Die Europäische Union arbeitet an der Regulierung sensibler Gesundheits- und Hirndaten. Die Kommission erarbeitet einen Rahmen für Pre-Deployment-Tests und den Zugriff vertrauenswürdiger Partner für KI-Modelle. Parallel dazu zeichnen sich bei Hirnimplantaten (BCIs) und beim Zugang zu Gesundheitsdaten neue regulatorische Fragestellungen ab.
Diese Schritte stehen im Kontext des globalen Wettbewerbs sowie der Debatte um Datennutzung und Investitionen in Europa.
Regulierung: KI, Neurodaten und der DSA
Die Bestrebungen der EU, KI-Modelle umfassend zu regulieren, trägt Henna Virkkunen, Tech-Chefin der Europäischen Kommission, mit. Sie betont die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen für Gesundheits- und Neurodaten. Dabei hebt sie kulturelle Unterschiede im Umgang mit Technologien zwischen der EU und den USA hervor.
In den USA wird teilweise ein weniger restriktiver Zugang vertreten, wie Äußerungen von Vertretern wie Elon Musk zeigen.
Sam Altman, CEO von OpenAI, bestätigte die freiwillige Überprüfung des Astra-Modells durch die US-Regierung. Diese Entwicklung zeigt die zunehmende Scrutiny auch außerhalb der EU.
Im Bereich der Hirnimplantate sehen Fachleute einen Konfliktpunkt im Wettbewerb zwischen den USA und China. China erhielt die weltweit erste kommerzielle Zulassung für ein BCI, das bei Patienten mit Rückenmarksverletzungen die Handbewegung wiederherstellt. In den USA gelten regulatorische Engpässe und Finanzierungsprobleme als Herausforderung.
Dies befeuert die Forderung nach einer koordinierten Biotechnologie-Strategie.
Senator Todd Young (R-Ind.), Vorsitzender der National Security Commission on Emerging Biotechnology, warnt, dass China bei strategischen Technologien wie BCI schneller voranschreitet als die Vereinigten Staaten. Zugleich gibt es offene Fragen zu Kontrolle und Datenschutz von Neurodaten. China verfügt bislang über keine spezifischen Vorschriften für Neurodaten.
Ein weiterer Pfeiler der EU-Datenstrategie ist der Digital Services Act (DSA). Artikel 40 des DSA ermöglicht unabhängigen Forschern den Zugang zu öffentlichen und nicht öffentlichen Daten sehr großer Online Plattformen (VLOPs) und sehr großer Suchmaschinen (VLOSEs). Für Artikel 40 wurde 2025 ein delegierter Akt verabschiedet.
In der Praxis bestehen jedoch weiterhin Barrieren, da Plattformen Widerstand gegen direkten Datenzugang zeigen. Sie bevorzugen alternative Ansätze wie eine „Unabhängigkeit durch Erlaubnis“, was den Zugriff auf Daten in einem globalen KI-Wettlauf einschränkt.
Milliardeninvestitionen in europäische KI-Infrastruktur
Die Europäische Kommission plant die Einrichtung von sieben großen KI-Rechenzentren, sogenannten Gigafactories, in der EU. Diese sollen die Entwicklung großer KI-Modelle unterstützen. Zwei Drittel der EU-Regierungen haben sich bereit erklärt, das Vorhaben zu unterstützen. Die Gesamtzusagen der Mitgliedstaaten belaufen sich auf rund 3 Milliarden Euro.
Die öffentliche Förderung ist auf maximal 35 Prozent der Gesamtinvestition pro Gigafactory begrenzt. Deutschland hat Zusagen in Höhe von 200 Millionen Euro für eine große Gigafactory sowie weitere 800 Millionen Euro gemacht, insgesamt also eine Milliarde Euro. Portugal, Spanien, Italien und Griechenland haben jeweils 200 Millionen Euro für große Zentren zugesagt.
Frankreich, Dänemark, Polen und Tschechien sagten jeweils 100 Millionen Euro für kleinere Gigafactories zu.
Kleinere Zusagen kommen unter anderem aus Schweden mit 50 Millionen Euro und Litauen mit 1 Million Euro. Litauen, Kroatien und Ungarn unterstützen Polens Bewerbung mit insgesamt 36 Millionen Euro. Irland sagte 10 Millionen Euro für eine in Frankreich angesiedelte Gigafactory zu.
Neun Mitgliedstaaten haben sich bisher nicht verpflichtet, Gelder bereitzustellen. Als Gründe werden angespannte nationale Haushalte genannt. Die niederländische Regierung verweist etwa auf fehlenden Spielraum im aktuellen Haushalt und präferiert eine flexible Weiterentwicklung der KI-Infrastruktur ohne große Vorabreservierungen.
