, Stromnetze zu modernisieren und auszubauen, betrifft nicht nur Deutschland. Das Beispiel Großbritannien verdeutlicht die Dimension der benötigten Investitionen und die Folgen von Verzögerungen: Die Regulierungsbehörde Ofgem hat dort ein Programm über 70 Milliarden Pfund (etwa 82 Milliarden Euro) zur Modernisierung des Stromnetzes aufgelegt.
Das National Audit Office (NAO) bemängelt, dass viele Projekte nur langsam vorankommen. NAO-Vorsitzender Geoffrey Clifton-Brown erklärt, erneuerbare Energien erzeugen inzwischen die Mehrheit des britischen Stroms. Das Netz halte jedoch nicht Schritt und müsse dringend modernisiert werden. Ohne diese Upgrades drohen höhere Kosten für Verbraucher sowie Einschränkungen des Wirtschaftswachstums.
Laut Bericht müssen die jährlichen Investitionen von 2,5 Milliarden Pfund in den Jahren 2025 und 2026 bis Ende 2028 auf 11 Milliarden Pfund steigen, um die Ziele zu erreichen. Zusätzliche Kosten durch ein alterndes Netz könnten bis 2030 jährlich 7,8 Milliarden Pfund betragen. Diese Kosten werden voraussichtlich über Abgaben an Verbraucher weitergegeben.
Versorgungssicherheit unter Druck: Der Kapazitätsmechanismus
Die Europäische Kommission hat einen Kapazitätsmechanismus für Deutschland genehmigt, der ab 2031 greifen soll. Ziel ist, ausreichend Erzeugungs-, Speicher- oder flexible Verbrauchskapazitäten sicherzustellen. Die geschätzten Gesamtkosten liegen zwischen 15,6 Milliarden und 35,2 Milliarden Euro.
Die ersten Auktionen sind für 2026 und 2027 vorgesehen. Die jährlichen Kosten schätzt die Kommission für 2031 auf 1 bis 3 Milliarden Euro. Für die Jahre 2032 bis 2045 veranschlagt sie 0,9 bis 2,3 Milliarden Euro jährlich.
Der Mechanismus steht allen Technologien offen, einschließlich bestehender und neuer Kapazitäten sowie grenzüberschreitender Optionen. Verträge können bis zu 15 Jahre laufen. Neue Gaskraftwerke, die 15-Jahres-Verträge anstreben, müssen wasserstofffähig sein.
Alle unterstützten Kapazitäten sollen bis 2045 klimaneutral arbeiten.
Schwerindustrie im Umbruch: Rückzug aus der grünen Transformation
Die energieintensive deutsche Stahlindustrie verzeichnet Veränderungen. Diese zeigen sich in Produktionsrückgängen, Anpassungen bei Investitionsplänen und Projektverschiebungen. Die Roheisenproduktion sank von 42,4 Millionen Tonnen im Jahr 2018 auf 34,09 Millionen Tonnen im Jahr 2025.
Das entspricht einem Rückgang von etwa 20 Prozent und dem niedrigsten Stand seit der Finanzkrise 2009. Die Kapazitätsauslastung fiel unter 70 Prozent.
ArcelorMittal hat im Juni 2025 geplante Umrüstungen auf wasserstoffbereite Direktreduktionsanlagen (DRI) und Elektrolichtbogenöfen (EAF) in Bremen und Eisenhüttenstadt gestoppt. Das Unternehmen verzichtet damit auf 1,3 Milliarden Euro deutsche Subventionen. Anfang September 2026 kündigt ArcelorMittal das Ende der primären Stahlproduktion in Duisburg an.
Ein Stahlwerk und ein Walzwerk sollen ab Oktober 2027 geschlossen werden, was etwa 550 Arbeitsplätze bedroht. Salzgitter verschob spätere Phasen seines SALCOS-Wasserstoffprojekts um rund drei Jahre. Phase 1 (DRI und EAF, Ziel: rund 30 Prozent CO₂-Reduktion bei etwa 2 Millionen Tonnen) strebt weiterhin 2027 an.
Der 95-Prozent-Pfad wird für 2028 bis 2029 erwartet. Thyssenkrupp verhandelt Subventionsbedingungen neu, damit sein Duisburger DRI-Werk mit Gas betrieben werden kann, falls Wasserstoff nicht verfügbar ist.
Die Umstellung auf grünen Stahl erhöht die Kosten pro Tonne um etwa 100 bis 500 US-Dollar. Das entspricht einem Aufschlag von rund 35 bis 100 Prozent bei europäischen kohlenstoffarmen Umwandlungen.
Cyberangriffe und Lieferketten: Neue Risikofaktoren
Parallel zu den strukturellen Problemen tauchen Sicherheitsrisiken auf. Im September 2026 werden in Sachsen 21 Sprengsätze in der Nähe von Hochspannungsleitungen entdeckt und entschärft. Diese Vorfälle folgen einer Serie von Sabotageakten in der Vorwoche.
Im August 2026 kommt es zu einem Drohnenangriff am Flughafen Leipzig/Halle, für den die Bundesregierung Russland verantwortlich macht. Ein Brand in einem Berliner Umspannwerk im September 2026 wird als technischer Defekt eingestuft. In Wesel wird ein Sicherheitszaun um ein Umspannwerk aufgeschnitten.
Die Polizei leitet umfangreiche Ermittlungen ein.
Zugleich sind die Lieferketten für Netzausrüstung, besonders in den USA, angespannt. Für Transformatoren werden Lieferzeiten von bis zu zweieinhalb Jahren genannt. Die Preise sind seit Mai 2020 um 158 Prozent gestiegen.
Für Leistungsschalter, Verteilungsautomatisierungsschalter und Spannungsregler werden Lieferzeiten von mindestens einem Jahr angegeben. Karen Wayland, CEO der GridWise Alliance, bezeichnet die Lage als beispiellos und sieht wenig Anzeichen für Entspannung. Diese Engpässe können Ausbau und Modernisierung der Netze verzögern.
Ausblick: Drängende Fragen für die Zukunft der Energieversorgung
Die Genehmigung des Kapazitätsmechanismus durch die EU-Kommission signalisiert, dass die Sicherstellung der Stromversorgung Priorität hat. Die tatsächliche Umsetzung und Finanzierung der Maßnahmen werden entscheidend sein. Die Wirtschaftlichkeit von grünem Stahl und anderen CO₂-armen Produktionsverfahren bleibt eine zentrale Herausforderung.
Parallel dazu ist die Fähigkeit, kritische Infrastrukturen vor Sabotage und anderen Angriffen zu schützen, weiterhin wichtig. Anhaltende Lieferkettenprobleme bei Netzausrüstung könnten den Ausbau der Infrastruktur zusätzlich verlangsamen. Die kommenden Jahre werden zeigen, inwieweit Deutschland und Europa diese Herausforderungen adressieren können.







