Das US-Startup Endurance Energy legt am Unterwasservulkan Axial Seamount im Nordostpazifik den ersten Machbarkeitsnachweis für ein submarines Geothermiekraftwerk vor. In einem Kurzzeittest weist das Team aus Seattle nach, dass sich die Hitze vulkanischer Fluide in der Tiefsee zur Netto-Stromerzeugung nutzen lässt. Zielmarkt des Unternehmens sind vorrangig Inselstaaten und Küstenregionen im Pazifikraum, die stark von fossilen Brennstoffimporten abhängen und witterungsunabhängige Grundlastkapazitäten suchen.
Acht Sekunden Netto-Strom in 1.500 Metern Tiefe
Der dreiwöchige Test findet in rund 1.524 Metern Wassertiefe statt. Dort setzt das Team um Gründer und CEO Andrew Redd den Prototyp „Adélie“ ein. Die Anlage wiegt rund drei Tonnen und ist auf eine Nennleistung von 100 Kilowatt ausgelegt.
Das Vorhaben nutzt eine breite maritime Infrastruktur. Beteiligt sind das Forschungsschiff Ocean Guardian von Stabbert Maritime, der kanadische Tiefseeroboter ROPOS sowie die University of Washington. Der Prototyp ist dabei an das kabelgebundene Regional Cabled Array der Universität und der National Science Foundation angeschlossen.
Am 27. September 2026 speist das System erstmals verwertbare Energie ein. Für exakt 8,7 Sekunden produziert die Anlage netto-positive Energie und liefert mehr Strom, als der Eigenbetrieb verbraucht.
Während dieses Betriebsfensters laufen die Turbinen mit rund 26.000 Umdrehungen pro Minute. Die Anlage erzeugt insgesamt 60 Wattstunden bei einem Leistungsmedian von rund zwei Kilowatt und einem Spitzenwert von 16,5 Kilowatt.
Technische Ausfälle erzwingen vorzeitigen Testabbruch
Gleichwohl beenden zwei technische Zwischenfälle die Testkampagne vorzeitig. Zunächst löst eine Fehlermeldung der Steuerungssoftware nach einem Stromstoß im Batteriemodul eine automatische Notabschaltung aus. Beim anschließenden Wiederanlauf dringt Meerwasser durch einen Isolationsschaden an einem Stromkabel ein, was zu einem Kurzschluss an der Kältemittelpumpe führt.
Zudem stoßen die Ingenieure bei den Bohrungen auf operative Grenzen. Das Team bohrt zwei Testlöcher mit einem Durchmesser von etwa zwei Zoll, rund fünf Zentimeter, bis in 16 Meter Tiefe und misst dort 260 Grad Celsius. Der Querschnitt reicht jedoch nicht aus, um den für den Turbinenbetrieb erforderlichen Heißwasserfluss zu generieren.
Für die Stromerzeugung weicht das Team deshalb auf einen natürlichen Hydrothermalschlot mit einer Fluidtemperatur von rund 281 Grad Celsius aus. Bislang fehlt der Nachweis, ob das betriebseigene Bohrsystem Lander Drill im Dauereinsatz genügend Fördervolumen erschließen kann. Das Gerät ist für Tiefen von bis zu 80 Metern konzipiert.
Pazifische Inselstaaten als modularer Zielmarkt
Endurance Energy positioniert die Technologie vorrangig im pazifischen Raum. Inselstaaten wie Tonga hängen in hohem Maße von importiertem Erdöl und Schiffsdiesel ab. Schwankende Frachtraten und geopolitische Spannungen treiben die Stromgestehungskosten auf diesen Inseln regelmäßig in die Höhe.
Zugleich begrenzen knappe Landflächen den Ausbau von großen Freiflächen-Fotovoltaik- oder Windkraftanlagen. Submarine Geothermie soll kontinuierliche Grundlast liefern, ohne terrestrische Flächen zu beanspruchen. Für das Jahr 2027 plant das Unternehmen ein erstes kommerzielles Projekt vor Tonga.
Vorgesehen sind bis zu sechs Module mit jeweils zwei Megawatt, was einer Gesamtleistung von zwölf Megawatt entspricht. Die Einheiten weisen die Maße von Standard-Container-Generatoren auf.
Unternehmenschef Redd verweist dabei auf die physikalischen Bedingungen am Meeresboden. Kaltes Tiefseewasser begünstigt die Kühlung, während der hydrostatische Druck die geschlossenen Systeme stabilisiert und kompakte Bauweisen erlaubt. Neben Tonga prüft das Unternehmen Standorte in Alaska, im US-Bundesstaat Washington sowie in Taiwan und Japan.
Hohe Logistikkosten belasten die Wirtschaftlichkeit
Fachleute bewerten das Konzept verhalten, insbesondere mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit. Roland Horne, Professor für Energy Science und Engineering an der Stanford University, stuft das Verfahren zwar als technisch realisierbar ein, erwartet jedoch deutlich höhere Ausgaben als bei Projekten an Land. Horne gibt zu bedenken, dass bereits die Onshore-Geothermie an der Grenze der Wettbewerbsfähigkeit operiert.
Zusätzliche Kostentreiber gefährden die Rentabilität schnell.
Vor allem die maritime Logistik treibt die Investitions- und Betriebsausgaben. Spezialschiffe, Tauchroboter sowie unterseeische Strom- und Glasfaserkabel erfordern erhebliche Vorabinvestitionen. Hinzu kommt die Materialbelastung: Heißes, mineralreiches Thermalwasser führt im Zusammenspiel mit Salzwasser zu extremer Korrosion, was teure Speziallegierungen notwendig macht.
Überdies trifft Endurance Energy auf Konkurrenz durch neue Onshore-Konzepte. Mazama Energy erschließt superkritisches Tiefengestein bei Temperaturen von 331 bis 374 Grad Celsius, Factor2 Energy entwickelt geschlossene Kohlendioxid-Kreisläufe und europäische Projekte wie Eavor bewegen sich in ähnlichen Investitionsdimensionen. Parallel dazu verlangen Genehmigungsverfahren an hydrothermalen Schloten umfassende Umweltprüfungen, da diese Tiefseezonen sensible Ökosysteme beherbergen.
Neuer Prototyp für die nächste Erprobungsphase
Für Endurance Energy markiert der Test am Axial Seamount den Auftakt der praktischen Entwicklungsphase. Für den Winter 2026 bis 2027 bereitet das Unternehmen den Test des modifizierten Prototyps „Gentoo“ vor. Das überarbeitete 100-Kilowatt-System soll einen längeren und störungsfreien Betrieb am Meeresboden sicherstellen.
Investoren und Industriepartner werden die kommenden Tests genau analysieren. Erst wenn die Anlage dauerhaft stabil arbeitet und eigene Bohrungen ausreichende Fluidmengen liefern, lässt sich die Realisierbarkeit des Tonga-Zeitplans verlässlich bemessen. Bis dahin bleibt offen, ob submarine Geothermie gegenüber etablierten Onshore-Lösungen wirtschaftlich bestehen kann.







