Der Kaffeepreis reagiert empfindlich auf verschiedene Faktoren, darunter das sich verstärkende Wetterphänomen El Niño. Nicht alle Kaffeemärkte entwickeln sich dabei gleich: Während Arabica-Futures in der Anfangsphase der Ereignisse stiegen, dämpfen hohe vietnamesische Exporte die Preise für Robusta-Kaffee.
Beobachter befürchten, dass El Niño nicht nur weitere Preissteigerungen auslösen, sondern auch zu Lieferengpässen auf dem globalen Kaffeemarkt führen könnte.
Stärkster El Niño der Geschichte antizipiert
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre auftritt. Es erwärmt die Oberflächenwassertemperaturen im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik ungewöhnlich stark. Die aktuelle Entwicklung deutet auf ein ungewöhnlich starkes Ereignis hin.
Die US-Behörde NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes El Niño-Ereignis im Herbst und Winter der Nordhalbkugel 2026/2027 mit 90 Prozent. Zudem besteht laut NOAA eine 69-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis alle seit 1950 registrierten El Niños übertreffen wird. Das britische Met Office warnt, die Erwärmung könnte später im Jahr 2026 über 3 Grad Celsius liegen.
Einige Gruppen sehen sogar Werte über 4 Grad Celsius, was das Ereignis in einen historischen Kontext stellen würde. Dynamische Modelle (IRI) prognostizieren Niño3.4-Spitzenwerte nahe 2,5 bis 2,6 Grad Celsius und eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass El Niño den Rest des Jahres 2026 bestehen bleibt.
Der Höhepunkt wird für November 2026 bis Januar 2027 erwartet. Die WMO weist darauf hin, dass El Niño die globale Durchschnittstemperatur um rund 0,2 Grad Celsius anheben kann und dass 2027 das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen werden könnte. Solche Temperaturabweichungen können Folgen für die Landwirtschaft und damit für die Preise verschiedener Agrarrohstoffe haben.
Robusta-Kaffee: Vietnams Ernte unter Druck
Die Produktion von Robusta-Kaffee in Vietnam steht unter Beobachtung. Thai Nhu Hiep, Vizepräsident der Vietnam Coffee-Cocoa Association, warnt vor den Auswirkungen von El Niño auf die vietnamesische Ernte 2026/2027. Dies gilt insbesondere für das zentrale Hochland, das anfällig für extreme Wetterlagen ist.
Historisch ist El Niño in dieser Region mit Trockenheit während der Regenzeit von Mai bis Oktober verbunden. Das kann zu reduzierten Niederschlägen und Bodenfeuchtigkeitsdefiziten während der Kirschenentwicklung führen.
Trotz dieser Risiken stiegen Vietnams Kaffee-Exporte im Juli 2026 um 45 Prozent gegenüber Juli 2025 auf fast 148.000 Tonnen. Die Gesamtexporte in den ersten zehn Monaten des Erntejahres 2025/2026 erreichten 1,54 Millionen Tonnen, ein Plus von 26,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Diese hohen Exportzahlen dämpfen aktuell den Preisdruck auf Robusta-Kaffee.
Die Robusta-Lagerbestände an der ICE-Börse erreichten im Juli 2026 mit über 4.350 Kontrakten (43.520 Tonnen) den höchsten Stand seit fast fünf Monaten. Die neue Erntesaison in Vietnam beginnt offiziell im Oktober. Kaffee der neuen Ernte wird voraussichtlich ab November auf den Markt kommen.
Das US-Landwirtschaftsministerium prognostiziert für das Erntejahr 2026/2027 eine vietnamesische Produktion von 32 Millionen 60-Kilogramm-Säcken.
Arabica-Sorgen: Erdbeben und Wetterextreme
Die Lage bei Arabica-Kaffee ist komplexer. Kolumbien wurde am 11. August 2026 von einem Erdbeben der Stärke 7,4 getroffen.
Dies schürt Befürchtungen über kurzfristige Lieferengpässe. Regionen wie Caldas und Risaralda, die zusammen etwa ein Viertel der kolumbianischen Kaffeeproduktion ausmachen, waren stark betroffen. Der Hafen von Buenaventura stellte den Betrieb vorübergehend ein.
Straßensperrungen und Verkehrsbeschränkungen könnten den Gütertransport weiter beeinträchtigen.
In Brasilien, dem weltweit größten Kaffeeproduzenten, trägt eine schwache Exportlage zur Stützung der Arabica-Preise bei. Die Juli-Exporte lagen bei über drei Millionen 60-Kilogramm-Säcken, ein Anstieg von 9,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, blieben aber unter den Erwartungen. Starke Regenfälle in wichtigen Anbaugebieten verlangsamten die Arabica-Ernte und beeinträchtigten das Exportangebot.
Zudem bestehen weiterhin Infrastrukturprobleme in Seehäfen.
El Niño erhöht das Risiko für heißere und trockenere Bedingungen in zentralen Arabica-Regionen wie Minas Gerais. Dies ist gerade in der entscheidenden Blütephase und frühen Kirschenentwicklung von September bis November kritisch. Die Arabica-Lagerbestände an der ICE-Börse fielen im Juli 2026 auf den niedrigsten Stand seit zweieinhalb Jahren und erreichten 241.840 Säcke.
Vor diesem Hintergrund stieg der September-Kontrakt für Arabica-Kaffee am 11. August 2026 um mehr als 1 Prozent auf 7.402 US-Dollar pro Tonne, den höchsten Stand seit fünf Wochen.
Globale Auswirkungen und Ausblick
El Niño betrifft nicht nur Kaffee. Auch Kakao, Zucker, Getreide und Palmöl könnten beeinträchtigt werden. Die Vereinten Nationen appellieren an 22 Hochrisikoländer in Asien, Ozeanien, Afrika und Lateinamerika, sich vorzubereiten. Das Welternährungsprogramm schätzt, dass El Niño bis Ende 2027 mindestens 49 Millionen zusätzliche Menschen in akute Ernährungsunsicherheit treiben könnte.
Frühere starke El Niño-Ereignisse in den 1980er und 1990er Jahren verursachten laut Analysen wirtschaftliche Schäden in einer Größenordnung von 4 bis 5 Billionen US-Dollar pro Ereignis. Eine Studie des Dartmouth College schätzt die kumulativen wirtschaftlichen Schäden durch El Niño-Zyklen im 21. Jahrhundert auf rund 84 Billionen US-Dollar.
Analysten von Morgan Stanley erwarten Auswirkungen auf Zucker, Kakao, Kupfer und Kreditmärkte. Forbes berichtet von möglichen starken Preisanstiegen für bestimmte Gemüsearten in Brasilien. Die FAO warnt vor zusätzlichem Druck auf fragile Getränkesysteme.
Globale Lieferketten können durch veränderte Wettermuster, höhere Treibstoffkosten und Empfindlichkeiten wie Engpässe im Panamakanal gestört werden. Die Entwicklung der Kaffeepreise hängt wesentlich vom weiteren Verlauf von El Niño und von den Ernteergebnissen ab. Während Robusta kurzfristig durch hohe Exporte aus Vietnam gedämpft wird, reagieren Arabica-Märkte auf Unsicherheiten in Kolumbien und Brasilien.
Die kommenden Monate, insbesondere die Blüte- und Fruchtentwicklungsphasen in den Hauptanbauländern, sind entscheidend für das globale Kaffeeangebot. Analysten beobachten zudem, inwieweit der Klimawandel die Intensität solcher Wetterphänomene beeinflusst. Ein direkter kausaler Zusammenhang ist allerdings weiterhin Gegenstand der Forschung.







