Die EU-Kommission plant, ab Ende 2027 eine Verpflichtung für „Smart-and-Bidirectional-Charging-Funktionen“ in allen neuen Elektrofahrzeugen einzuführen. Dieser Schritt zielt darauf ab, die Dekarbonisierung des Verkehrssektors voranzutreiben, die wirtschaftliche Abhängigkeit von fossiler Energie zu reduzieren und die Stromnetze durch die Nutzung von E-Autos als flexible Speicher zu stabilisieren. Ein konkreter V2G-Pflichtvorschlag soll bis Ende 2027 vorgelegt und in der EU-Typgenehmigungsregelung verankert werden.
E-Autos als mobile Stromspeicher
Der Vorstoß der EU ist Teil des „Electrification Action Plan“, der die Abhängigkeit von fossiler Energie reduzieren soll. Bis 2040 strebt die EU einen Stromanteil von 46 Prozent am Endenergieverbrauch an. Batterieelektrische Fahrzeuge senken die Betriebskosten gegenüber Verbrennern um bis zu 78 Prozent und können als mobile Energiespeicher das Stromnetz entlasten.
Experten schätzen, dass E-Autos jährlich bis zu 44 Milliarden Euro an Einsparungen für Fahrer ermöglichen, sofern sie konsequent in das Energiesystem integriert werden. Aktuell sind rund 30 Fahrzeugmodelle für die Rückspeisung ins Heim- oder öffentliche Netz freigegeben.
Netzintegration und Kostenfragen
Die geplante Regulierung sieht vor, Netzbetreibern Anreize zu geben, neben neuen Leitungen auch „Non-Wire-Solutions“ wie Batteriespeicher, Flexibilitätsdienstleistungen und V2G-Technologien zu nutzen. Verbraucher, die Strom zu günstigen Zeiten laden, sollen tariflich belohnt werden. Netzkodizes sollen Elektrofahrzeugen die Reaktion auf Netzsignale ermöglichen.
Diese Maßnahmen sind mit dem Smart-Meter-Rollout verknüpft. Alle EU-Staaten müssen bis 2031 eine Abdeckung von 50 Prozent und bis 2034 mindestens 65 Prozent erreichen. In Deutschland waren Mitte 2026 laut Bundesnetzagentur rund 5,5 Prozent der Haushalte mit Smart Metern ausgestattet.
Die Hardware-Kosten für bidirektionales Laden sind umstritten. Unidirektionale Ladegeräte kosten etwa 500 Euro, bidirektionale Wallboxen liegen derzeit bei mindestens 4.000 Euro. Eine Ausnahme bildet BMW mit einer Wallbox für 2.095 Euro.
Der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnt, eine V2G-Pflicht erhöhe Komplexität und Kosten und könne den Hochlauf der Elektromobilität bremsen, bevor das Gesamtsystem standardisiert ist.
Die vollständige Systemstandardisierung für V2G wird für 2027 erwartet. Eine verpflichtende Onboard-Hardware könnte ab etwa 2032 durch Skaleneffekte die Preisschere verringern.
Marktentwicklung und Infrastruktur
Bis Ende des Jahrzehnts soll die verfügbare Speicherkapazität in Europa auf 200 Gigawattstunden (GWh) wachsen, wobei E-Auto-Batterien einen wesentlichen Beitrag leisten sollen. Der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge am Pkw-Bestand in der EU liegt derzeit bei 2,9 Prozent, was rund acht Millionen Fahrzeugen entspricht. Für 2026 wird ein BEV-Neuzulassungsanteil von 20,4 Prozent prognostiziert.
Der globale E-Automarkt wurde für 2025 auf 3,61 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2034 auf 105,57 Milliarden US-Dollar wachsen. Die Kompound-Wachstumsrate für 2026 bis 2034 wird mit 45,51 Prozent angegeben. Die Region Asien-Pazifik, angeführt von China, war 2025 der größte regionale Markt.
Die EU-Ladeinfrastruktur hat sich in den vergangenen Jahren ausgeweitet. Ende 2025 verfügte die EU über circa 1,1 Millionen öffentliche Ladepunkte, fünfmal so viele wie 2020. Die Ladekapazität wuchs dabei schneller als die BEV-Flotte.
Bis März 2026 erfüllten alle EU-Länder außer Malta das AFIR-Ziel, mindestens 1,3 kW öffentliche Ladekapazität pro registriertem BEV bereitzustellen. In Deutschland waren zum 1. Juli 2026 209.605 öffentlich zugängliche Ladepunkte registriert.
Das Ziel von einer Million Ladepunkten bis 2030 bleibt damit eine Herausforderung.
Ausblick und offene Fragen
Die geplante V2G-Pflicht könnte die Rolle von Elektroautos im europäischen Energiesystem verändern. Gleichzeitig bestehen offene Fragen zu Standardisierung, Kosten und dem Rollout der Smart Meter. Die EU-Kommission plant, Strom steuerlich künftig nicht höher als Gas zu belasten, um den Preisabstand zwischen Elektrizität und fossiler Energie zu verringern.
Dieser Vorschlag ist umstritten, unter anderem, weil die Kommission Wege prüfen soll, die Einstimmigkeitsanforderung für die steuerliche Harmonisierung zu umgehen.
Die EU-Agentur ACER wird Best-Practice-Berichte zu Tarifmethoden und Smart-Grid-Indikatoren veröffentlichen. Bis Ende 2026 steht zudem eine AFIR-Überprüfung an, die den Ausbau der Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge beschleunigen und technische Spezifikationen für Interoperabilität und Bidirektionalität aktualisieren soll. Die Automobilindustrie, vertreten durch den VDA, fordert verlässliche Marktregeln, um Investitionssicherheit zu schaffen und den Hochlauf der Elektromobilität nicht zu gefährden.







