Quantencomputer-Debatte: Droht Bitcoin das Ende bis 2035?
Die Diskussion um die Sicherheit von Bitcoin im Zeitalter des Quantencomputings intensiviert sich. Dr. Dorit Dor, Mitbegründerin von Qbeat Ventures, prognostiziert auf der EY Journey Konferenz, dass Bitcoin aufgrund der Fortschritte in der Quantentechnologie innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre verschwinden wird. Sie nennt 2035 als spätesten Zeitpunkt.
Diese Einschätzung befeuert die Debatte über die langfristige Resilienz der Kryptowährung und die Notwendigkeit von Post-Quanten-Lösungen. Für Anleger und Unternehmen, die auf Bitcoin setzen, ist die technische Machbarkeit quantensicherer Anpassungen entscheidend.
Die Quantenbedrohung für die Kryptografie
Bitcoin sichert Transaktionen und Wallets mittels Elliptic Curve Cryptography (ECC), genauer gesagt durch den Elliptic Curve Digital Signature Algorithm (ECDSA). Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer, der den Shor-Algorithmus ausführt, könnte theoretisch private Schlüssel aus den auf der Blockchain offengelegten öffentlichen Schlüsseln ableiten. Dies würde Angreifern ermöglichen, Transaktionen zu fälschen und Guthaben zu entwenden.
Auch der Grover-Algorithmus stellt eine Bedrohung dar. Er kann Hashes quadratisch schneller berechnen als klassische Systeme. Die präzise zeitliche Einordnung dieser Bedrohung bleibt jedoch umstritten.
Während Dr. Dorit Dor das Ende von Bitcoin bis 2035 sieht, warnt Vitalik Buterin, dass Quantencomputer Bitcoin und Ethereum bereits in den nächsten zwei bis drei Jahren knacken könnten. Er schätzt die Wahrscheinlichkeit eines Bruchs kryptografischer Systeme vor 2030 auf 20 Prozent.
Pierre‑Luc Dallaire‑Demers vermutet Angriffe auf ECC innerhalb von zwei bis sechs Jahren. Beratungsfirmen prognostizieren den sogenannten „Q‑Day“ teilweise zwischen 2027 und 2032.
Bitcoin-Experten uneins über das Zeitfenster
Innerhalb der Bitcoin-Community gibt es unterschiedliche Einschätzungen zur Dringlichkeit der Bedrohung. Adam Back, Mitbegründer des Bitcoin-Infrastrukturunternehmens Blockstream, bezeichnet den Entwicklungsstand des Quantencomputings als „lächerlich früh“. Er hält das Risiko auf kurze Sicht für nicht existent und geht davon aus, dass entsprechend leistungsfähige Maschinen noch mindestens 20 Jahre entfernt sind.
Jameson Lopp, Mitbegründer und Chief Security Officer von Casa, erklärt, dass Bitcoin derzeit vor Quantencomputern sicher ist und die aktuelle Technologie noch weit davon entfernt sei, die Kryptografie zu knacken. Er spricht von einem relevanten Risiko „innerhalb von vier bis neun Jahren“. Charles Edwards, Gründer des quantitativen Digital-Asset-Fonds Capriole, warnt indes vor der Verwundbarkeit von Bitcoin.
Er gibt an, dass der Bitcoin-Preis unter 50.000 US‑Dollar fallen könnte, sollte bis 2028 keine quantenresistente Lösung implementiert werden. Nic Carter, Mitgründer von Coin Metrics, sieht Quantencomputer als langfristige existenzielle Bedrohung, hält den Übergang zu quantensicherer Kryptografie jedoch für machbar.
Technologische Anpassungen und Marktreaktionen
Die Bitcoin-Community arbeitet bereits an potenziellen Lösungen. Florian Sondershausen, Geschäftsführer von Haag Sondershausen Consulting, stellt fest, dass die mögliche Gefahr durch Quantencomputer innerhalb der Bitcoin-Community bekannt ist und Entwickler an Post-Quanten-Lösungen arbeiten. Das Open‑Source‑Netzwerk von Bitcoin ermöglicht zudem über Jahre hinweg Anpassungen der Protokolle.
Ein Bitcoin Improvement Proposal (BIP)-360 zielt darauf ab, quantensichere Adressformate einzuführen. Bereits existieren modernere Bitcoin-Adressformate wie Segwit oder Taproot, bei denen nicht der öffentliche Schlüssel direkt veröffentlicht wird, sondern ein Hash davon. Die Diskussion hat auch Reaktionen im Finanzsektor ausgelöst.
Christopher Wood, globaler Leiter der Aktienstrategie bei Jefferies, hat die gesamte Bitcoin-Allokation aus seinem Modellportfolio gestrichen. Er investierte stattdessen in Gold und Goldminen, unter anderem mit Blick auf zunehmende Quantenrisiken. Jan van Eck, CEO von VanEck, erwägt bei weiter steigendem Risiko einen Ausstieg aus Bitcoin-Positionen.
Diese Reaktionen deuten darauf hin, dass Quantenrisiken zunehmend in die Risikobewertung einiger institutioneller Anleger einfließen.
Blick in die Zukunft: Forschung und nächste Schritte
Die Entwicklung von Quantencomputern schreitet voran. Unternehmen wie IBM, Google, Microsoft und mehrere Startups investieren massiv in die Forschung. Prof.
Dr. Manfred Hauswirth vom Fraunhofer-Institut FOKUS erklärt, dass Quantencomputer in wenigen Jahren kleinere Primzahlen effizient zerlegen können, was für Kryptosysteme gefährlich werden kann. Er erwartet, dass sich Cloud‑Modelle (Quantum‑Computer‑as‑a‑Service) durchsetzen werden.
Der Schutz der digitalen Infrastruktur vor Quantenattacken ist eine zentrale Aufgabe für die Zukunft. Die Forschung und Entwicklung quantenresistenter Kryptografie‑Standards sowie deren Implementierung in bestehende Systeme werden mitbestimmen, ob die aktuelle Architektur von Bitcoin langfristig bestehen kann. Marktbeobachter achten darauf, wie zügig die Bitcoin-Entwicklergemeinschaft und die breitere Krypto‑Industrie diese technische Herausforderung adressieren und welche konkreten Lösungen in den kommenden Jahren umgesetzt werden.