Kritiker und Experten stellen zudem den Business Case der Gigafactories infrage.
Kapitalmobilisierung und Quantenstrategie
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beklagte, dass rund 10 Billionen Euro europäischer Haushaltsersparnisse in Bankeinlagen „faul“ liegen. Die EU beabsichtigt, dieses Kapital aktiver zu nutzen. Das im März 2025 präsentierte Paket „Savings and Investments Union“ könnte laut Kommission bis zu 470 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen freisetzen.
Der Draghi-Bericht schätzt den jährlichen zusätzlichen Finanzierungsbedarf für Digitalisierung, Industrie, Energie, Verteidigung und Infrastruktur auf 750 bis 800 Milliarden Euro, was etwa 4,4 bis 4,7 Prozent des europäischen BIP entspricht.
Die Kommission arbeitet außerdem an einem sogenannten Quantum Act. Die Gesetzgebung für Quantentechnologien soll bis Ende 2026 vorgelegt werden, ein späterer Zeitpunkt im Jahr 2027 ist ebenfalls möglich. Thomas Skordas, stellvertretender Generaldirektor der GD CONNECT, betont, dass es beim Quantum Act nicht nur um den Haushalt geht.
Es geht vielmehr darum, Anreize zu setzen und Akteure zusammenzubringen.
Tommaso Calarco, Sekretär des EU-Hochrangigen Beratungsgremiums für Quantentechnologien, fordert die Erreichung einer „kritischen Masse“ durch Bündelung von Mitteln und Tempo. Er bezeichnet den Quantum Act als „letzten Zug“ für Europa. Das European Quantum Industry Consortium weist darauf hin, dass Europa bereits rund 80 Prozent der Komponenten für Quantencomputer selbst herstellt.
Gleichzeitig betonen Expertengespräche die Notwendigkeit, europäische Quanten Startups zu konsolidieren und Quantencomputing in ein breiteres Technologie Ökosystem zu integrieren, um Silos aufzubrechen.
Gesundheitsdaten und Künstliche Intelligenz in der Praxis
Die Integration von KI in den Gesundheitssektor schreitet voran. ChatGPT Health hat eine Integration mit dem Electronic Health Record (EHR)-System von Epic angekündigt. Epic verwaltet Daten von über 325 Millionen Patienten. Recherchen zufolge werden wöchentlich mehr als 300 Millionen gesundheitsbezogene Suchanfragen an ChatGPT gestellt.
OpenAI meldete, dass 99,1 Prozent der Antworten auf 4.300 ärztliche Anfragen in 27 klinischen Anwendungsfällen sicher waren. Zugleich bleiben Sicherheitsbedenken bestehen. Schon wenige unsichere Antworten können erhebliche Folgen haben, und es gibt bereits Klagen gegen OpenAI wegen angeblich fehlerhafter medizinischer Empfehlungen.
PatientIQ schloss eine Serie C Finanzierungsrunde über 30 Millionen US-Dollar ab. Das Unternehmen hat seinen integrierten EHR-Fußabdruck seit der Serie B im Jahr 2022 von 200 auf über 870 Gesundheitsdienstleisterorganisationen ausgebaut. PatientIQ deckt über 17 Millionen Patienten ab und erfasst mehr als 70 Millionen Patientenergebnisse in über 20 medizinischen Fachgebieten.
Investoren umfassen unter anderem Hughes und Company sowie Health Enterprise Partners. Travis Hughes (Hughes und Company) tritt dem Board von PatientIQ bei.
Ausblick: Zwischen Regulierung, Investition und Konsolidierung
Die EU-Strategie in den Bereichen Daten, KI und Biotechnologie umfasst Regulierungspläne, erhebliche Investitionsbedarfe und Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Der geplante Quantum Act und die Gigafactories sind Teil der Bemühungen, technologische Souveränität zu stärken. Gleichzeitig müssen die Herausforderungen des Datenzugangs im Rahmen des DSA und die Fragmentierung im Quantenbereich adressiert werden.
Die Debatte um die Mobilisierung europäischer Ersparnisse und den geschätzten Kapitalbedarf von bis zu 800 Milliarden Euro jährlich bleibt ein zentrales Thema der politischen Agenda. Die Balance zwischen Innovation, Patientensicherheit und Datenschutz wird weiterhin zentral sein. Die konkrete Ausgestaltung des Quantum Act und die Implementierung der Gigafactories werden zeigen, wie die EU die geplanten Vorhaben tatsächlich umsetzt und welche Auswirkungen dies auf die europäische und globale Technologielandschaft haben wird.







