Der deutsche Einzelhandel verzeichnet den stärksten realen Umsatzrückgang seit fünf Jahren. Im Juli schrumpften die Umsätze gegenüber dem Vormonat um 3,4 Prozent. Diese Entwicklung überrascht Ökonomen, die ein Umsatzplus von 0,4 Prozent erwartet hatten.
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeichnen ein klares Bild des Konsumrückgangs in Deutschland. Der reale Einzelhandelsumsatz fiel im Juli um 3,4 Prozent gegenüber Juni und erreichte damit ein Niveau, das dem des zweiten Corona-Lockdowns entspricht. Dies stellt den stärksten Einbruch seit fünf Jahren dar und konterkariert die Erwartungen von Ökonomen, die ein Umsatzplus von 0,4 Prozent prognostiziert hatten.
Als zentralen Belastungsfaktor für die Kaufzurückhaltung nennen Experten die Inflation, die die Realeinkommen der Verbraucher reduziert.
Branchen spüren Kaufzurückhaltung
Besonders stark spürt dies der Online- und Versandhandel, der im Juli ein Minus von 5,6 Prozent verzeichnete. Auch der gesamte Non-Food-Handel verzeichnete einen Rückgang von 4,8 Prozent. Der Lebensmitteleinzelhandel ist mit minus 0,8 Prozent zwar weniger stark betroffen, zeigt aber ebenfalls eine Abwärtsbewegung.
Stephan Tromp, stellvertretender HDE-Hauptgeschäftsführer, beschreibt die Lage deutlich: „Die seit langem schlechte Konsumstimmung zeigt Wirkung. Aktuell liegen wir auf dem Niveau des zweiten Corona-Lockdowns, das ist extrem unbefriedigend und trifft den Einzelhandel hart.“ Er betont, dass die aktuelle Situation, anders als im Lockdown, nicht auf staatliche Schließungsanordnungen zurückzuführen ist, sondern auf Probleme bei Kaufkraft und Erwartungshaltung.
Ein weiterer signifikanter Einbruch betrifft die Tankstellen. Hier sanken die Umsätze um 9,1 Prozent, nachdem der Tankrabatt ausgelaufen war. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, kommentierte hierzu: „Es wurde weniger Auto gefahren.“
Die hohen Energiepreise sowie die sommerliche Hitzewelle ordnet Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Bank Bethmann HAL, als Mitursachen ein. Einen baldigen Aufwärtstrend sieht er nicht.
Inflationsdruck und Lohnentwicklung
Die Bruttomonatslöhne stiegen im zweiten Quartal um 4,1 Prozent im Jahresvergleich. Nach Abzug der Verbraucherpreissteigerung von 2,5 Prozent verbleibt ein Reallohnzuwachs von rund 1,5 Prozent. Dies ist der langsamste Reallohnzuwachs seit über einem Jahr.
Die Inflationsrate kletterte im August auf 2,9 Prozent; für das dritte Quartal wird ein etwas höherer Wert erwartet. Der Spielraum für private Konsumausgaben schrumpft damit weiter.
Klarna korrigiert Prognosen
Die schwache Konsumententwicklung spiegelt sich in den Unternehmensprognosen. Der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna, für den Deutschland der größte Markt nach Volumen ist, hat seine Umsatz- und GMV-Prognosen für das Gesamtjahr 2026 gesenkt. Die Umsatzprognose korrigierte Klarna von über 4,34 Milliarden US-Dollar auf nun 4,08 bis 4,16 Milliarden US-Dollar.
Das Brutto-Warenvolumen (GMV) wird jetzt bei 149 bis 151 Milliarden US-Dollar erwartet, statt zuvor über 155 Milliarden US-Dollar. Sebastian Siemiatkowski, CEO und Mitgründer von Klarna, erklärte, das Unternehmen habe eine gedämpftere Sichtweise auf das deutsche Volumen für den Rest des Jahres. Im zweiten Quartal 2026 meldete Klarna ein Umsatzplus von 27 Prozent auf 1,04 Milliarden US-Dollar, ein GMV-Wachstum von 18 Prozent auf 36,6 Milliarden US-Dollar sowie einen Nettogewinn von 9 Millionen US-Dollar.
Die Entwicklung in Kernmärkten wie Deutschland beeinflusst die längerfristigen Aussichten des Unternehmens.
Internationale Parallelen und Ausblick
Auch in den Vereinigten Staaten sind ähnliche Trends erkennbar. Die US-Einzelhandelsumsätze fielen im Juli um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat und verzeichneten damit den größten Rückgang seit Mai 2025. Die US-Inflation lag im Juli bei 3,4 Prozent, beeinflusst von steigenden Benzinpreisen.
Der Arbeitsmarkt ist weiterhin eine relevante Rahmenbedingung. Heather Long, Chefvolkswirtin der Navy Federal Credit Union, konstatiert: „Amerikanische Konsumenten zeigen Anzeichen von Ermüdung. Die Einzelhandelsumsätze im Juli waren auf allen Ebenen enttäuschend.“
Die deutsche Wirtschaft ist seit 2020 kaum gewachsen; das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte 2023 und 2024, während das Wachstum 2025 bei 0,2 Prozent lag. Vor diesem Hintergrund wirken die aktuellen Konsumdaten als zusätzlicher Grund für Zurückhaltung. Analysten bleiben vorsichtig.
Die jüngsten Zahlen unterstreichen, dass eine Erholung der deutschen Wirtschaft eng mit einer Stabilisierung der Preise und einem nachhaltigen Reallohnwachstum verknüpft ist. Die Entwicklung der Inflation und die Reaktion der Konsumenten auf künftige Preisbewegungen werden die konjunkturelle Richtung im weiteren Jahresverlauf beeinflussen. Kurzfristig ist nach den vorliegenden Einschätzungen keine rasche Besserung der Konsumstimmung erkennbar.







