Diesel ist in Deutschland trotz geringerer Energiesteuer teurer als Super E10. Dieser Zustand beschäftigt Marktbeobachter. Aktuelle Daten des ADAC vom 18. August 2026 zeigen, dass ein Liter Diesel durchschnittlich 2,243 Euro kostet, während Super E10 bei 2,161 Euro notiert.
Diese Entwicklung belastet Dieselfahrer und Unternehmen, die auf den Kraftstoff angewiesen sind.
Der Preisunterschied überrascht angesichts der deutschen Energiesteuer. Auf Diesel fallen 47,04 Cent pro Liter an, während Benzin mit 65,45 Cent pro Liter besteuert wird. Das entspricht einem Steuervorteil von 18,41 Cent pro Liter für Diesel.
Historisch ist dies keine neue Entwicklung. Bereits seit Beginn des Konflikts im Iran liegen Dieselpreise über denen von Rohöl und Benzin, wie die US-Märkte belegen.
Dort erreichte der Dieselpreis am 20. August 2026 4,4523 US-Dollar pro Gallone. Brent-Rohöl wurde zeitgleich bei 91,62 US-Dollar pro Barrel gehandelt.
Globale Verwerfungen drücken auf das Angebot
Die Ursachen für diese Preisanomalie sind vielschichtig und global. Ein entscheidender Faktor ist der Verlust an Raffineriekapazitäten weltweit. Die globale Raffineriekapazität ist um schätzungsweise 7,5 Millionen Barrel pro Tag gesunken. S&P Global beziffert die derzeit stillgelegten Kapazitäten auf etwa 6 Millionen Barrel pro Tag.
Geopolitische Konflikte tragen zur Verknappung bei. Militärkonflikte im Iran, Angriffe auf russische Raffinerien im Kontext des Russlandukrainekonfliktes sowie Angriffe der jemenitischen Huthi auf saudi-arabische Ölinfrastruktur wie die Jazan-Raffinerie beeinflussen die globale Versorgung.
Russland stoppte zudem im Juli seine Dieselausfuhren für einen Monat. Überdies wurde ein Exportverbot für Benzin und Diesel bis Ende Januar 2027 vermeldet.
Parallel zur Angebotsverknappung steigt die Nachfrage nach Diesel. Die Erntezeit auf der nördlichen Hemisphäre, die Vorbereitung auf die Heizsaison sowie Schwerlastverkehr vor den Feiertagen gelten als wesentliche Nachfragefaktoren.
US-Raffinerien arbeiten derweil mit einer Auslastungsrate von über 90 Prozent und reagieren auf hohe Margen. Experten zufolge maximieren Raffinerien die Produktion, wenn die Diesel-Crack-Spreads hoch sind.
Die US-Diesellagerbestände liegen zehn Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Am 31. Juli 2026 erreichten sie mit 107,2 Millionen Barrel den niedrigsten Stand für diese Jahreszeit seit drei Jahrzehnten. Diese Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage treibt die Differenz zwischen Produkt- und Rohölpreis, den sogenannten Crack Spread, auf Rekordwerte.
Der US-Diesel-Crack erreichte am 13. August 2026 ein Allzeithoch von 102,20 US-Dollar pro Barrel. Jeffrey Currie, ehemaliger Leiter Rohstoffe bei Goldman Sachs, weist auf die veränderte Beziehung hin: „Nobody consumes crude oil but refineries. To everybody else on the planet Earth, what matters are the product prices.“
Auswirkungen auf Wirtschaft und Verbraucher
Die hohen Dieselpreise wirken sich auf die Wirtschaft aus, insbesondere auf Transport- und Logistikkosten. Diesel ist ein zentraler Kraftstoff für Transport und Industrie. Gestiegene Preise schlagen sich in höheren Kosten für Lebensmittel und andere Güter nieder.
Beobachter wie Kevin Book, Managing Director bei ClearView Energy Partners, bezeichnen die steigenden Dieselpreise als „pretty significant inflationary concern“. Bob McNally, Präsident von Rapidan Energy, beschreibt die Bedeutung von Diesel so: „in transportation, it’s in heating fuel, it’s in agriculture, it’s in industrial uses. It is the important macro fuel to watch.“
In Deutschland meldet sich der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) mit Warnungen zur Attraktivität der Elektromobilität. Jürgen Hasler, Hauptgeschäftsführer des ZDK, fordert eine Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß, um die Wettbewerbsfähigkeit elektrischer Antriebe zu sichern.
Das Bundesfinanzministerium setzt sich bei der Europäischen Kommission dafür ein, den Mitgliedstaaten Spielraum für eine höhere Strombesteuerung zu erhalten. Dies steht im möglichen Widerspruch zum Koalitionsvertrag, der eine Senkung der Stromsteuer vorsieht.
Offene Fragen und ein Blick nach vorn
Die Preisanomalie am Kraftstoffmarkt wirft mehrere Fragen auf. Ein offener Punkt ist der politische Kurs in Deutschland bezüglich der Stromsteuer: Koalitionsvertrag versus die Position des Bundesfinanzministeriums auf EU-Ebene. Diese Diskrepanz könnte Transformationsprozesse in Mobilität und Industrie beeinflussen.
Zudem sorgt die geplante Einführung von E20-Sprit in Deutschland ab 2027 für Diskussionen. In Indien löste die Einführung von E20 Proteste aus. Dort wird berichtet, dass E20 teurer ist, in älteren Fahrzeugen Motorschäden verursachen kann und nicht günstiger ist als reines Benzin. In Deutschland wird erwartet, dass E20 günstiger sein wird, da der Ethanolanteil von der CO2-Abgabe befreit ist.
Die langfristige Entkopplung von Rohöl- und Produktpreisen, insbesondere für Diesel, bleibt eine zentrale Unsicherheit. Obwohl US-Raffinerien mit hoher Kapazität arbeiten, ist unklar, wie lange sie diese Leistung angesichts globaler Kapazitätsengpässe und eigener Wartungszyklen aufrechterhalten können. Analysten beobachten, ob sich Rohöl- und Produktpreise weiter auseinanderentwickeln und welche Preisstrukturen sich daraus ergeben.
Investoren und Unternehmen verfolgen diese Entwicklungen, um auf mögliche weitere Kostensteigerungen und Lieferengpässe reagieren zu können. Die globale Angebotslage und die geopolitischen Spannungen deuten darauf hin, dass die Volatilität am Energiemarkt mittelfristig anhalten könnte.







