Das Eurosystem treibt die Vorbereitungen für den digitalen Euro voran und legt den operativen Fahrplan fest. Nach dem formellen Abschluss der ersten Vorbereitungsphase startet im Sommer 2027 ein zwölfmonatiger Pilotbetrieb. Dabei erprobt das Notenbanksystem eine technisch weitgehend dem geplanten Endprodukt entsprechende Beta-Version des digitalen Zentralbankgeldes unter realen Marktbedingungen.

Als ein zentraler Treiber des Vorhabens gilt das Bestreben, die strategische Abhängigkeit von US-amerikanischen Zahlungsinfrastrukturen zu verringern.

Test unter Realbedingungen mit 36 Zahlungsdienstleistern

Für den Feldversuch in der zweiten Jahreshälfte 2027 wählt das Eurosystem 36 Zahlungsdienstleister aus einem Bewerberfeld von über 50 Unternehmen aus. Das Teilnehmerfeld umfasst etablierte Kreditinstitute wie die Deutsche Bank, BNP Paribas, UniCredit und CaixaBank ebenso wie spezialisierte Zahlungsabwickler und FinTech-Konzerne, darunter Adyen, SumUp und Revolut. Gemeinsam mit 19 nationalen Zentralbanken testen diese Akteure die digitale Währung an physischen Kassen am Point of Sale, im Online-Handel, bei Transaktionen zwischen Privatpersonen sowie bei Offline-Zahlungen.

Die Deutsche Bundesbank sieht für den Pilotbetrieb eine Verlängerungsoption um bis zu sechs Monate vor. Technisch entspricht die getestete Version weitgehend dem geplanten Endprodukt, besitzt während des Probelaufs jedoch noch keinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel.

Für den stationären Handel koordinieren die nationalen Notenbanken gezielte Aufrufe. So fordert die Bundesbank Händler am Finanzplatz Frankfurt am Main auf, sich bis zum 20. November 2026 um 17:00 Uhr MEZ für die Testphase zu bewerben.

Im E-Commerce-Sektor setzt das Eurosystem eine Bewerbungsfrist bis zum 27. Oktober 2026 um 17:00 Uhr MEZ. Teilnehmende Online-Händler müssen Endkunden in mindestens zwei der 19 beteiligten Euroländer bedienen.

Geopolitischer Druck beschleunigt das Milliardenprojekt

Hinter dem Zeitplan steht ein geopolitischer Impuls. Der europäische Zahlungsmarkt gilt in der Analyse der Projektverantwortlichen als strukturell anfällig gegenüber externen Anbietern wie Visa, Mastercard, PayPal und Apple Pay. Die Verringerung dieser Abhängigkeit bildet den Hauptantrieb für das Vorhaben.

Nach Daten der Bundesbank wickeln Kunden in Deutschland rund 55 Prozent aller Transaktionen bargeldlos ab, während 45 Prozent auf Bargeld entfallen.

Als konkreter Auslöser der Debatte gelten US-Sanktionen gegen Mitarbeiter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Rund 900 Bedienstete waren davon betroffen, weil ihnen über Nacht der Zugriff auf Kreditkarten und US-basierte Zahlungsdienste verwehrt blieb. Eine europäische Alternative existiert nach Angaben der Projektbeteiligten bislang nicht.

Die Gesamtkosten für die Entwicklung bis zur angestrebten Marktreife im Jahr 2029 beziffern die Verantwortlichen auf rund 1,3 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 265 Millionen Euro auf externe Dienstleister. Die Europäische Zentralbank schätzt die laufenden Betriebskosten ab 2029 auf rund 320 Millionen Euro jährlich.

Finanziert wird das Vorhaben vollständig aus den Zentralbankerträgen des Eurosystems, der sogenannten Seigniorage, analog zur physischen Bargeldbereitstellung.

Zweistufige Architektur schützt das Geschäftsbankensystem

Um Verwerfungen im Finanzsektor zu vermeiden, sieht das Konzept eine strikte Funktionsteilung vor. Endkunden erhalten kein direktes Konto bei der Notenbank. Vertrieb, Kontoführung, Onboarding und Kundenservice verbleiben bei lizenzierten Geschäftsbanken und Zahlungsdienstleistern.

Die Nutzung erfolgt wahlweise über eigenständige Wallets oder integriert in bestehende Bank-Apps. Grundlegende Basisfunktionen stehen Privatverbrauchern gebührenfrei zur Verfügung.

Zur Minderung des Risikos von Einlagenabzügen plant die EZB Haltelimits, die den maximalen Betrag für Einzelpersonen in digitalen Euro begrenzen. Eingehende Beträge oberhalb dieses Limits leitet das System über das sogenannte Reverse Waterfall automatisch auf ein verknüpftes Geschäftsbankkonto um. Fehlendes Guthaben bei Zahlungen schießt die Schnittstelle in Echtzeit vom Bankkonto nach.

Die konkrete Höhe dieser Limits soll nicht starr im Gesetz festgeschrieben werden. Stattdessen kalibriert die Notenbank die Obergrenzen operativ anhand von Kriterien der Finanzstabilität.

Beim Datenschutz unterscheidet das Modell zwischen Online- und Offline-Nutzung. Offline-Zahlungen bieten eine bargeldähnliche Privatsphäre, da weder Notenbanken noch Intermediäre Transaktionsdaten speichern. Bei Online-Transaktionen greift gegenüber der EZB eine Pseudonymisierung.

Intermediäre bleiben für Identitätsprüfungen im Rahmen der Vorgaben zur Geldwäschebekämpfung und Kundenidentifikation zuständig. Der Gesetzesentwurf stellt zudem klar, dass der digitale Euro kein programmierbares Geld im Sinne zweckgebundener Geldeinheiten ist, automatisierte und bedingte Zahlungsbefehle werden technisch jedoch unterstützt.

Verhandlungen über Gebühren und Gesetze in Brüssel

Trotz der operativen Fortschritte bleibt das Projekt gesetzgeberisch gebunden. Bevor der EZB-Rat die Ausgabe formal beschließen kann, muss die Verordnung über den digitalen Euro das EU-Gesetzgebungsverfahren durchlaufen. Das Europäische Parlament legte im Juli 2026 seine Verhandlungsposition fest. Die Trilogverhandlungen mit Rat und Kommission laufen und sollen bis Ende 2026 finalisiert werden.

Parallel dazu verhandeln Banken und Handelsverbände über das künftige Entgeltmodell. Markus Ferber, CSU-Europaabgeordneter und parlamentarischer Verhandlungsführer, betont, man habe sich bei technischen Themen verhakt, sehe jedoch Möglichkeiten zur Einigung. Aktuell bilden Kosten und Gebühren den zentralen Streitpunkt.

Ferber stellt klar: „Man ist sich im Wesentlichen darin einig, dass man am Ende zu einem kostenbasierten Modell mit einer angemessenen Marge kommen will. Die Kosten sollen für Händler dabei unterhalb dessen bleiben, was bei vergleichbaren Zahlungssystemen anfällt.“

Sollten die gesetzlichen Grundlagen bis Ende 2026 stehen, bleibt der Zeitplan intakt. Nach dem Pilotbetrieb ab Mitte 2027 und der Auswertung der Testergebnisse visiert das Eurosystem eine Markteinführung frühestens für das Jahr 2029 an.