Die Krypto-Leitwährung Bitcoin überschreitet erstmals seit Anfang Juni wieder die Marke von 70.000 US-Dollar. Der starke Kursanstieg trieb die Notierung kurzzeitig auf bis zu 72.000 US-Dollar. Beobachter führen diese Entwicklung auf eine Kombination aus geldpolitischen Signalen aus Washington, politischer Unterstützung und einer massiven Liquidierungswelle von Short-Positionen an den Terminmärkten zurück.

Diese Faktoren beeinflussen den digitalen Asset-Sektor maßgeblich.

Kursrallye durch massiven Short Squeeze

Der Bitcoin-Kurs verzeichnete seit dem vergangenen Freitag einen Anstieg von mehr als elf Prozent und erreichte in der Spitze rund 72.000 US-Dollar, entsprechend 60.319 Euro. Zeitweise notierte die Kryptowährung auf Tagessicht über acht Prozent im Plus. Haupttreiber der Bewegung ist ein sogenannter „Short Squeeze“, bei dem Anleger, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, ihre Positionen zwangsweise schließen mussten.

Innerhalb von 24 Stunden wurden Krypto-Short-Positionen im Wert von über 2,74 Milliarden US-Dollar zwangsliquidiert. Allein auf Bitcoin entfielen dabei 1,42 Milliarden US-Dollar. Dies stellt die höchste Liquidation seit dem 10.

Oktober des vergangenen Jahres dar, als gehebelte Positionen im Wert von mehr als 19 Milliarden US-Dollar liquidiert wurden. Die Gesamtmarktkapitalisierung des Kryptomarktes erholte sich parallel dazu auf über 2,4 Billionen US-Dollar.

Geldpolitische Impulse aus Washington

Ein wesentlicher Katalysator der Kursentwicklung war eine Ankündigung des US-Finanzministeriums. Es kündigte an, das laufende Anleiherückkaufprogramm zu erhöhen: Ab dem 9. September werden die Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen von maximal 2 auf mindestens 4 Milliarden US-Dollar pro Operation verdoppelt. Ziel dieser Maßnahme ist es, das „lange Ende“ des Marktes mit Liquidität zu versorgen.

Diese Ankündigung drückte die Renditen von Staatsanleihen nach unten und schwächte den US-Dollar auf ein Drei-Monats-Tief. Zuvor war die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf über 5,33 Prozent gestiegen, den höchsten Stand seit 2007. In der Folge wichen Anleger vermehrt auf alternative Sachwerte wie Bitcoin aus.

Politischer Rückenwind und Regulierungsinitiativen

Politischer Rückenwind kommt aus dem Weißen Haus. US-Präsident Donald Trump traf sich mit Vertretern führender Krypto-Unternehmen, darunter die CEOs von Coinbase und Ripple sowie die Mitgründer von Gemini, Cameron und Tyler Winklevoss. Trump stellte stärkere Unterstützung der Branche in Aussicht. Dies diene auch dem Ziel, im geopolitischen Wettbewerb vor China zu bleiben, betonte Trump.

Er drängte zudem auf eine rasche Verabschiedung des Krypto-Regulierungsgesetzes „Clarity Act“. Berichten zufolge arbeiten Behörden zudem an möglichen Zulassungen für Plattformen wie Hyperliquid. Trump sagte im Weißen Haus-Meeting: „Wir stellen sicher, dass Amerika nicht nur bei Bitcoin und Krypto, sondern auch bei Technologien wie Vorhersagemärkten, künstlicher Intelligenz und vielem mehr der unangefochtene Führer bleibt.“

Clarity Act auf dem Weg zur Abstimmung

Der US-Senat hat den Gesetzentwurf zur Krypto-Regulierung, den „Clarity Act“, vor der August-Sitzungspause vorangetrieben. Senatsmehrheitsführer John Thune beantragte eine verfahrensrechtliche Abstimmung über das Gesetz, wenn der Senat Mitte September aus der Pause zurückkehrt. Der „Clarity Act“ soll einen Bundesrahmen für die Krypto-Industrie schaffen und regeln, wann digitale Token als Wertpapiere oder Rohstoffe einzustufen sind und welche Aufsichtsbehörden zuständig sind.

Würde der Gesetzentwurf passieren, wäre das nach einem Gesetz für Stablecoins im vergangenen Jahr ein weiterer politischer Erfolg für die Administration. Die Krypto-Industrie hatte im Vorfeld der Wahlen 2024 nach Angaben aus der Berichterstattung über 119 Millionen US-Dollar für pro-Krypto-Kandidaten ausgegeben.

Institutionelle Zuflüsse und KI-Fokus der Miner

Ein weiterer Indikator für Nachfrage sind die Zuflüsse in Spot-ETFs. Bitcoin-ETFs verzeichneten an einem Mittwoch Spot-Zuflüsse von 517,2 Millionen US-Dollar, den höchsten täglichen Zufluss seit Anfang Mai. Ethereum-ETFs verzeichneten 186,8 Millionen US-Dollar, den höchsten täglichen Zufluss seit Oktober des vergangenen Jahres.

Parallel dazu zeichnet sich in der Branche ein Trend ab, dass einige Bitcoin-Miner ihre Infrastruktur auf Künstliche Intelligenz und High-Performance-Computing umstellen. Firmen wie TerraWulf (WULF), IREN (IREN) und Cipher Digital (CIFR), die diesen Pivot vollzogen haben, erzielen höhere Bewertungen. MARA Holdings (MARA), die ihren Schwenk zu KI verzögerten, fiel im letzten Jahr um etwa 40 Prozent.

So unterzeichnete der Miner Riot Platforms (RIOT) einen 20-Jahres-Leasingvertrag über 9,1 Milliarden US-Dollar mit dem KI-Unternehmen Anthropic; der Aktienkurs von Riot stieg nach Bekanntwerden des Deals.

Ausblick: Volatilität und Regulierungsentscheidungen im Fokus

Die Entwicklungen deuten auf eine Phase erhöhter Dynamik im Kryptomarkt hin. Die für Mitte September geplante Abstimmung über den „Clarity Act“ im US-Senat wird Einfluss auf die regulatorische Klarheit und die institutionelle Akzeptanz digitaler Assets in den Vereinigten Staaten haben. Analysten beobachten zudem die weitere Entwicklung der globalen Geld- und Fiskalpolitik, insbesondere die nächsten Schritte des US-Finanzministeriums.

Ob die verstärkten Liquiditätseinspeisungen langfristig das „lange Ende“ der Zinskurve stabilisieren können, wird die Attraktivität alternativer Anlagen wie Bitcoin beeinflussen. Die hohe Volatilität, die durch Liquidationswellen entsteht, bleibt ein Merkmal des Marktes. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass eine Eskalation internationaler Spannungen zu einer weiteren, diesmal Long-lastigen Liquidationswelle führen könnte.