Der schwedische Finanzinvestor EQT führt fortgeschrittene Verhandlungen über eine vollständige Übernahme des deutsch-niederländischen Molekulardiagnostik-Konzerns Qiagen. EQT legt dafür ein verbindliches Barangebot von mehr als 50 US-Dollar je Aktie vor. Das gesamte Transaktionsvolumen beläuft sich auf über 9 Milliarden Euro.

Parallel dazu liegt dem Kontrollgremium des Diagnostikspezialisten ein Gegenangebot des US-Beteiligungsunternehmens KKR vor.

Der Aufsichtsrat von Qiagen kommt in dieser Woche zusammen, um die vorgelegten Offerten zu prüfen und über die Einleitung einer Transaktion zu entscheiden.

Bietergefecht um europäisches Diagnostik-Schwergewicht

Mit dem Vorstoß von EQT erreicht das Tauziehen um Qiagen eine entscheidende Phase. Das Gebot übersteigt die jüngste Marktkapitalisierung von rund 8,5 Milliarden Euro spürbar. Umgerechnet entspricht die Offerte von mehr als 50 US-Dollar je Anteilsschein bei einem Wechselkurs von etwa 0,875 Euro je US-Dollar der Marke von rund 43,58 Euro je Aktie.

Dieser Wert deckt sich mit der vom Aufsichtsrat intern definierten Schmerzgrenze für Verhandlungen.

EQT steht mit seinen Übernahmeplänen allerdings nicht allein im Markt. Neben dem konkreten Gegenangebot von KKR bekundeten im Jahresverlauf weitere namhafte Private-Equity-Investoren ihr Interesse: Auch Advent International, TPG sowie Bain Capital analysierten das Dossier. Das breit gefächerte Interesse internationaler Finanzinvestoren verdeutlicht die strategische Attraktivität von Qiagens Plattformtechnologien für Probenvorbereitungen und Testverfahren.

Die Kapitalmärkte reagieren umgehend auf die Zuspitzung des Bietergefechts. Im Frankfurter Xetra-Handel kletterte das Papier zeitweise um 3,8 Prozent auf 42,83 Euro und markierte im Tageshoch einen Stand von 44,45 Euro. An der New York Stock Exchange verteuerte sich der Titel um rund fünf Prozent auf 48,90 US-Dollar.

Die Kursgewinne signalisieren, dass Marktteilnehmer einer Übernahme inzwischen hohe Erfolgschancen einräumen, wenngleich eine rechtsverbindliche Vereinbarung weiterhin aussteht.

Aktivistische Investoren forcieren den Verkaufsprozess

Die Dynamik im Bieterprozess ist das Ergebnis einer strategischen Neuausrichtung auf Führungsebene. Als treibende Kräfte agieren der Aufsichtsratsvorsitzende Stephen Rusckowski und Mark Stevenson. Stevenson vertritt den aktivistischen US-Hedgefonds Fivespan, der seit Längerem auf Wertsteigerungen und strukturelle Anpassungen im Konzern dringt.

Um den Verkaufsprozess professionell aufzusetzen und den Marktwert auszuloten, mandatierte das Kontrollgremium die Investmentbanken Goldman Sachs sowie Moelis und Company. Ende August gewährte das Management potenziellen Käufern über einen virtuellen Datenraum umfassenden Einblick in die Bücher des Unternehmens.

Zudem stellte Qiagen die operative Führung neu auf. Zum 1. September übernahm Jonathan Pratt die Position des Vorstandsvorsitzenden von Thierry Bernard, dessen Rückzug ursprünglich für den Zeitraum von Ende 2025 bis Anfang 2026 vorgesehen war.

Pratt gilt in der Branche als erfahrener Manager für Fusionen und Übernahmen. Zuletzt führte er die Filtration Group und steuerte deren Verkauf an den US-Industriekonzern Parker-Hannifin, eine Transaktion mit einem Barvolumen von 9,25 Milliarden US-Dollar.

Operative Verlangsamung weckt Erinnerungen an 2019

Qiagen entstand 1984 als universitäres Spin-off in Düsseldorf und sicherte sich später den Status als erstes deutsches Biotech-Unternehmen mit Notierung an der Nasdaq. Nach Sonderkonjunkturen sieht sich das Unternehmen mit einer Abkühlung des operativen Wachstums konfrontiert. Im April korrigierte das Management die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2026 drastisch nach unten: Statt eines zuvor avisierten Wachstums von mindestens fünf Prozent rechnet Qiagen lediglich noch mit einem Zuwachs von 1 bis 2 Prozent.

Verantwortlich dafür sind eine nachlassende Nachfrage im US-Markt und ein sinkendes Volumen bei Tuberkulose-Tests. Im Mai markierte die Aktie mit 27,61 Euro ihr bisheriges 52-Wochen-Tief.

Als Gegenmaßnahme verfolgt das Management ein synthetisches Aktienrückkaufprogramm im Umfang von rund 500 Millionen US-Dollar. Diese Kapitalmaßnahme soll bis Ende 2028 auf ein Volumen von mindestens 1 Milliarde US-Dollar ausgeweitet werden, um den Kurs abzusichern.

Die aktuelle Situation weckt im Markt Erinnerungen an die Verhandlungen im Dezember 2019. Damals stand Qiagen in weit fortgeschrittenen Gesprächen mit dem US-Laborausrüster Thermo Fisher Scientific. Das damalige Board unter der Leitung von Håkan Björklund brach die Verhandlungen jedoch überraschend ab und argumentierte, die Eigenständigkeit biete größere Wertpotenziale.

Die Entscheidung quittierten Investoren mit einem Kurseinbruch von rund 20 Prozent. Schon damals prognostizierten Branchenbeobachter, dass Kaufinteressenten bei veränderten Marktbedingungen zurückkehren würden.

Weichenstellung für den Standort Hilden

Für Qiagen markieren die laufenden Gespräche eine Zäsur. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 5.700 Mitarbeiter, davon etwa 1.300 am operativen Hauptstandort im rheinischen Hilden. Der Ausgang des Duells zwischen EQT und KKR entscheidet maßgeblich über die künftige Strategie und Eigentümerstruktur des Anbieters von molekulardiagnostischen Gesamtlösungen.

Offen bleibt, ob ein Private-Equity-Eigentümer das Unternehmen vollständig von der Börse nimmt oder ob im Nachgang Teilverkäufe und strategische Partnerschaften für einzelne Sparten geplant sind. Auf Anfragen zu den laufenden Verhandlungen gaben Qiagen und KKR keine Stellungnahme ab; EQT war kurzfristig nicht für eine Reaktion erreichbar. Die Entscheidungen des Aufsichtsrats in dieser Woche werden zeigen, ob der Verkaufsprozess dieses Mal zu einem Abschluss führt oder Qiagen erneut die Eigenständigkeit anstrebt.